APY ist eine annualisierte Renditekennzahl, die den nominalen Zinssatz und die Häufigkeit der Wiederanlage in einer einzigen Zahl zusammenfasst. Der Wert beantwortet, wie viel aus einem Kapitalbetrag innerhalb von zwölf Monaten wird, wenn jede Ausschüttung sofort wieder mitverzinst wird. Je häufiger ausgeschüttet wird, desto höher fällt der APY bei gleichem Nominalsatz aus.
Rechtlich definiert ist der Begriff bis heute nur für Banken. Der Truth in Savings Act wurde im Dezember 1991 als Teil des Federal Deposit Insurance Corporation Improvement Act erlassen. Die zugehörige Regulation DD wurde eineinhalb Jahre später, im Juni 1993, wirksam und gilt ausdrücklich für Einlageninstitute, nicht für Krypto-Plattformen. Krypto-Anbieter weisen die Zahl trotzdem aus, etwa neben Angeboten für Staking oder Lending. Für sie gilt diese Berechnungsvorschrift nicht.
Wie wird der APY berechnet
Zum APY führen zwei Rechenwege. Der erste geht zunächst vom nominalen Jahressatz aus und teilt ihn durch die Zahl der Ausschüttungsperioden n. Jede Ausschüttung fliesst danach zurück ins Kapital und verzinst sich in der Folgeperiode ebenfalls. Daraus folgt die Formel APY = (1 + APR/n)^n - 1. Je höher n, desto grösser der Abstand zwischen APR und APY. Dieser Abstand konvergiert allerdings gegen die stetige Verzinsung und wächst nicht unbegrenzt. Ein Beispiel mit 10'000 USD und einem nominalen Satz von 8% zeigt, wie viel die Ausschüttungsfrequenz allein ausmacht.
| Ausschüttung | Perioden n | APY | Endwert nach 12 Monaten |
|---|---|---|---|
| jährlich | 1 | 8.00% | 10'800.00 USD |
| monatlich | 12 | 8.30% | 10'830.00 USD |
| wöchentlich | 52 | 8.32% | 10'832.20 USD |
| täglich | 365 | 8.33% | 10'832.78 USD |
| pro Sekunde | 31'536'000 | 8.33% | 10'832.87 USD |
Der Sprung von jährlicher auf monatliche Ausschüttung bringt 30.00 USD. Von monatlich auf sekündlich kommen vergleichsweise geringe 2.87 USD hinzu. Wer also tägliche gegen sekündliche Verzinsung abwägt, vergleicht Rundungsrauschen.
Der zweite Rechenweg steht in Appendix A zu Regulation DD und dreht die Sache um. Die Vorschrift rechnet nicht aus einem Satz hoch, sondern setzt den tatsächlich gezahlten Zinsbetrag ins Verhältnis zum Kapital und annualisiert ihn auf ein Jahr mit 365 Tagen. Sie lautet APY = 100 [(1 + I/P)^(365/Tage) - 1]. Damit lässt sich jedes Angebot nachrechnen, sobald der ausgezahlte Betrag feststeht. Banken müssen den Wert zudem auf 0.01 Prozentpunkte genau ausweisen. Für Krypto-Plattformen existiert keine solche Vorgabe.
Was ist der Unterschied zwischen APY und APR
APR ist der nominale Satz ohne Wiederanlage, APY der effektive mit ihr. Bei identischer Ertragslage liegt der APY deshalb immer gleich hoch oder höher. Eine Rangfolge nach Verlässlichkeit gibt es zwischen beiden allerdings nicht. Sie messen dieselbe Ertragslage, nur unterschiedlich. Der Vergleich zweier Plattformen trägt somit nur, wenn beide dieselbe Kennzahl ausweisen.
Ebenso wichtig ist, ob der genannte Satz überhaupt hält. Regulation DD zwingt Banken bei variabel verzinsten Konten, allein den Anfangszinssatz zu unterstellen und ihn für das ganze Jahr fortzuschreiben. Krypto-Plattformen trifft diese Pflicht nicht. Die SEC hielt im Verfahren gegen BlockFi fest, dass Anleger ihre Kryptowerte gegen das Versprechen einer variablen monatlichen Zinszahlung verliehen. Der Anbieter zahlte dafür schliesslich 100 Mio. USD an die SEC und an US-Bundesstaaten.
Ein dritter Unterschied betrifft die Wiederanlage selbst. Sie verlangt nicht überall eine Handlung des Nutzers. Bei automatischer Wiederanlage oder einem Rebase-Mechanismus wächst die Position ohne Zutun weiter. Verlangt die Plattform jedoch eine manuelle Reinvestition, erreicht den ausgewiesenen APY nur, wer jede Ausschüttung sofort zurückführt.
Warum ist der APY beim Staking niedriger als beworben
Beim Sparkonto zahlt eine bilanzierende Gegenpartei den Zins aus eigenen Erträgen. Beim Staking funktioniert das anders. Die Belohnung stammt aus der Protokoll-Emission und aus Prioritätsgebühren, nicht aus dem Ertrag eines Schuldners. Ethereum leitet die Basisbelohnung eines Validators aus dessen wirksamem Guthaben und der Wurzel der gesamten aktiven Einlage ab. Die Gesamtemission steigt folglich mit der Wurzel aus der Zahl der Validatoren. Je Validator sinkt sie hingegen mit dem Kehrwert dieser Wurzel.
Der Effekt ist erheblich. Wächst die im Stake gebundene Menge von 35 auf 45 Mio. ETH, sinkt die Bruttorendite desselben Validators um rund 12%. Er hat selbst nichts verändert und liefert dieselbe Leistung. Ein beworbener Staking-APY ist deshalb keine Zusage, sondern eine Momentaufnahme der gerade gestakten Menge.
Nicht zuletzt ist die Belohnung in der Protokollwährung denominiert, nicht in Franken oder Dollar. Wächst der ETH-Bestand um wenige Prozent, während der Kurs zweistellig fällt, steht am Ende ein Verlust. Wer einen Staking-APY mit einem Sparzins vergleicht, stellt daher zwei verschiedene Grössen nebeneinander.
Woraus sich der APY bei Lending und Liquidity Mining zusammensetzt
Beim Krypto-Lending stammt der Zins von Kreditnehmern. Bleiben deren Rückzahlungen aus, trifft es die Rendite unmittelbar. Entscheidend ist somit, an wen die Plattform das Kapital weiterreicht und gegen welche Sicherheiten. Die US-Handelsbehörde FTC hielt zum Earn-Programm von Celsius fest, dass die Plattform entgegen eigener Darstellung unbesicherte Kredite über 1.2 Mrd. USD vergeben hatte. Bei Gemini Earn zog der Anbieter ausserdem eine Vermittlungsgebühr von der Rendite ab, bevor sie beim Anleger ankam. Ein Lending-APY ist damit ein Bruttowert vor Gegenparteirisiko und vor Gebühren.
Beim Liquidity Mining und beim Yield Farming setzt sich der APY aus drei Bestandteilen zusammen. Anteilige Handelsgebühren bilden den Kern: Uniswap v2 leitet 0.30% des Handelsvolumens an die Liquiditätsgeber weiter. Weiterhin kommen Token-Emissionen des Protokolls hinzu. Gegenläufig wirkt jedoch der Bewertungseffekt eines auseinanderlaufenden Kurspaars, und der steht in keiner beworbenen Zahl. Läuft das Kurspaar weit genug auseinander, übersteigt dieser Abzug den gesamten Gebührenertrag.
Manche Protokolle bezahlen den APY, statt ihn zu erwirtschaften. Anchor zahlte auf UST-Einlagen einen stabilen Satz von 19.5%, den die Kreditzinsen des Protokolls nie deckten. Die Terra-Community beschloss deswegen, den Satz schrittweise zu senken. Kurz darauf kollabierte Terra. Ein APY aus Subvention oder Emission verwässert also den Token, aus dem er gezahlt wird.
Was MiCA und die Schweizer Steuerpraxis für beworbene APY-Zahlen bedeuten
In der EU gilt die Verordnung (EU) 2023/1114, besser bekannt als MiCA. Sie verbietet Emittenten wertreferenzierter Token und von E-Geld-Token, darauf Zinsen zu gewähren. Artikel 50 nimmt ausserdem die Krypto-Dienstleister mit hinein. Als Zins gilt dabei jeder Vorteil, der von der Haltedauer abhängt, einschliesslich Rabatten und Kompensationen durch Dritte. Ein in der EU beworbener Stablecoin-APY kann daher nicht vom Token selbst stammen, sondern nur aus einem separaten Dienst mit eigenem Gegenparteirisiko.
Für die Werbung selbst schreibt MiCA vor, dass Marketingmitteilungen als solche erkennbar sind und faire, klare und nicht irreführende Angaben enthalten. Sie müssen zudem zum Whitepaper passen und den Hinweis tragen, dass keine Behörde sie geprüft hat. Diese Pflichten gelten seit dem 30.12.2024. Wer in der EU einen APY bewirbt, muss seither erklären können, woraus die Zahl entsteht.
Für Schweizer Privatanleger kommt schliesslich die Steuer hinzu. Das Arbeitspapier der ESTV hält fest, dass die Staking-Entschädigung grundsätzlich als Ertrag aus beweglichem Vermögen nach Art. 20 Abs. 1 DBG qualifiziert. Sie ist damit im Zeitpunkt des Zuflusses einkommenssteuerpflichtig. Ein beworbener APY ist letztlich eine Vorsteuer-Grösse, von der zusätzlich Gebühren abgehen.









