Die Sberbank erwartet im ersten Jahr des neuen russischen Kryptogesetzes einen regulierten Krypto-Handel von bis zu 46.4 Mrd. USD. Rund ein Fünftel der bestehenden Krypto-Aktivität im Land soll auf lizenzierte Börsen wandern.
Sberbank ist Russlands grösste Bank und steht mehrheitlich unter staatlicher Kontrolle. Die Prognose stammt von SberCIB Investment Research, der Analyseabteilung des Instituts. Deren Spanne reicht von 3.5 bis 4 Bio. RUB. Präsident Wladimir Putin unterzeichnete das Rahmengesetz Federal Law 282-FZ Anfang August 2026, nachdem Staatsduma und Föderationsrat im Juli zugestimmt hatten. Es ist Russlands erstes umfassendes Regelwerk für Krypto-Börsen, Verwahrer, Broker, Clearingstellen und Mining-Betreiber. Das Gesetz tritt schliesslich am 1. September 2026 in Kraft. Einzelne Bestimmungen greifen allerdings erst ein Jahr danach. Zuvor hatte das russische Finanzministerium das tägliche Krypto-Transaktionsvolumen im Land auf rund 650 Mio. USD beziffert. Anatoly Popov, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sberbank, nannte zudem für 2029 eine Marke von 7.5 Bio. RUB (87.1 Mrd. USD).
Wer in Russland künftig legal Krypto-Assets handeln darf
Das Gesetz knüpft den Marktzugang an formale Auflagen. Krypto-Börsen müssen ein Mindesteigenkapital von 15 Mio. RUB (rund 185'200 USD) nachweisen. Ausserdem verlangt der Gesetzgeber die Eintragung in ein Spezialregister und die Mitgliedschaft in einer Selbstregulierungsorganisation für den Finanzmarkt. Erst diese Eintragung macht eine Plattform handelsfähig. Vergleichsweise niedrig ist die Kapitalhürde in absoluten Zahlen. Entscheidend ist daher die Registrierungspflicht, die eine Trennlinie zwischen lizenzierten Plattformen und dem bislang unregulierten Handel zieht.
Für Privatanleger gilt eine harte Obergrenze. Sie dürfen pro Jahr und Intermediär höchstens 300'000 RUB (rund 3'700 USD) in Kryptowährungen investieren. Das Limit greift pro Anbieter, mehrere Depots erweitern den Rahmen also faktisch. Qualifizierte Anleger unterliegen hingegen keiner Beschränkung. Beide Kategorien müssen zudem einen Eignungstest bestehen. Handelbar sind für nicht-qualifizierte Anleger vorerst nur die liquidesten Werte, nämlich Bitcoin, Ether und der Stablecoin USDT. Auffällig ist die Distanz zwischen Regelwerk und Marktgrösse. Hochgerechnet entspricht das Tagesvolumen von 650 Mio. USD rund 18 Bio. RUB im Jahr. Die Analysten von SberCIB rechnen deswegen mit einer Migration von rund einem Fünftel der heutigen Aktivität. Der grössere Teil des Handels bliebe somit ausserhalb des lizenzierten Segments.
Bei den Fristen bleibt eine Unschärfe. Bestehende Krypto-Börsen erhalten eine Übergangsfrist bis zum 1. März 2027 und dürfen bis dahin weiterarbeiten. Professionelle Marktteilnehmer wie Broker brauchen ihre Lizenz bis zum 1. Juli 2027. Welcher Termin für welche Kategorie abschliessend gilt, lassen die Angaben allerdings offen. Die Regeln zu Emission und Umlauf von Krypto-Assets greifen erst ab dem 1. September 2027. Das Regelwerk erfasst damit zunächst vor allem den Sekundärhandel. Lizenzierte und unregulierte Angebote bestehen deshalb weiter nebeneinander.
Sberbanks eigene Krypto-Produkte nehmen Form an
Die Bank beschränkt sich nicht auf Prognosen. Bis zum 1. Dezember 2026 will sie ein Krypto-Wallet in den Apps Sber und SberInvestments starten. Gleichzeitig entsteht ein digitales Depot für Krypto-Assets. Kirill Tsarev, erster stellvertretender Vorstandsvorsitzender, bestätigte die Integration in Sberbank Online und SberInvestments. Android-Nutzer erhalten den Zugang voraussichtlich vor iOS-Nutzern. Der Start liegt somit drei Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes. Die Verwahrung von Krypto-Assets rückt damit in die App der grössten Bank des Landes. Kunden halten ihre Bestände später ohne Umweg über ausländische Plattformen.
Weiter reicht der Anspruch bei Krediten gegen Krypto-Sicherheiten. Sobald die russische Zentralbank zustimmt, will das Institut Darlehen gegen Bitcoin, Ether und USDT vergeben. Einen Pilotkredit dieser Art hat der Konzern bereits abgeschlossen. Das Mining-Unternehmen Intelion Data hinterlegte dafür selbst geschürfte Kryptowährung. Mining-Erlöse fallen ohnehin in Kryptowährung an. Ein Miner erhält daher Liquidität, ohne seine Bestände zu verkaufen. Qualifizierten Anlegern verkauft die Bank ferner seit 2025 strukturierte Anleihen und digitale Finanzanlagen mit Bitcoin- und Ether-Bezug. Insgesamt entsteht eine Produktkette von der Verwahrung über den Handel bis zur Kreditvergabe.
„Wir haben uns im Voraus darauf vorbereitet und verfügen bereits über praktische Erfahrung im Umgang mit Kryptowährungen. Sobald das Gesetz vollständig in Kraft tritt, werden wir die bestehenden Produkte der Sberbank an die neuen Anforderungen anpassen und unser Angebot konsequent erweitern. [...]" - Anatoly Popov, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Sberbank
Ohne Freigabe der Zentralbank bleibt das Kreditgeschäft jedoch eine Absichtserklärung.
VTB und T-Bank folgen Sberbanks Krypto-Vorstoss
Sberbank agiert nicht allein. Ebenfalls in Vorbereitung sind Krypto-Dienstleistungen von VTB und T-Bank, die dieselbe Kundschaft ansprechen wie der Marktführer. Die Moscow Exchange betreibt den zentralen Handelsplatz für russische Wertpapiere und handelt bereits Futures auf einen Bitcoin-Index. Der Wettbewerb um die neuen Depots beginnt folglich vor dem Start des regulierten Handels.
Den Vorsprung hält vorerst Sberbank. Das Institut sammelt mit Krypto-Investmentprodukten für qualifizierte Anleger seit 2025 operative Erfahrung. Für die Konkurrenz wird der Dezember-Termin des Wallet-Starts damit zur Messlatte. Alle Anbieter arbeiten jedoch unter demselben Regelrahmen aus Registerpflicht und Anlegerlimits. Wie schnell die Wettbewerber aufholen, entscheidet sich schliesslich an den Lizenzfristen.
Sberbanks Blick reicht ausserdem über den ersten Prognosezeitraum hinaus. Popovs Marke von 7.5 Bio. RUB für 2029 entspricht knapp dem Doppelten der Schätzung für das erste Jahr. Beide Zahlen beziehen sich auf den Handel an russischen Börsen.
Krypto-Zahlungen im Aussenhandel trotz US-Sanktionen
Der Gesetzgeber trennt Inland und Aussenhandel scharf. Zahlungen mit Kryptowährungen für Waren und Dienstleistungen innerhalb Russlands bleiben verboten. Der Rubel bleibt damit das einzige zulässige Zahlungsmittel im Inland. Grenzüberschreitende Abwicklungen von Aussenhandelsverträgen zwischen Ansässigen und Nicht-Ansässigen sind hingegen erlaubt. Der Kanal steht Exporteuren und Importeuren offen, nicht dem Handel im Inland. Ursprünglich hatte Moskau den Einsatz von Kryptowährungen im internationalen Handel bereits 2024 zugelassen, um westliche Sanktionen zu umgehen. Diese Praxis erhält mit dem neuen Gesetz erstmals einen festen Rechtsrahmen.
Am US-Sanktionsregime ändert die neue Gesetzeslage nichts. Transaktionen mit sanktionierten russischen Parteien unterliegen weiterhin den Vorschriften Washingtons. Ein EU-Sanktionspaket vom April 2026 untersagt Personen in der EU zusätzlich Geschäfte mit russischen Krypto-Dienstleistern. Für ausländische Gegenparteien bleibt der Zugang zum russischen Markt deshalb ein rechtliches Risiko. Es entsteht ein legaler Rahmen im Inland, aber keine Ausnahme von ausländischen Vorschriften. Letztlich gilt die eigentliche Wette der Bank der inländischen Nachfrage.








