Die US-Börsenaufsicht SEC hat eine befristete Innovation Exemption erlassen. Sie erlaubt Handelsplätzen den Handel mit tokenisierten US-Aktien über automatisierte Liquiditätspools, ohne Registrierung als Börse oder Händler.
Ein Tokenized Securities Venue, kurz TSV, ist eine Plattform für tokenisierte Abbilder börsennotierter US-Aktien. Diese Token verbriefen dieselben Eigentumsrechte wie das Original. Ein automatisierter Market Maker übernimmt die Preisbildung anstelle eines Orderbuchs. Die Ausnahme befreit einen solchen Handelsplatz von der Exchange- und der Dealer-Definition des Securities Exchange Act von 1934. Sie gehört zu Project Crypto, der Krypto-Initiative von SEC-Chairman Paul Atkins. Ursprünglich kündigte die Behörde die Ausnahme für Ende April 2026 an. Nach Lobbying von Nasdaq, NYSE und Cboe verschob sie den Erlass jedoch im Mai. Letztlich gilt die Regelung nun fünf Jahre, gekoppelt an Volumengrenzen und den Nachweis voller Stimmrechte. Der Markt dafür existiert bereits. Der Wert tokenisierter Aktien wuchs von rund 688 Mio. USD zu Jahresbeginn 2026 auf knapp 3 Mrd. USD.
Diese Auflagen knüpft die SEC an den Onchain-Handel
Die Anordnung der Kommission setzt zwei Definitionen des Securities Exchange Act von 1934 aus. NMS-Aktien sind die im National Market System notierten US-Titel, also der Kern des amerikanischen Aktienhandels. Zunächst gilt ein TSV nicht als Exchange, obwohl er Kauf- und Verkaufsinteressen zusammenführt. Ausserdem greift die Dealer-Definition nach Section 3(a)(5) nicht. Wer in einem AMM-Pool eines TSV mit Eigenkapital tokenisierte NMS-Aktien bereitstellt, muss sich somit nicht als Händler registrieren. Das gilt selbst dann, wenn dieser Liquiditätsanbieter Preise quotiert oder Kapital verbindlich zusagt. Beide Befreiungen gelten nur für diese eng umrissene Tätigkeit.
Ein Freibrief ist das nicht. Jeder TSV darf nur eine begrenzte Zahl von Symbolen listen und ein begrenztes Handelsvolumen abwickeln. Folglich kann nur ein Bruchteil des Umsatzes einer Aktie in das neue Segment abwandern. Ferner muss der Betreiber nachweisen, dass die Token dieselben Rechte gewähren wie die zugrundeliegende NMS-Aktie, Dividenden und Stimmrechte eingeschlossen. Tokenisiert ein unabhängiger Dritter eine Aktie, erhält der Emittent zuvor eine Anzeige und ein Widerspruchsrecht. Die Smart Contracts müssen zudem auditierbar und öffentlich sein und auf einer permissionless Public-Chain laufen. Der Zugang zu den Liquiditätspools selbst bleibt dagegen permissioniert.
Setzt die primäre Listing-Börse den Handel aus, muss der TSV gleichzeitig stoppen. Weiterhin gilt eine öffentliche Berichtspflicht über Betrieb und Handelsaktivität, die auch verbundene Parteien erfasst. Ausgeschlossen bleiben hingegen synthetische Produkte, die den Preis eines Basiswerts nachbilden, ohne ihn zu halten. Insgesamt zieht die Behörde damit eine Trennlinie zwischen echtem Eigentum und blosser Preisreplikation.
SEC handelt, wo der Clarity Act im Senat scheiterte
Der zeitliche Zusammenhang ist schwer zu übersehen. Zwei Tage vor der Anordnung scheiterte der Digital Asset Market Clarity Act im US-Senat an einer Verfahrensabstimmung. 49 Senatoren stimmten zu, nötig waren 60. Ein Gesetz hätte den Rahmen für digitale Vermögenswerte dauerhaft festgeschrieben. Eine Ausnahme der Behörde lässt sich jederzeit zurücknehmen. Deshalb schafft die Kommission nun per Verwaltungsanordnung Fakten, allerdings befristet und an Bedingungen geknüpft. Ferner bittet sie um öffentliche Stellungnahmen zu möglichen Anpassungen.
Die Anordnung steht am vorläufigen Ende einer langen Kampagne. Atkins kündigte die nächste Phase von Project Crypto im November 2025 in einer Rede bei der Federal Reserve Bank of Philadelphia an. Es folgte im März 2026 ein Memorandum of Understanding mit CFTC-Chairman Michael Selig, das die Abstimmung beider Aufsichtsbehörden regelt. Wenige Tage darauf veröffentlichte die Kommission eine Interpretative Release zu Krypto-Assets. Im August 2026 legte sie schliesslich den Vorschlag Regulation Crypto Assets vor, der zwei Registrierungsausnahmen für Krypto-Investment-Contracts vorsieht.
Die Innovation Exemption selbst verzögerte sich mehrfach. Auf die Verschiebung im Mai 2026 folgte später die Absage eines für August angesetzten Meetings. Gleichzeitig veränderte sich die Besetzung der Kommission. Caroline Crenshaw, bis Anfang Januar 2026 die einzige demokratische Commissioner und eine langjährige Kritikerin von Krypto-Ausnahmen, verliess die Behörde. Seither ist das Gremium rein republikanisch besetzt. Ein Dissent zur Anordnung liegt ebenfalls nicht vor.
„Die Innovation Exemption erlaubt TSVs, wenngleich befristet, tokenisierte NMS-Aktien schon heute in einer permissionierten Umgebung zu handeln." - Paul S. Atkins, Chairman der SEC
Wall-Street-Verbände warnen vor einem Zwei-Klassen-Markt
Die Wertpapierbranche hatte vor genau diesem Schritt gewarnt. SIFMA, der Verband der US-Wertpapierhäuser und Vermögensverwalter, forderte in einer Stellungnahme eine klare Registrierungspflicht. Jede tokenisierte Handelsplattform müsse sich zunächst als nationale Börse oder Alternative Trading System registrieren, bevor sie Preise für US-Personen quotiere. Der Verband vertrat diese Position ebenfalls schon im November 2025 gegenüber der Crypto Task Force der SEC. Genau diese Registrierung entfällt unter der Innovation Exemption somit für fünf Jahre.
Ebenso argumentierten Nasdaq, NYSE, Cboe und die CME Group. Ihr Einwand zielt auf ein Zwei-Klassen-System. Dieselbe Aktie liefe an der Börse unter den strengen NMS-Regeln. Bei einem TSV gälten hingegen die lockereren Bedingungen der Ausnahme. Daher könnten Preisdivergenzen zwischen beiden Handelsorten entstehen. Für Retail-Orders drohe folglich die schlechtere Ausführung. Letztlich griff die Kommission keinen dieser Einwände als Registrierungspflicht auf.
Die Behörde begegnet dem Einwand mit den Auflagen. Volumen- und Symbolgrenzen halten das Segment klein. Der synchrone Handelsstopp verhindert zudem, dass ein Token weiterläuft, während die Aktie ausgesetzt ist. Ob das genügt, zeigt sich erst an der tatsächlichen Liquidität der Pools. Wie viele Betreiber überhaupt einen TSV starten, ist offen. Die zuständige Division of Trading and Markets hat interessierten Parteien ihre Unterstützung bereits zugesagt.
Der Wert tokenisierter Aktien steigt auf knapp 3 Mrd. USD
Das Segment wuchs 2026 bereits ohne eigenen Rechtsrahmen. Gemessen am US-Aktienmarkt bleiben die knapp 3 Mrd. USD trotzdem eine Randgrösse. Citi-Analysten veranschlagen den Gesamtmarkt für tokenisierte Vermögenswerte bis 2030 auf 5.5 Bio. USD. Ein Teil der Nachfrage floss zuvor in Derivate. Auf Hyperliquid machten Perpetual Futures auf Aktien Anfang 2026 rund 2% des gesamten Perp-Volumens aus. Im Juli waren es etwa 50%. Ein regulierter Kassahandel onchain existierte bis zur Anordnung nicht.
Nicht jeder Anbieter profitiert. Robinhood startete im Juli 2026 die Robinhood Chain mit synthetischen Aktien-Token. Diese Produkte fallen jedoch nicht unter die Ausnahme, weil sie den Preis abbilden und nicht das Eigentum. Zwei Wochen vor der Anordnung stritten Robinhood-CEO Vlad Tenev und AMC-CEO Adam Aron öffentlich über ein synthetisches AMC-Token. Nicht zuletzt sieht die neue Regelung für echte tokenisierte Aktien ein Widerspruchsrecht des Emittenten vor.
Europa war früher dran. Die SIX Digital Exchange betreibt seit 2021 unter FINMA-Lizenz die erste vollregulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur für tokenisierte Wertpapiere. Bislang dominieren dort Anleihen. Später kam 2025 mit Citi als Custodian eine Lösung für tokenisierte Pre-IPO-Aktien hinzu. In der EU lief die Übergangsfrist der MiCA-Verordnung im Juli 2026 aus. Die Wertpapiertokenisierung deckt die Verordnung allerdings gar nicht ab. Dafür gilt dort das separate DLT-Pilot-Regime mit einer Marktkapitalisierungsobergrenze von 6 Mrd. EUR je Infrastruktur. Bis zum 30.09.2026 konsultiert die EU-Kommission ausserdem, ob sie MiCA auf tokenisierte Aktien ausweitet.








