Die Börsenbetreiberin SIX und die Zahlungs-App TWINT sind der CHF-Stablecoin-Sandbox beigetreten. Neun Schweizer Unternehmen prüfen damit ab sofort in einer geschützten Live-Umgebung, wie sich der digitale Franken CHFD in konkreten Anwendungsfällen einsetzen lässt.
Ein Stablecoin ist ein digitaler Vermögenswert, dessen Wert typischerweise 1:1 an eine Währung gekoppelt ist. Im Fall des CHFD ist das der Schweizer Franken. Die Sandbox wiederum ist eine kontrollierte Live-Umgebung mit eingeschränktem Teilnehmerkreis und Betragslimiten, in der die beteiligten Häuser neue digitale Finanzprodukte unter realistischen Bedingungen erproben, ohne die Risiken eines offenen Marktstarts einzugehen. Lanciert wurde die Initiative im April 2026 von UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, Zürcher Kantonalbank, BCV und der Swiss Stablecoin AG, wie CVJ.CH berichtete. Letztere gründete 2022 die ehemalige SP-Ständerätin Pascale Bruderer (Interview mit CVJ.CH hier), ihre Tochtergesellschaft CHFD Infrastruktur AG betreibt die Plattform. Der CHFD ist seit Ende Juni technisch live. Mit den beiden Neuzugängen wächst der Kreis von sieben auf neun Partner, und die Initiative verlässt die Vorbereitungsphase.
SIX und TWINT verstärken die CHF-Stablecoin-Sandbox
Die beiden Neuzugänge bringen Kompetenzen ein, die den Gründungspartnern bislang fehlten. SIX betreibt die Schweizer Börse, wickelt Wertschriftengeschäfte ab, verarbeitet Finanzinformationen und stellt einen erheblichen Teil der hiesigen Zahlungsverkehrsinfrastruktur. Damit sitzt jene Institution am Tisch, über deren Systeme die Abwicklung eines allfälligen Franken-Stablecoins im Institutsgeschäft dereinst laufen müsste. Gerade bei der Verbindung von tokenisierten Vermögenswerten und einem digitalen Zahlungsmittel führt an dieser Infrastruktur kein Weg vorbei. TWINT wiederum deckt die andere Seite ab, also den Zahlungsverkehr zwischen Endkunden und Händlern.
Wie dominant diese Position ist, zeigen die Zahlen der App. Mehr als 6 Millionen Menschen nutzten TWINT per Mitte 2025 aktiv, 2024 verarbeitete der Anbieter 773 Millionen Transaktionen. In der Erhebung 2024 des Swiss Payment Monitor der Universität St. Gallen kam die App auf einen Marktanteil von 67.8%. Weit dahinter folgen Apple Pay mit 12.5%, Google Pay mit 3.3% und Samsung Pay mit 2.7%. Akzeptiert wird sie von 81% der stationären Geschäfte und 84% der Online-Shops im Land. Eine Zahlungslösung an dieser Reichweite vorbei hat es in der Schweiz entsprechend schwer.
Bis zum Beitritt der beiden Neuzugänge war die Initiative im Wesentlichen eine Übung unter Banken. Jetzt testen mit der Betreiberin der Marktinfrastruktur und dem faktischen Standard im Schweizer Alltagszahlungsverkehr zwei Akteure mit, deren Systeme im Fall einer Einführung ohnehin die Engstellen wären. Das verschiebt den Charakter des Vorhabens von einer Machbarkeitsstudie unter Instituten hin zu einem Test, der den gesamten Zahlungsverkehr berührt. Beide Unternehmen bringen zusätzliche Expertise in Finanzmarktinfrastruktur und digitalen Bezahllösungen ein.
Programmierbare Zahlungen als neues Testfeld
Die Anwendungsfälle zerfallen in zwei Gruppen. Zur ersten zählen jene Muster, die international bereits etabliert sind: automatisierte Transaktionen zwischen Finanzinstituten und die Abwicklung tokenisierter digitaler Vermögenswerte. Beides zielt auf das Interbankengeschäft und auf die Frage, ob ein Franken-Stablecoin dort schneller und günstiger abwickelt als bestehende Verfahren. Neu ist daran wenig, dafür liefert dieser Teil eine belastbare Vergleichsbasis gegenüber dem, was heute im Markt bereits läuft.
Interessanter ist die zweite Gruppe, denn dort betreten die Partner tatsächlich neues Terrain. Untersucht wird, ob sich mittels Programmierbarkeit das Betrugsrisiko auf Online-Marktplätzen senken lässt, ob ein fairer Zugang zu Eventtickets durchsetzbar wird und ob Auszahlungen der öffentlichen Hand effizienter laufen können. Gemeinsam ist diesen drei Fällen, dass sie Bedingungen direkt im Zahlungsmittel hinterlegen, statt sie über Verträge und Intermediäre abzusichern. Ein Betrag lässt sich so erst dann freigeben, wenn eine definierte Bedingung eingetreten ist. Damit rückt der Test in ein Feld, das mit klassischem Bankgeschäft nur noch am Rand zu tun hat.
Betrieben wird die CHF-Stablecoin-Plattform, auf der die Fälle laufen, von der CHFD Infrastruktur AG. Die Partner sprechen selbst von Grundlagenarbeit für künftige Entwicklungen im digitalen Zahlungsverkehr, und diese Wortwahl ist präzise: es geht nicht um marktreife Produkte, sondern um die Frage, welche der Anwendungsfelder überhaupt tragen. Auffällig ist die Auswahl trotzdem. Ticketverkauf und staatliche Auszahlungen sind Bereiche, in denen der Franken-Stablecoin nicht gegen bestehende Krypto-Produkte antritt, sondern gegen Verfahren, die heute weder digital noch effizient organisiert sind.
Eine ergebnisoffene Testphase bis Ende 2026
Die Testphase dauert voraussichtlich bis Ende 2026 und ist ergebnisoffen angelegt. Im Vordergrund steht der Erkenntnisgewinn, also die Frage, wo ein CHF-Stablecoin einen Mehrwert schaffen könnte, welche Herausforderungen bestehen und welche technischen, operativen und regulatorischen Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung erfüllt sein müssten. Nach Abschluss der Initiative soll eine Übersicht über die Ergebnisse folgen. Einen Entscheid über eine spätere Markteinführung stellt die Versuchsanordnung ausdrücklich nicht dar.
Diese Zurückhaltung hat einen regulatorischen Hintergrund. Bundesrat und FINMA treiben eine Reform des Finanzinstitutsgesetzes voran, deren Vernehmlassung von Oktober 2025 bis Februar 2026 lief. Vorgesehen ist eine neue Lizenzkategorie "Zahlungsinstitut", die die Ausgabe wertstabiler kryptobasierter Zahlungsmittel ausdrücklich erlaubt und die bisherige Obergrenze von 100 Mio. CHF für Kundeneinlagen unter der Fintech-Bewilligung aufhebt. In Kraft treten dürfte die Reform frühestens 2027. Bis dahin gelten Rückzahlungsansprüche von Stablecoin-Haltern nach geltendem Bankengesetz als Einlage, was den Spielraum für Emittenten eng hält.
Wer heute in der Schweiz einen Stablecoin ausgeben will, bewegt sich also in einem Rahmen, der gerade umgebaut wird. Die Schutzmechanismen der Sandbox, der begrenzte Teilnehmerkreis und die Betragslimiten, sind genau die Antwort darauf. Sie halten den Test in einem eng begrenzten Rahmen, während die künftige Lizenzkategorie erst entsteht. Und das Zeitfenster passt: die Ergebnisse der Testphase liegen vor, bevor der neue Gesetzesrahmen greift, der Stablecoin-Emittenten erstmals eine eigene Kategorie zuweisen soll.
Der digitale Franken ist noch ein Nischenmarkt
Gemessen am globalen Geschehen bewegt sich das Ganze in einer sehr kleinen Ecke. Der weltweite Stablecoin-Markt liegt derzeit bei rund 300 Mrd. USD, dominiert von dollarbasierten Produkten. Alle Franken-Stablecoins zusammen kommen auf rund 40 Mio. USD, wovon der grösste Teil auf den dezentral besicherten Frankencoin entfällt. Die Grössenordnung erklärt, weshalb der Finanzplatz das Thema kooperativ angeht. Für einen Alleingang ist der Markt schlicht zu klein.
Konkurrenz gibt es trotzdem, und ein Teil davon sitzt in der Sandbox mit am Tisch. Sygnum betreibt mit dem Digital CHF einen eigenen Franken-Stablecoin, der 1:1 durch bei der Schweizerischen Nationalbank gehaltene Mittel gedeckt ist, und wirkt zugleich als Sandbox-Partner mit. Kooperation im Testumfeld und Wettbewerb im Markt schliessen sich hier offensichtlich nicht aus. Dass ein bestehender Emittent bei einem gemeinsamen Test mitmacht, spricht eher dafür, dass die offenen Fragen tatsächlich vor dem Produkt liegen.
Genau darin liegt der institutionelle Reiz des Aufbaus. Neun der wichtigsten Akteure des Finanzplatzes klären gemeinsam Grundlagenfragen, die einzeln zu beantworten für jeden von ihnen teuer wäre, ohne sich dabei auf ein gemeinsames Produkt festzulegen. Erklärtes Ziel der Beteiligten ist es, den Aufbau eines Schweizer Ökosystems für digitales Geld zu unterstützen und die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes zu stärken. Ob daraus ein digitaler Franken für den Markt wird, entscheidet sich nicht in der Sandbox. Aber die Voraussetzungen dafür werden dort geklärt.








