Die Krypto-Börse Kraken schaltet den US-Aktienhandel für Kunden im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum frei. Berechtigte Nutzer erhalten Zugriff auf über 7'000 US-Titel als regulierte Wertpapiere, im selben Konto wie mehr als 700 tokenisierte xStocks.
Kraken zählt zu den grössten Krypto-Handelsplattformen weltweit und betreibt bislang vor allem den Handel mit digitalen Vermögenswerten. Gleichzeitig nimmt die Börse erstmals in Europa klassische, aufsichtsrechtlich regulierte Wertpapiere ins Angebot. Sie liegen im selben Konto wie über 600 Krypto-Assets. Anbieter ist die Konzerngesellschaft Payward Europe Digital Solutions (CY) Limited mit Sitz in Nikosia. Sie ist bei der zyprischen Finanzmarktaufsicht CySEC als Wertpapierfirma unter MiFID II registriert. Den Zugang erhält allerdings nicht jeder Bestandskunde automatisch. Berechtigte Nutzer müssen zunächst zusätzliche Geschäftsbedingungen akzeptieren.
Kraken handelt US-Aktien über zyprische MiFID-II-Lizenz
Die Rechtsgrundlage des Angebots liegt nicht im Krypto-Regime, sondern im klassischen EU-Wertpapierrecht. Payward Europe Digital Solutions (CY) Limited führt bei der CySEC die Lizenznummer 342/17. Im zyprischen Handelsregister steht die Gesellschaft ferner unter der Nummer HE 356603. Entstanden ist sie 2017, ursprünglich unter anderem Namen.
MiFID II regelt in der EU unter anderem Anlegerschutz, Auftragsausführung und Transparenzpflichten. Eine Zulassung erlaubt der Wertpapierfirma, Anlagedienstleistungen im gesamten EWR anzubieten. Eine eigene Erlaubnis in jedem Mitgliedstaat braucht sie hingegen nicht. Kraken nutzt somit dieselbe regulatorische Basis wie europäische Broker und Vermögensverwalter. Die US-Titel liegen dabei als reguläre Wertpapiere im Konto, nicht als Token. Für Anleger gelten daher die Schutzvorgaben des Wertpapierrechts, nicht jene des Krypto-Regimes.
Der Handel mit den über 7'000 US-Titeln läuft über Kraken Pro auf Desktop und Mobile, ebenso über die Kraken-App. Kommissionsfrei ist er, wenngleich Kraken die Angabe mit einem Sternchen versieht. Spreads und Devisenkosten können hinzukommen. Wer in Euro einzahlt und einen in US-Dollar notierten Titel kauft, trägt die Umrechnung folglich selbst. Die Einführung verläuft zudem selektiv und bleibt vorerst auf US-Aktien beschränkt. Weitere Märkte will das Unternehmen in den kommenden Monaten erschliessen, nennt jedoch weder Länder noch Termine. In der eigenen Ankündigung bezeichnet sich die Börse als einzige krypto-native Plattform mit einem solchen Angebot. Das ist Eigendarstellung, keine geprüfte Marktaussage.
Tokenisierte xStocks laufen im selben Konto weiter
xStocks bilden US-Aktien als Token auf einer Blockchain ab. Hinter jedem Token liegt der reale Titel, die Tokenisierung hinterlegt ihn vollständig im Verhältnis 1:1. Die Token laufen primär auf Solana als SPL-Token, ausserdem auf Ethereum. Emittent ist Backed Assets (JE) Limited, eine Jersey-Zweckgesellschaft der Schweizer Backed Finance AG. Die Schweizer Muttergesellschaft untersteht dem DLT-Gesetz, die hinterlegten Aktien verwahrt zudem ein Prime Broker der Backed Finance in der Schweiz. Kraken kündigte die vollständige Übernahme von Backed Finance schliesslich im Dezember 2025 an, ohne die Kaufsumme offenzulegen.
Aktuell listet die Plattform über 700 xStocks. In der eigenen Mitteilung steht dennoch an einer Stelle noch die Zahl von 100 Titeln. Diesen Stand hatte Kraken bereits im März 2026 erreicht. Das kumulierte Handelsvolumen seit dem Marktstart Ende Juni 2025 beziffert Kraken auf über 38 Mrd. USD. Einen unabhängigen Nachweis für diese Zahl gibt es nicht. Vergleichsweise gesichert ist ein Volumen von 35 Mrd. USD im Juli 2026. Damals verteilte es sich auf über 500 gelistete Titel und knapp 200'000 Halter.
Im August 2026 führte Payward erstmals Stimmrechte ein. Berechtigte Halter reichen seither über eine Kooperation mit Broadridge ihre Stimmpräferenzen für Hauptversammlungen ein. Zuvor gab es kein Stimmrecht. Einen rechtlichen Dividendenanspruch gibt es weiterhin nicht, Ausschüttungen bildet Kraken lediglich synthetisch nach. Bei einer Dividende passt die Plattform den xStock-Bestand des Halters automatisch nach oben an. Alternativ zahlt die Plattform den Gegenwert als USDC-Airdrop auf Solana aus, netto nach Quellensteuer. Fachanalysen ordnen xStocks rechtlich nicht als MiCA-regulierte Krypto-Assets ein, sondern als Finanzinstrumente in Form eines Schuldinstruments der Zweckgesellschaft. Halter besitzen folglich kein direktes Aktionärsrecht an der Originalaktie und tragen neben dem Marktrisiko ein Emittentenrisiko.
"Dieser Start beseitigt die künstliche Trennung zwischen traditionellem und tokenisiertem Format desselben Vermögenswerts. Mit US-Aktien und xStocks nebeneinander in einem regulierten Konto können Kunden wählen, wie sie sich dasselbe zugrundeliegende Exposure verschaffen […]." - Mark Greenberg, Chief Commercial Officer von Payward
Schweizer Kraken-Kunden bleiben vom Angebot ausgeschlossen
Der EWR umfasst die 27 EU-Staaten sowie Norwegen, Island und Liechtenstein. Die Schweiz gehört nicht dazu. 1992 lehnte das Stimmvolk den Beitritt ab. Seither regelt der Bund den Marktzugang über mehr als 120 bilaterale Abkommen mit der EU. Diese Abkommen decken viele Bereiche ab, die Finanzmarktregulierung im Sinne von MiFID II gehört jedoch nicht dazu. Statt eines automatischen Zugangs zum Binnenmarkt verhandelt die Schweiz deswegen sektorweise.
Für Kraken-Kunden in der Schweiz hat das eine unmittelbare Folge. Das Passporting der zyprischen Lizenz endet an der EWR-Aussengrenze. Krakens eigene Länderliste zum Aktienhandel bestätigt das. Sie nennt die USA sowie 30 EWR-Staaten, darunter Island und Liechtenstein. Die Schweiz führt sie nicht auf. In der Ankündigung erwähnt das Unternehmen das Land ebenfalls mit keinem Wort. Ob die Schweiz später dazukommt, lässt das Unternehmen offen.
Die Verwahrung liegt derweil in der Schweiz. Die Aktien hinter den xStocks lagern bei einem Prime Broker der Backed Finance, deren Muttergesellschaft ein Schweizer Unternehmen ist. Für den Zugang zählt trotzdem allein die Lizenz des Anbieters, nicht der Ort der Verwahrung.
In der App sehen Schweizer Kunden dennoch weiterhin xStocks. Deren Ticker tragen ein angehängtes x, etwa AAPLx oder TSLAx, und sie handeln auch ausserhalb der US-Börsenzeiten. Die regulierte Aktie ohne Suffix bleibt dagegen gesperrt. Beide Varianten sehen einander ähnlich, sind rechtlich aber nicht dasselbe Instrument.
Kraken baut mit Zukäufen eigene TradFi-Infrastruktur auf
Der Aktienstart ist kein Einzelschritt. Kraken kaufte 2025 in Serie zu. Auf NinjaTrader im Mai folgten die Handelsplattform Breakout im September, Small Exchange im Oktober und Backed Finance im Dezember. Statt Partnerschaften einzugehen, holt das Unternehmen die benötigte Infrastruktur unter das eigene Dach. Mit Backed Finance kontrolliert der Konzern nicht zuletzt Emission, Handel und Abwicklung der xStocks vollständig. Abhängigkeiten von externen Dienstleistern entfallen daher.
Im Hintergrund läuft die Vorbereitung des Börsengangs. Im November 2025 reichte Kraken vertraulich eine SEC-Registrierung ein und schloss eine Kapitalrunde über 800 Mio. USD ab. Die Bewertung lag damals bei 20 Mrd. USD. Im März 2026 pausierte das Unternehmen die Pläne wegen der Marktbedingungen. Später bestätigte Kraken die Fortsetzung des Vorhabens. Die Deutsche Börse Group erwarb im April 2026 für 200 Mio. USD einen Sekundärmarktanteil von 1.5% (voll verwässert). Das impliziert eine Bewertung von 13.3 Mrd. USD und somit einen deutlichen Rückgang gegenüber November 2025. Zuvor hatten beide Häuser bereits im Dezember 2025 eine strategische Partnerschaft angekündigt.
Im Markt für tokenisierte Aktien kommen Ondo Finance, Binance bStocks und Kraken xStocks laut The Block zusammen auf rund 77% Marktanteil. Der Sektor ist insgesamt stark konzentriert. Tokenisierte Aktien bieten die Wettbewerber ebenfalls an. Eine vergleichbar breite Order-Infrastruktur für klassische Titel ist dort bislang allerdings nicht bekannt. Genau an dieser Nahtstelle setzt Kraken mit dem EWR-Start an.








