Tornado Cash ist ein dezentraler Mixing-Dienst auf Ethereum, der Kryptotransaktionen anonymisiert. Das US-Finanzministerium sanktionierte das Protokoll im August 2022 - laut Behörden wurden darüber seit 2019 über 7 Milliarden Dollar gewaschen, ein erheblicher Teil davon von Nordkoreas Lazarus Group.
Einer der drei Mitgründer: der Entwickler Roman Storm. Die Behörden verhafteten Storm im August 2023 und klagten ihn in drei Punkten an: Betrieb eines nicht lizenzierten Geldtransferbusiness, Geldwäscheverschwörung und Sanktionsverstoss. Im August 2025 sprach ihn eine Jury im ersten Punkt schuldig - dafür drohen bis zu fünf Jahre Haft. Bei den zwei weiteren Anklagepunkten konnte sich die Jury nicht einigen. Eine Verurteilung dort hätte eine kombinierte Maximalstrafe von rund 40 Jahren zur Folge. Storm reichte daraufhin einen 59-seitigen Antrag auf Urteilsaufhebung ein. Am 9. April hörte Richterin Katherine Polk Failla am U.S. District Court in New York die Argumente beider Seiten. Sie hat nun mehrere Wochen Bedenkzeit.
Richterin hinterfragt die Anklage
Auffällig war Faillas Verhalten gegenüber der Staatsanwaltschaft. Sie fragte Ankläger Ban Arad direkt, ob das blosse Erstellen von Tornado Cash ein Verbrechen sei. Arad verneinte. Als Failla nachhakte, ob das Aufrechterhalten des Protokolls strafbar sei, deutete Arad dies als möglicherweise kriminell an. Failla konterte trocken: "Sie waren besser dran, bevor Sie angefangen haben zu reden."
Die Richterin warnte allerdings beide Seiten davor, ihre Fragen überzuinterpretieren. "Lesen Sie nicht zu viel in meine Fragen hinein. Wenn ich mich bereits entschieden hätte, hätte ich Sie nicht alle herbestellt." Verteidiger Brian Klein, Partner bei der Kanzlei Cooley, stützte seinen Acquittal-Antrag auf das Supreme-Court-Urteil Cox Communications v. Sony Music. Sein zentrales Argument: Blosses Wissen über Missbrauch einer Software beweise keine kriminelle Absicht.
Das DOJ wies diesen Ansatz in einem Schreiben vom 7. April zurück. Das Cox-Urteil habe "keinerlei Ähnlichkeit" mit Storms Fall. Denn Storm habe Tornado Cash nicht nur programmiert, sondern aktiv eingesetzt, gewartet und aktualisiert - während er Millionen an Gebühren kassierte. Er habe dies getan, obwohl ihm bekannt war, dass sanktionierte Hacker die Plattform nutzten.
Widersprüchliche Signale aus Washington
Der Fall offenbart einen bemerkenswerten Widerspruch innerhalb der Trump-Administration. DOJ-Beamter Matthew Galeotti erklärte nach dem August-Urteil, das blosse Schreiben von Code ohne böse Absicht sei kein Verbrechen. Bei wirklich dezentralisierten Protokollen, die nur Peer-to-Peer-Transaktionen automatisieren, genehmige das DOJ keine neuen Strafverfolgungen mehr.
Jay Clayton als amtierender US-Staatsanwalt für das Southern District of New York treibt die Anklage gegen Storm dennoch weiter voran. Er beantragte einen Wiederholungsprozess zwischen dem 5. und 12. Oktober 2026 für die zwei verbliebenen Anklagepunkte. Was dabei untergeht - die allgemeine DOJ-Linie und die konkrete Strafverfolgung in New York widersprechen sich direkt.
66 Organisationen haben die Trump-Administration aufgefordert, die Strafverfolgung einzustellen. Darunter befinden sich Coinbase, Block, Paradigm, Multicoin Capital, die Solana Foundation, die Blockchain Association und die Uniswap Foundation. Der DeFi Education Fund, Coin Center und die Blockchain Association reichten zusätzlich amicus briefs ein.
Parallelen zum Fall Pertsev
Storm ist nicht der einzige Tornado Cash-Entwickler vor Gericht. Die niederländischen Behörden verhafteten Co-Entwickler Alexey Pertsev, einen russischen Staatsbürger mit Wohnsitz in Amsterdam, bereits im August 2022. Ein niederländisches Gericht verurteilte ihn im Mai 2024 wegen Geldwäsche von 2.2 Milliarden Dollar zu 64 Monaten Haft. Das Gericht ordnete die Einziehung von Kryptowährungen im Wert von 1.9 Millionen Euro sowie eines Porsches an.
Richterin Henrieke Slaar urteilte damals: "Tornado Cash ist seiner Natur und Funktionsweise nach ein Werkzeug, das für Kriminelle bestimmt ist." Pertsevs Anwältin prüft derzeit eine Berufung, gestützt auf das Fifth-Circuit-Urteil zu den OFAC-Sanktionen. Dritter Mitgründer Roman Semenov erhielt im August 2023 ebenfalls eine Anklage. Sein Verfahren läuft weiterhin.
OFAC-Sanktionen aufgehoben, Strafverfahren bleibt
Die regulatorische Ausgangslage hat sich seit Storms Verhaftung verschoben. Das OFAC sanktionierte Tornado Cash als ersten Code in der Geschichte der Behörde - doch im November 2024 entschied der Fifth Circuit, dass OFAC seine Kompetenzen überschritten habe. Unveränderliche Smart Contracts seien kein sanktionierbares "Eigentum". Daraufhin hob OFAC im März 2025 sämtliche Tornado Cash-Sanktionen offiziell auf. Trotz dieses Rückzugs auf regulatorischer Ebene läuft das Strafverfahren gegen Storm weiter.
Auch der Kongress bewegt sich. Im Juli 2025 verabschiedete das Repräsentantenhaus den CLARITY Act mit 294 zu 134 Stimmen. Im Februar 2026 folgte ein weiterer biparteiischer Gesetzentwurf zum Schutz von Code-Entwicklern vor Strafverfolgung. Der DeFi Education Fund warnte in seinem amicus brief deutlich. Falls Storms Verurteilung Bestand habe, besässe die Regierung "unbegrenzte Macht, jeden Software-Entwickler strafrechtlich zu verfolgen, dessen Code später von Dritten missbraucht wird." Richterin Failla liess am Ende der Anhörung erkennen, dass sie Termine für einen Wiederholungsprozess Ende 2026 im Blick hat. Sollte sie den Acquittal-Antrag ablehnen, steht der Retrial für Oktober 2026 an.








