Aave ist ein dezentrales, quelloffenes Kreditprotokoll auf Ethereum und weiteren Blockchains, das überbesicherte Krypto-Kredite über automatisierte Liquiditätspools statt über eine Gegenpartei vermittelt. Kreditgeber legen Assets in diese Pools ein und erhalten verzinsliche aTokens. Kreditnehmer hinterlegen Sicherheiten und leihen andere Assets gegen laufend berechnete Zinsen.
Aave läuft seit Januar 2020 auf dem Ethereum-Mainnet und hat sich von dort auf weitere Netzwerke ausgeweitet. Der über alle Versionen und Netzwerke gebundene Total Value Locked lag am 21. August 2026 bei rund 17.5 Mrd. USD. Eine Betreibergesellschaft im klassischen Sinn gibt es jedoch nicht. Stattdessen bestimmen die Halter des Governance-Tokens AAVE über Risikoparameter und Upgrades. Für Nutzer ist Aave deshalb Infrastruktur für Krypto-Lending im Bereich der dezentralen Finanzen, kein Dienstleister mit Vertragsverhältnis.
Von ETHLend zum Liquiditätspool-Modell
Aave hiess zuerst ETHLend. Der Vorläufer vermittelte Kredite direkt zwischen zwei Nutzern und sammelte 2017 in einem ICO 16.2 Mio. USD ein. Dieses Peer-to-Peer-Modell brauchte allerdings für jeden Kreditwunsch eine Gegenseite mit passendem Betrag, passendem Asset und passender Laufzeit. Im September 2018 folgte daher die Umbenennung zu Aave samt Wechsel auf das Liquiditätspool-Modell. Kreditgeber zahlen dort in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem Kreditnehmer ziehen, solange Liquidität vorhanden ist.
Den Zinssatz berechnet das Protokoll automatisch, statt ihn zwischen zwei Parteien auszuhandeln. Das Modell der Zinsstrategie arbeitet mit zwei Steigungen. Unterhalb der optimalen Auslastung einer Reserve steigt der Zins flach, von diesem Punkt bis zur vollen Auslastung steil. Basiszins, beide Steigungen und der Höchstzins gelten zudem je Reserve, nicht protokollweit. Der Knick verteuert weiteres Ausleihen, sobald eine Reserve stark ausgelastet ist, und macht gleichzeitig neue Einlagen attraktiver. Dadurch hält das Modell Liquidität für Abhebungen frei.
Die Architektur selbst entstand in vier Ausbaustufen, die der Changelog der Protokoll-Dokumentation datiert.
| Version | Start | Netzwerke | Neuerung |
|---|---|---|---|
| Aave V1 | 8. Januar 2020 | Ethereum Mainnet | Liquiditätspools, aTokens, Flash Loans |
| Aave V2 | 3. Dezember 2020 | Ethereum | Collateral-Switching, geringere Gaskosten |
| Aave V3 | 16. März 2022 | Polygon, Fantom, Avalanche, Arbitrum, Optimism, Harmony | Efficiency Mode, Isolation Mode, Supply- und Borrow-Caps |
| Aave V4 | 30. März 2026 | Ethereum Mainnet | Hub-and-Spoke-Architektur mit 3 Hubs und 11 Spokes |
Wie funktioniert die Liquidation bei Aave?
Jede hinterlegte Sicherheit trägt einen Liquidation Threshold, also den Anteil ihres Werts, bis zu dem ein Kredit als gedeckt gilt. Daraus berechnet die Aave-Software laufend den Health Factor: den Sicherheitswert multipliziert mit dem gewichteten Liquidation Threshold, geteilt durch die Kreditsumme. Die Dokumentation rechnet den Fall vor. Aus 10'000 USD Sicherheiten mit einem Schwellenwert von 80% und einem Kredit von 6'000 USD ergibt sich ein Health Factor von 1.333. Hinterlegt jemand mehrere Assets, geht deren jeweiliger Schwellenwert gewichtet in dieselbe Formel ein. Ein Wert über 1 gilt daher als gedeckt.
Fällt der Kurs der Sicherheit, sinkt der Health Factor ebenfalls. Im selben Beispiel genügt ein Rückgang auf 7'500 USD, und der Wert erreicht exakt 1.0. Ab dieser Marke wird die Position liquidierbar. Liquidatoren begleichen einen Teil der Schuld und erhalten dafür Sicherheiten des Kreditnehmers, aufgeschlagen um einen Liquidationsbonus. Dessen Höhe richtet sich nach dem Risiko der hinterlegten Sicherheit. Der Bonus ist folglich der Anreiz für Dritte, fremde Positionen überhaupt zu schliessen.
Wie viel Schuld eine einzelne Liquidation tilgt, begrenzen zudem zwei Schwellen. Liegt der Health Factor über 0.95 und erreichen Sicherheit wie Schuld je mindestens 2'000 USD, kommen höchstens 50% der Schuld an die Reihe. Sinkt der Health Factor hingegen auf 0.95 oder darunter, oder unterschreitet eine der beiden Seiten 2'000 USD, schliesst ein Liquidator die Position vollständig.
Flash Loans ohne Sicherheit in einer einzigen Transaktion
Ein Flash Loan ist ein Kredit ohne jede Sicherheit. Möglich macht ihn die Atomarität einer Transaktion: Der Kreditnehmer leiht den Betrag, verwendet ihn und zahlt ihn samt Gebühr im selben Vorgang zurück. Falls am Ende ein Teil der Rückzahlung fehlt, dreht die Vertragslogik die gesamte Transaktion zurück. Solche Kredite eignen sich folglich nur für Abläufe, die vollständig im Vertragscode stattfinden. Ein Ausfall kann den Pool deshalb nicht treffen, obwohl niemand Sicherheiten hinterlegt hat.
Für den Dienst verlangt das Protokoll jedoch eine Gebühr auf den geliehenen Betrag. Version 3 setzte sie auf 0.05%, und die Governance kann diesen Satz ändern. Bei der Funktion flashLoanSimple lässt sie sich nicht erlassen. Ein regulärer Aave-Kredit funktioniert anders. Er verlangt Überbesicherung, läuft dafür aber über beliebig lange Zeit und endet erst mit Rückzahlung oder Liquidation.
aTokens und der protokolleigene Stablecoin GHO
Wer Kapital in einen Aave-Pool einzahlt, erhält im Gegenzug aTokens. Diese sind 1:1 gegen das hinterlegte Asset einlösbar. Den Zinsertrag zeigt ein kontinuierlich steigender Wallet-Saldo an, nicht ein klassisches Rebasing. Nutzer müssen dafür nichts auslösen. Von einem Wrapped Token unterscheidet sich ein aToken somit im Kern. Er verpackt kein Asset für eine fremde Chain, sondern verbrieft eine verzinsliche Forderung gegen den Pool.
Mit GHO gibt das Protokoll ausserdem einen eigenen Stablecoin aus. Die Aave DAO beschloss den Mainnet-Start mit Proposal 268, ausgeführt am 15. Juli 2023. Kreditnehmer prägen die Einheiten direkt im Protokoll, wobei ein sogenannter Facilitator die Obergrenze festlegt. Beim Start durfte der Aave-V3-Pool auf Ethereum bis zu 100 Mio. GHO prägen. Derselbe Beschluss räumte Haltern von gestaktem AAVE einen Zinsrabatt von 30% auf GHO-Kredite ein.
Wer die Regeln von Aave festlegt
Der Ticker AAVE bezeichnet den Governance-Token, nicht das Protokoll selbst. Der Betrieb des Protokolls hängt entsprechend nicht am Kurs dieses Tokens. Wer AAVE hält, stimmt über Risikoparameter, neue Märkte und Änderungen an den Verträgen ab. Der Code der Governance-Verträge kennt dafür zwei Pfade. Der Short Executor deckt den Standardfall ab und verlangt ein Quorum von 2%. Kritische Eingriffe wie Vertrags-Upgrades laufen dagegen über den Long Executor, der 6.5% Quorum und eine längere Abstimmungsdauer vorschreibt.
Die DAO trägt ausserdem das Restrisiko des Protokolls. Bleibt nach einer Liquidation uneinbringliche Schuld zurück, spricht die Branche von Bad Debt. Wie das entsteht, zeigte der gescheiterte CRV-Short von Avraham Eisenberg. Die Liquidation seiner Position auf Aave V2 hinterliess 2.7 Mio. CRV Bad Debt. Seitdem das Protokoll auf Umbrella umgestellt hat, deckt ein automatisiertes Slashing gestakter Mittel solche Defizite. Wer AAVE staked, trägt somit ein Verlustrisiko, das reines Governance-Staking nicht kennt.
Eine Aufsichtsbehörde setzt diese Regeln nicht. MiCA klammert vollständig dezentrale Dienste ohne Intermediär ausdrücklich aus. Die Nutzung von Aave aus der eigenen Wallet steht damit ausserhalb der europäischen Krypto-Aufsicht. Das ESMA-Q&A 2883 stellt klar, dass zugelassene Krypto-Dienstleister Krypto-Lending zwar anbieten dürfen, dieses Geschäft unter MiCA aber unreguliert bleibt. Verliehene Assets schützen die MiCA-Verwahrungsregeln ebenfalls nicht.









