Die EU hat die Krypto-Börse HTX in ihr 21. Sanktionspaket gegen Russland aufgenommen. Die EU-Sanktionen treffen neben HTX 17 weitere Krypto-Dienstleister, die russischen Nutzern bei der Umgehung westlicher Strafmassnahmen geholfen haben sollen.
HTX gehört zu den weltweit grössten Handelsplattformen für Kryptowährungen. Nutzer handeln dort Bitcoin, Ether und kleinere Token. Ursprünglich startete die Börse 2013 in China unter dem Namen Huobi. 2022 erwarb der in Hongkong ansässige Milliardär Justin Sun eine Mehrheitsbeteiligung, im September 2023 folgte die Umbenennung. Grossbritannien hatte die Plattform bereits im Mai 2026 sanktioniert. Das 21. EU-Paket kam am 23. Juli 2026 zustande, öffentlich wurde die Liste einen Tag später. Sie erfasst 18 Krypto-Unternehmen und verhängt ein Transaktionsverbot, keine vollständige Vermögenssperre.
Transaktionsverbot statt Vermögenssperre für HTX
Das Verbot untersagt EU-Bürgern und Unternehmen aus der Union sämtliche Geschäfte mit HTX. Es erfasst Ein- und Auszahlungen ebenso wie Handelsgeschäfte europäischer Gegenparteien. Die Guthaben der Börse selbst bleiben hingegen unangetastet, ein vollständiges Einfrieren von Vermögenswerten sieht das Paket nicht vor. Die Massnahme zielt somit auf den Zugang zum europäischen Markt, nicht auf die Substanz des Unternehmens. Zur Begründung verweist die Union auf Beihilfe zur Sanktionsumgehung.
Wirksam wird das Verbot allerdings erst rund einen Monat nach der Verabschiedung. Bis dahin gilt es noch nicht. Für die Börse ist es der zweite Sanktionsschlag innerhalb weniger Monate. Bereits Ende Mai 2026 hatte Grossbritannien die Plattform gelistet, damals als Teil eines Pakets gegen Schatten-Finanzsysteme, die Russlands Kriegswirtschaft stützen. In der Branche galt der Schritt als erste Sanktionierung einer derart grossen und etablierten Krypto-Handelsplattform. Entsprechend stark fiel die Verunsicherung unter Handelspartnern und Dienstleistern aus. Die Börse verwies damals jedoch auf ihre Compliance-Prozesse.
„Regulatorische Compliance bleibt für HTX oberste Priorität. Wir überwachen proaktiv und halten uns strikt an die regulatorischen Rahmenbedingungen in allen Jurisdiktionen, in denen wir global tätig sind, einschliesslich Grossbritannien." - HTX-Sprecher
Auf die EU-Benennung reagierte das Unternehmen hingegen bislang nicht öffentlich. Ob die Plattform europäische Kunden künftig ausschliesst, bleibt weiterhin offen.
17 weitere Plattformen im Visier der EU
Die Sanktionsliste trifft HTX nicht isoliert. Insgesamt betreiben 14 der 18 benannten Unternehmen Handels- oder Zahlungsplattformen. Ihre Sitze liegen in Georgien, Panama, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Marshallinseln, Kirgistan und Belarus. Vier weitere Benennungen betreffen das sogenannte A7-Netzwerk. Namentlich erscheinen ausserdem EXMO, BitPapa, Rapira, Exnode, Aifory Pro und ABCeX. Auf der Liste stehen ferner WhiteBird, NoOnecrypto INC., Tradex, Monease Ltd., A7 Nigeria, A7 Africa und PilotFinance Ltd.
Einen Schwerpunkt der Krypto-Benennungen bildet das A7-Netzwerk. Es entstand als Auffangstruktur für Geldflüsse, die früher über die russische Börse Garantex liefen. Garantex galt jahrelang als zentrale Drehscheibe für russische Krypto-Zahlungen. Die USA und ihre Verbündeten zerschlugen die Plattform jedoch im März 2025. Später verlagerte sich ein erheblicher Teil dieser Ströme zu A7 und zum rubelgebundenen Stablecoin A7A5. Solche Token bilden den Wert einer Währung auf der Blockchain ab. Zahlungen in Rubel-Nominalen laufen somit ohne russische Bank.
Diesen Stablecoin hatte die EU bereits zuvor ins Visier genommen. Die jüngsten Benennungen erweitern den Zugriff folglich auf die Gesellschaften dahinter. Auffällig ist die geografische Streuung. Keine der neu sanktionierten Plattformen sitzt in Russland selbst, stattdessen konzentriert sich Brüssel auf Drittstaaten mit durchlässiger Aufsicht. Die EU-Sanktionen zielen daher auf die Infrastruktur, über die russische Nutzer Offshore-Zentren und Nachbarregionen erreichen. Damit weitet die Union ihren Anspruch auf Rechtsräume aus, in denen sie keine direkte Durchsetzungsmacht besitzt. Die Wirkung hängt letztlich davon ab, wie stark die Aufsicht vor Ort kooperiert.
Justin Suns umstrittene Rolle bei HTX
Justin Sun übernahm 2022 die Mehrheit an der damaligen Huobi. Seither hält sich der Milliardär formell im Hintergrund. Das Unternehmen führt ihn weiterhin als „Advisor", nicht als Eigentümer oder Geschäftsführer. Wie viel Kontrolle hinter dieser Bezeichnung steht, lässt sich von aussen allerdings kaum beurteilen. Benannt hat die EU die Börse als Unternehmen.
Politisch ist Sun eine ambivalente Figur. Er gehörte zunächst zu den prominentesten Unterstützern von World Liberty Financial. Dieses Krypto-Projekt haben US-Präsident Donald Trump und seine Söhne mitgegründet. Inzwischen hat sich die Beziehung abgekühlt. Gleichzeitig greifen europäische und britische Behörden auf jene Börse zu, an der Sun die Mehrheit hält. Für die Plattform erhöht diese Eigentümerstruktur den regulatorischen Druck zusätzlich.
Damit steht HTX in zwei grossen westlichen Rechtsräumen auf einer Sanktionsliste. Banken und Zahlungsdienstleister in Europa müssen ihre Beziehungen zur Börse deshalb prüfen. Für ein Handelshaus dieser Grösse bedeutet das letztlich einen Einschnitt im westlichen Geschäft.
Warum Krypto-Sanktionen an ihre Grenzen stossen
Infolge der britischen Sanktion verlagerte HTX seine Einzahlungs- und Hot-Wallets regelmässig. Blockchain-Analysten beobachteten Rotationen über TRON, Ethereum, BNB Smart Chain und Solana. Diese Adressen bilden die operative Schnittstelle einer Börse zur Blockchain. Über sie fliessen Kundengelder ein und aus, weshalb Compliance-Abteilungen sie überwachen. Wechselt eine Plattform ihre Adressen laufend, veralten solche Listen folglich schneller, als Prüfer sie pflegen können.
Statische Sanktionslisten verlieren daher an Wirkung. Sie benennen Unternehmen, während die Durchsetzung tagesaktuelle Adressdaten braucht. Das Muster wiederholt sich seit der Zerschlagung von Garantex. Fällt ein Knotenpunkt aus, entstehen anderswo neue Strukturen. Die EU reagiert darauf zwar mit der Ausweitung auf Drittstaaten. Der Zeitverzug bleibt trotzdem bestehen.
Ein Sanktionspaket braucht Monate, eine Wallet-Rotation dauert Minuten. Wirkungslos sind die Massnahmen deshalb nicht. Berichten zufolge begann die Börse EXMO ihren Betrieb abzuwickeln, nachdem britische Sanktionen ihre Bank- und Verwahrbeziehungen unterbrachen. Der Hebel liegt also beim Zugang zum Bankensystem, weniger bei der einzelnen Blockchain-Transaktion. Für 2025 wies HTX selbst ein Handelsvolumen von rund 3.3 Bio. USD aus, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Wie stark ein Ausschluss europäischer Gegenparteien eine Plattform dieser Grössenordnung trifft, hängt zudem vom Anteil ihrer EU-Kunden ab. Diesen Anteil weist die Börse nicht aus.








