Bitcoin rutschte innerhalb von zwei Handelstagen auf ein Tief von rund 75'000 USD. Auslöser waren das Scheitern des Clarity Act im US-Senat und die erste Fed-Zinserhöhung seit über drei Jahren.
Der Clarity Act soll die Zuständigkeiten der Börsenaufsicht SEC und der Terminmarktaufsicht CFTC abgrenzen und der Branche einen verbindlichen Rechtsrahmen geben. Eine Zinserhöhung der Notenbank verteuert Kredite und hebt die Verzinsung von Dollar-Guthaben. Das macht renditelose Anlagen wie Bitcoin relativ unattraktiver. Am 15. September verfehlte der Senat allerdings mit 49 zu 50 Stimmen die nötigen 60 Stimmen. Senator Thom Tillis beantragte zwar eine Wiedervorlage, für 2026 gilt der Entwurf trotzdem als gescheitert. Einen Tag später hob das FOMC die Federal Funds Rate einstimmig um 25 Basispunkte auf 3.75 bis 4.0% an. Vor der Abstimmung notierte Bitcoin noch bei rund 77'200 USD. Zunächst fiel der Kurs auf 74'910 bis 75'038 USD. Nach dem Fed-Entscheid folgte tags darauf ein Tief von 74'985 USD. Coinbase und Circle brachen am Abstimmungstag zweistellig ein.
Der Ausverkauf trifft Bitcoin und Krypto-Aktien gleichermassen
Coinbase betreibt die grösste Krypto-Börse der USA, Circle gibt den Stablecoin USDC heraus. Beide Geschäftsmodelle hängen daher unmittelbar daran, wie Washington digitale Vermögenswerte einordnet. Coinbase schloss am Abstimmungstag bei 172.11 USD, ein Minus von 10.10% oder 19.34 USD je Aktie. Im Sitzungsverlauf fiel der Titel bis auf 168.07 USD. Circle büsste ebenso 11.41% ein und schloss bei 86.30 USD, nach einem Tief von 84.80 USD. Insgesamt summierten sich die Verluste über zwei Handelstage gemäss Bloomberg auf rund 16% bei Coinbase und rund 20% bei Circle.
Der Ausverkauf blieb allerdings nicht auf die beiden Titel beschränkt. Robinhood Markets verlor 3.39% auf 110.45 USD, Galaxy Digital rund 8%. MicroStrategy, das Bitcoin als Unternehmensreserve hält, gab rund 5.36% auf 129.60 USD nach. Ebenfalls unter Druck gerieten die Miner: Riot, MARA, CleanSpark und Core Scientific büssten zwischen 3 und 6% ein. Ark Invest hatte kurz zuvor Coinbase- und Circle-Aktien im Wert von rund 20.8 Mio. USD verkauft.
Die Demokraten hatten ihre Zustimmung an ein durchsetzbares Verbot geknüpft. Es untersagt dem Präsidenten und hochrangigen Regierungsvertretern persönliche Gewinne aus der Krypto-Regulierung. Eine Einigung kam nicht zustande. Für die Branche war der Clarity Act nach Jahren des Lobbyings die zentrale Hoffnung auf regulatorischen Rückenwind. Sein Scheitern entzog dem Markt eine erwartete Stütze. Der Prognosemarkt Polymarket, auf dem Nutzer auf den Ausgang politischer Ereignisse wetten, hatte das Resultat früh eingepreist. Die Wahrscheinlichkeit einer Unterzeichnung des Clarity Act im Jahr 2026 lag zu Wochenbeginn bei 29.5 bis 34%. Später fiel sie auf 6 bis 7%. Ein Teil der Enttäuschung steckte somit im Kurs, bevor der Senat überhaupt abstimmte.
Bitcoins schlechte Bilanz bei Fed-Zinserhöhungen
Der Zinsentscheid fiel einstimmig mit zwölf zu null Stimmen. Die Federal Funds Rate ist jener Satz, zu dem sich US-Banken über Nacht gegenseitig Geld leihen. Die neue Zielspanne liegt bei 3.75 bis 4.0%. Zuvor hatte die Notenbank mehr als drei Jahre lang nicht erhöht. Ein Basispunkt entspricht einem Hundertstel Prozentpunkt. In ihrer Erklärung zum Zinsentscheid verwies die Fed auf die weiterhin erhöhte Inflation. Der Schritt solle eine zeitnähere Rückkehr zur Zwei-Prozent-Marke stützen. Die Wirtschaft expandiere solide, der Arbeitsmarkt sei stabil. Die Unsicherheit bleibe jedoch erhöht, unter anderem wegen geopolitischer Entwicklungen. Als robust bezeichnet die Notenbank hingegen die Binnennachfrage.

Bitcoin verlor nach dem Entscheid zeitweise bis zu 1.2% auf 74'985 USD. Für Bitcoin ist der Zinspfad kein Nebenschauplatz. Von den letzten zehn Fed-Zinserhöhungen notierte die Kryptowährung gemäss Bloomberg nur in zwei Fällen einen Monat danach höher. Die Stichprobe ist klein, das Muster dennoch einseitig. Der Dot-Plot des FOMC bildet die Zinserwartungen der einzelnen Mitglieder ab. Insgesamt rechnen 16 von 18 Mitgliedern im laufenden Jahr mit mindestens einer weiteren Erhöhung, vier davon mit zwei Schritten. Höhere kurzfristige Zinsen heben die Opportunitätskosten eines Vermögenswerts, der keine laufende Rendite abwirft. Weitere Schritte würden die Abwägung zwischen verzinslichen Dollar-Anlagen und Bitcoin somit erneut verschieben.
Die eigentliche Schwäche liegt tiefer als der Auslöser
Der Doppelschlag traf einen Markt, dessen Nachfrage bereits vorher erlahmt war. Glassnode benennt mehrere Nachfragekanäle, die zeitgleich ausfallen. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der Woche vom 8. bis 14. September Netto-Abflüsse von rund 334 Mio. USD. Anfang des Monats waren denselben Produkten noch knapp 1 Mrd. USD zugeflossen. Diese Produkte bündeln Bitcoin in einem börsengehandelten Mantel und dienen regulierten Anlegern als Zugangsweg. Der Vorzeichenwechsel trifft folglich jenen Kanal, über den institutionelles Kapital in den Markt fliesst. Ebenso drehte die On-Chain-Seite, deren Serie wachsender Zuflüsse nach 27 aufeinanderfolgenden Wachstumstagen endete.
Die Marktkapitalisierung aller Stablecoins beziffert die jüngste Wochenanalyse von Glassnode auf rund 301 Mrd. USD. Stablecoins dienen an Krypto-Börsen als primäres Zahlungsmittel, ihr Angebot gilt daher als Mass für verfügbares Kaufkapital. Der Wert bewegte sich über die Woche nicht. Gleichzeitig liegt er rund 4% unter dem Hoch vom April 2026. Seit fünf Monaten ist kein neues Hoch mehr dazugekommen. Wächst dieses Angebot nicht, fehlt es an der Börse an Kaufkraft. Frisches Kapital erreicht den Markt kaum noch.
Die Bestände auf den Handelsplätzen zeigen auf 30-Tage-Basis weiterhin Netto-Abflüsse. Coins verlassen also weiter die Börsen, während das Kapital, das sie bis dahin kaufte, pausiert. Bitcoin notiert zudem unter dem True Market Mean von 76'700 USD, dem durchschnittlichen Einstandspreis aktiver Investoren. Unterhalb dieser Linie liegt der typische Marktteilnehmer im Verlust. Letztlich dämpft das die Bereitschaft zu Nachkäufen. Das Interesse der Privatanleger hatte schon vor der Abstimmung nachgelassen.
Aktienmarkt verkraftet die Zinserhöhung besser als Krypto-Assets
Am Tag des Fed-Entscheids legte der S&P 500 um 0.4% zu, der Nasdaq um 0.8%. Die Aktienmärkte lasen die Straffung offenbar als Bestätigung einer soliden Konjunktur. Gleichzeitig setzten die Krypto-Aktien ihre Verluste fort. Der Krypto-Markt verlor hingegen an zwei Fronten zugleich, regulatorisch durch das blockierte Gesetz und geldpolitisch durch den Zinsschritt. Die Schwäche gehört folglich nicht zu einer breiten Risk-off-Bewegung an den Märkten. Die Geldpolitik allein erklärt den Kursrutsch bei Bitcoin nicht.
Bis zum Folgetag stabilisierte sich Bitcoin bei 76'417 USD, ein Plus von 0.87% binnen 24 Stunden. Der Kurs bleibt damit knapp unter dem True Market Mean. Den unmittelbaren Schock hat der Markt verarbeitet, die Nachfrageschwäche darunter jedoch nicht. Zudem wird das Repräsentantenhaus vor den Zwischenwahlen im November voraussichtlich nicht mehr aktiv. Der Branche fehlt in diesem Jahr damit der Rechtsrahmen, während das FOMC weitere Schritte signalisiert.








