Im Zuge der jüngsten Erholung am Kryptomarkt verzeichnen zahlreiche Altcoins deutliche Kursgewinne. Zu den auffälligsten in diesem Jahr gehört das NEAR Protocol. Seit seinem Tiefstand im Februar hat sich der Token mehr als vervierfacht. Ein Blick auf die fundamentale Entwicklung hinter dem Kursanstieg.
Nach einem längeren Abwärtstrend fiel NEAR im Februar 2026 zeitweise unter einen US-Dollar. Seither erholte sich der Kurs auf über 4.50 USD. Besonders die zweite Septemberhälfte brachte deutliche Kursgewinne. Am 17. September stellte NEAR neue Funktionen für vertraulichen Derivatehandel vor. Gleichzeitig erreichte die entsprechende Plattform ein gebundenes Kapital von 70 Millionen USD. Die Ankündigungen fielen mit einer starken Kursbewegung und einer breiteren Erholung des Kryptomarktes zusammen.
Doch hinter NEAR steckt mittlerweile mehr als eine klassische Layer-1-Blockchain. Das Netzwerk entwickelt sich zunehmend zu einer Infrastruktur, über die Nutzer und Anwendungen Vermögenswerte zwischen unterschiedlichen Blockchains bewegen können. Das zentrale Produkt dieser Strategie heisst NEAR Intents.
NEAR Intents: Handel über Blockchain-Grenzen hinweg
Das wichtigste Wachstumsprodukt von Near Protocol ist NEAR Intents. Die Technologie vereinfacht Transaktionen zwischen unterschiedlichen Blockchains. Anstatt Vermögenswerte manuell über eine Bridge zu transferieren und anschliessend auf einer dezentralen Börse zu tauschen, definiert der Nutzer lediglich das gewünschte Ergebnis. Beispielsweise kann er Bitcoin gegen USDC auf Ethereum eintauschen, ohne die einzelnen Schritte selbst ausführen zu müssen.
Sogenannte Solver, spezialisierte Dienstleister, konkurrieren um die Ausführung dieser Aufträge. Sie beschaffen die benötigte Liquidität und übernehmen die technische Abwicklung. Damit positioniert sich NEAR Intents als übergreifende Handelsinfrastruktur, die sich auch unsichtbar in bestehende Wallets und Handelsplattformen integrieren lässt.

Die zunehmende Verbreitung erfolgt unter anderem über Integrationen bei Ledger Wallet und SimpleSwap. Für solche Plattformen kann Intents eine zusätzliche Liquiditätsquelle darstellen. Nutzer müssen dafür nicht zwingend mit der NEAR-Blockchain selbst interagieren.
Nansen
Das eröffnet ein Geschäftsmodell, das über die eigene Blockchain hinausgeht. NEAR kann potenziell auch von Handelsaktivitäten auf Ethereum, Solana und anderen Netzwerken profitieren. Voraussetzung ist, dass Integratoren die Infrastruktur dauerhaft einsetzen und NEAR einen Teil der dabei anfallenden Gebühren vereinnahmt.
Vertrauliche Transaktionen für institutionelle Anwendungen
Mit Confidential Intents erweitert NEAR seine Handelsinfrastruktur um vertrauliche Transaktionen. Handelsgrössen und andere sensible Informationen müssen dabei nicht vollständig öffentlich offengelegt werden. Gleichzeitig erlaubt die Technologie eine selektive Offenlegung für Compliance-Zwecke.
Im September führte NEAR darauf aufbauend vertraulichen Derivatehandel über die Infrastruktur von Hyperliquid ein. Unabhängig vom Derivathandel überschritt das gebundene Kapital von Confidential Intents die Marke von 70 Millionen USD. Inzwischen weist das offizielle NEAR-Dashboard rund 113 Millionen USD aus
Die Kombination aus blockchainübergreifendem Handel und vertraulicher Ausführung könnte insbesondere für institutionelle Marktteilnehmer interessant werden. Eine breite institutionelle Nutzung lässt sich aus den bisherigen Integrationen allerdings noch nicht ableiten.
Künstliche Intelligenz als zweites Wachstumsfeld
Parallel entwickelt NEAR mit NEAR AI eine Infrastruktur für vertrauliche KI-Anwendungen und autonome Softwareagenten. Zu den Entwicklungen des Jahres gehören die Agentenplattform IronClaw sowie Kooperationen mit Venice AI, Brave und der Regierung von Bermuda.
Seit Juli können Nutzer zudem NEAR staken und damit Guthaben für KI-Rechenleistung erhalten. Dies schafft einen zusätzlichen Anwendungsfall für den Token.
Anders als bei Intents fehlen bislang jedoch aussagekräftige öffentliche Kennzahlen zu Umsatz, zahlenden Kunden und tatsächlicher Auslastung. Das wirtschaftliche Potenzial bleibt deshalb schwer quantifizierbar.
Klassische Blockchain-Nutzung bleibt überschaubar
Die Entwicklung der eigentlichen NEAR-Blockchain fällt weniger dynamisch aus. Ein Vergleich mit klassischen Layer-1-Konkurrenten wie Solana zeigt allerdings, dass die Nutzung der eigentlichen NEAR-Blockchain weiterhin überschaubar bleibt. Laut DefiLlama verzeichnet NEAR rund 60'000 täglich aktive Adressen, gegenüber 3.11 Millionen bei Solana. Auch beim gebundenen Kapital (TVL) erreicht NEAR lediglich rund 3 Prozent des Solana-Niveaus, während die Marktkapitalisierung bei etwa 8.5 Prozent liegt.

Intents verarbeitet inzwischen rund 1.3 Milliarden USD wöchentlich, was etwa 6 bis 7 Prozent des Solana-DEX-Volumens entspricht. Da ein Teil der Transaktionen auch auf Solana abgewickelt wird, ist dieser Vergleich jedoch nur bedingt aussagekräftig. Die Unterschiede verdeutlichen, dass sich NEARs Wachstum zunehmend ausserhalb seiner klassischen Layer-1-Aktivität abspielt.
Tokenomics: Weniger Inflation und neue Rückkäufe
Auch das wirtschaftliche Modell hat sich verändert. Ende 2025 wurde die maximale jährliche Tokeninflation von 5 auf 2.5 Prozent halbiert. Seit Februar verwendet NEAR zudem Einnahmen aus Intents für Tokenrückkäufe am offenen Markt.
Das offizielle NEAR-Dashboard weist aktuell rund 2 Millionen USD monatliche Nettoerlöse aus. Annualisiert entspricht dies etwa 24 Millionen USD. Dem steht bei einer Bewertung von rund 6 Milliarden USD ein jährlicher Gegenwert der maximalen Neuemission von etwa 150 Millionen USD gegenüber. Die Rückkäufe kompensieren damit gegenwärtig nur einen begrenzten Teil der Inflation. Allerdings entsteht erstmals eine direkte Verbindung zwischen dem Wachstum von Intents und der Nachfrage nach NEAR.
Wie viel Wachstum ist bereits eingepreist?
Bei einer Bewertung von rund 6 Milliarden USD beträgt das Verhältnis zu den annualisierten Nettoerlösen gemäss offiziellem NEAR-Dashboard derzeit etwa 250 zu 1. Ein erheblicher Teil der heutigen Bewertung beruht damit weiterhin auf künftigem Wachstum.
Würde Intents sein monatliches Handelsvolumen von derzeit rund 4.3 auf 40 Milliarden USD steigern, könnten bei unveränderter Relation zwischen Handelsvolumen und den gesamten Nettoerlösen annualisiert rund 230 Millionen USD erreicht werden. Das Bewertungsverhältnis würde damit auf etwa 26 sinken. Ein solches Multiple wäre für eine stark wachsende Technologieplattform deutlich besser einzuordnen als die heutige Bewertung, setzt jedoch voraus, dass sich das Wachstum über längere Zeit fortsetzt und die Einnahmen entsprechend skalieren.
Zugleich könnten die daraus resultierenden Tokenrückkäufe den Gegenwert der maximalen jährlichen Neuemission rechnerisch übersteigen. Dies würde den inflationären Verkaufsdruck deutlich reduzieren, ohne die Gesamtmenge der Token automatisch zu verringern.
Mehr als eine klassische Layer-1-Blockchain
NEAR hat sich zunehmend von einem direkten Konkurrenten anderer Layer-1-Blockchains zu einer blockchainübergreifenden Handelsinfrastruktur entwickelt. Mit Intents verfügt das Netzwerk über ein Produkt mit Milliardenvolumen und messbaren Einnahmen. NEAR AI eröffnet zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten, deren wirtschaftliche Bedeutung jedoch noch offen ist.
Entscheidend für die weitere fundamentale Entwicklung wird sein, ob Intents sein Wachstum fortsetzen, zusätzliche institutionelle Integrationen gewinnen und die Einnahmen nachhaltig steigern kann. Bei einer Bewertung von rund 6 Milliarden USD sind bereits erhebliche Wachstumserwartungen enthalten.







