Richterin Katherine Polk Failla hat den Prozess gegen Roman Storm auf den 26. April 2027 verschoben. Eine Verurteilung in den zwei noch offenen Anklagepunkten könnte dem Tornado-Cash-Mitgründer bis zu 40 Jahre Haft einbringen.
Tornado Cash ist ein dezentraler Mixing-Dienst auf Ethereum. Ein gemeinsamer Pool bündelt die Einzahlungen vieler Nutzer und unterbricht die Verbindung zwischen Einzahlungs- und Auszahlungsadresse. Storm war Teil des Entwicklerteams des Protokolls. Die liessen sich nach dem Start nicht mehr ändern. Im August 2022 setzte OFAC, das Sanktionsbüro des US-Finanzministeriums, den Dienst auf die Sanktionenliste. Ein Jahr später klagte das Justizministerium Storm an. Die Jury sprach ihn im August 2025 in einem Anklagepunkt schuldig. Bei den beiden schwereren Vorwürfen blieb sie gespalten. Der neue Termin ersetzt den vom Justizministerium beantragten Prozessbeginn im Oktober 2026. Für die strafrechtliche Haftung von Open-Source-Entwicklern ist der Fall in den USA richtungsweisend.
Warum sich der Roman-Storm-Prozess erneut verzögert
Die Verschiebung hat einen prozessualen Hintergrund. Ende September 2025 reichte Storms Verteidigung einen Antrag nach Rule 29 ein. Diese Regel erlaubt dem Gericht, einen Schuldspruch der Jury nachträglich aufzuheben. Begründung: Die vorgelegten Beweise trügen die Verurteilung nicht. Failla verhandelte darüber zunächst im April 2026 mündlich. Eine Entscheidung steht weiterhin aus. Solange der Antrag hängig ist, ist unklar, ob der bestehende Schuldspruch Bestand hat. Ein zweiter Prozess wäre verfrüht.
Ursprünglich sollte der Wiederholungsprozess bereits 2026 starten. Das Justizministerium beantragte im März 2026 den 5. oder 12. Oktober 2026 als Prozessbeginn. Failla setzte stattdessen den 26. April 2027 an. Die finale Pretrial Conference legte sie auf den 20. April 2027 fest. Zwischen dem Teilurteil der Jury und dem neuen Prozessbeginn liegen somit mehr als 20 Monate.
Im April 2026 verwies die Verteidigung zudem auf ein einstimmiges Urteil des U.S. Supreme Court vom März 2026. Darin ging es um die Haftung eines Internetanbieters für Urheberrechtsverletzungen seiner Nutzer. Blosse Kenntnis reicht dafür nicht, entschieden die Richter. Haftbar ist ein Anbieter nur, wenn er die rechtsverletzende Nutzung beabsichtigt – etwa durch Anstiftung oder weil sein Dienst darauf zugeschnitten ist. Storms Anwälte werten das Urteil als Präzedenzargument für ihren eigenen Fall. Ob Failla dem folgt, zeigt sich erst mit ihrer Entscheidung über den Freispruchsantrag.
Bis zu 40 Jahre Haft drohen in den offenen Anklagepunkten
Die Jury verurteilte Storm im August 2025 wegen Verschwörung zum Betrieb eines nicht lizenzierten Geldtransfergeschäfts. Damit sind Dienste gemeint, die Geld für Dritte bewegen, ohne dafür registriert zu sein. Der einschlägige Paragraf 18 U.S.C. § 1960 sieht dafür höchstens fünf Jahre Haft vor. Bei den beiden übrigen Anklagepunkten fanden die Geschworenen hingegen keinen Konsens. Und genau diese beiden wiegen ungleich schwerer.
Der eine Vorwurf: Verschwörung zur Geldwäsche. Der andere: Verschwörung zur Verletzung der IEEPA-Sanktionen. Der IEEPA ist das US-Gesetz für Wirtschaftssanktionen in nationalen Notlagen. Jeder dieser Punkte trägt eine Höchststrafe von 20 Jahren. Im Wiederholungsprozess stehen daher bis zu 40 Jahre Haft im Raum. Das Achtfache des Strafrahmens im bereits abgeurteilten Punkt. Tornado Cash ermöglichte laut Anklage die Wäsche von mehr als 1 Mrd. USD illegaler Gelder.
Storm selbst wertet das Verfahren als Exempel. Die SDNY hält dennoch an beiden offenen Punkten fest.
"Die Staatsanwaltschaft soll amerikanische Interessen schützen und gegen Leute vorgehen, die das Gesetz gebrochen haben. Die Jury konnte sich bei den zwei schwersten Anklagepunkten gegen mich nicht einigen. Und trotzdem hört die SDNY nicht auf, weil es bei diesem Fall nie nur um mich ging. Es geht darum, ein Exempel zu statuieren." - Roman Storm, Mitgründer von Tornado Cash
Chainalysis betrieb selbst einen Tornado-Cash-Relayer
Parallel zur Terminverschiebung erhob Storm auf X einen Vorwurf gegen Chainalysis. Die US-Firma betreibt Blockchain-Forensik und verkauft Behörden Software zur Nachverfolgung von Krypto-Transaktionen. Solche Auswertungen sollen Blockchain-Adressen realen Personen zuordnen. Ihre Analysen stützten die Anklage gegen Storm. Genau diese Rolle stellt er nun infrage.
Gerichtsakten zufolge betrieb das Unternehmen im Jahr 2022 einen eigenen Tornado-Cash-Relayer. Relayer wickeln Auszahlungen aus dem Mixer stellvertretend für Nutzer ab und kassieren dafür eine Gebühr. Sie profitieren folglich von jedem einzelnen Auszahlungsvorgang. Chainalysis verdiente auf diesem Weg ebenfalls an dem Dienst, den es später für die Ermittler forensisch aufbereitete. Öffentlich bekannte Konsequenzen hatte diese Doppelrolle für das Unternehmen bislang keine.
Storm zufolge reicht der Konflikt weiter. Er schreibt, die SDNY-Staatsanwaltschaft habe am Vorabend einer Zeugenaussage mit Anwälten von Chainalysis telefoniert. Der Chainalysis-Zeuge habe sich später auf das Fifth Amendment berufen. Diese Angaben stammen allerdings ausschliesslich aus Storms eigenem Beitrag. Die von ihm zitierten Docket-Einträge sind ferner unabhängig nicht geprüft. Eine öffentliche Stellungnahme von Chainalysis zu diesen Vorwürfen liegt nicht vor. Storm zielt damit auf die Glaubwürdigkeit der Beweisquelle, auf die sich die Anklage stützt.
Der Kurswechsel bei Krypto-Mixern erreicht Storms Verfahren nicht
Die Sanktionsgrundlage gegen Tornado Cash ist längst weggefallen. Im November 2024 entschied das Fifth Circuit Court of Appeals in Van Loon gegen das US-Finanzministerium. Die unveränderlichen Smart Contracts des Protokolls seien kein "Eigentum" im Sinne des Gesetzes und dürften deswegen nicht blockiert werden. Infolge des Urteils hob OFAC die Sanktionen im März 2025 auf. Das Justizministerium wies seine Staatsanwälte kurz darauf an, das gezielte Vorgehen gegen Krypto-Mixer einzustellen. Das Urteil betraf jedoch nur die Sanktionsliste, nicht die strafrechtlichen Vorwürfe.
Auf das Strafverfahren wirkte sich der Kurswechsel dennoch nicht aus. Die Jury verurteilte Storm nicht wegen Sanktionsverstössen, und die zivilrechtliche Sanktionsfrage verläuft getrennt vom Strafverfahren. Im April 2026 sprachen Acting Attorney General Todd Blanche und FBI-Direktor Kash Patel per Video zur Bitcoin-2026-Konferenz in Las Vegas. Ihr Gespräch lief unter dem Titel "Code is Free Speech: Ending the War on Bitcoin". Blanche sagte dort, Justizministerium und FBI nähmen nicht mehr Entwickler ins Visier, sondern Nutzer, die Finanzstraftaten begehen. Storms Verfahren nannte er einen "lingering case", mit dem man weiterhin umgehen müsse.
In Europa läuft der Vergleichsfall unter anderen Vorzeichen. Ein niederländisches Gericht verurteilte Tornado-Cash-Mitgründer Alexey Pertsev im Mai 2024 wegen Geldwäsche zu 64 Monaten Haft. Die niederländischen Ermittler bezifferten die gewaschene Summe auf rund 1.2 Mrd. USD. Storms Anklage nennt mehr als 1 Mrd. USD. Pertsev legte Berufung ein. Die niederländische Justiz stützt sich auf Geldwäsche, die SDNY hingegen auf unlizenziertes Geldtransmittieren und Sanktionsrecht. In der EU-Verordnung MiCA fehlt ebenfalls eine explizite Regelung zur strafrechtlichen Entwicklerhaftung. Der Fall Pertsev bleibt deswegen der massgebliche europäische Testfall. Ob quelloffener Code seine Autoren strafbar macht, klärt sich in den USA damit frühestens im April 2027.








