Binance stellt ab dem 1. Juli 2026 alle Dienste für EU-Kunden ein, nachdem der MiCA-Lizenzantrag in Griechenland gescheitert ist. Kunden in Frankreich, Polen, Italien und Spanien erhielten bereits E-Mails mit der Aufforderung, ihre Guthaben abzuziehen.
MiCA, die Markets-in-Crypto-Assets-Regulation, bildet seit Dezember 2024 den EU-weit einheitlichen Rechtsrahmen für Krypto-Dienstleister. Eine CASP-Lizenz in einem einzigen Mitgliedstaat berechtigt zur Passportierung in alle 27 EU-Staaten. Eine Ablehnung wirkt folglich spiegelbildlich und versperrt den gesamten Binnenmarkt auf einen Schlag. Binance unterhielt zwar nationale Registrierungen in Frankreich, Polen, Italien, Spanien, Schweden und Litauen, doch diese begründen keine Passportierungsrechte. Der im Januar 2026 in Griechenland gestellte Antrag war somit der einzige aktive Zulassungsversuch des Unternehmens unter dem neuen Regime. Bis zum Ablauf der 18-monatigen MiCA-Übergangsfrist nach Artikel 143, die Ende Dezember 2024 begann, wurden lizenzlose Anbieter geduldet. Ab dem 1. Juli 2026 ist ein Betrieb ohne CASP-Lizenz innerhalb der EU jedoch rechtswidrig.
AML-Bedenken beenden den griechischen MiCA-Antrag
Den MiCA-Antrag reichte Binance ursprünglich im Januar 2026 bei der griechischen Aufsichtsbehörde Hellenic Capital Market Commission (HCMC) ein. Co-CEO Richard Teng gab sich im Februar öffentlich zuversichtlich, dass die Genehmigung erfolgen werde. Die obligatorische 40-tägige Begutachtungsphase, in der andere europäische Behörden Einwände erheben können, endete zunächst Anfang Juni ohne formelle Einsprüche. Der Weg zur Genehmigung schien damit weitgehend frei.
Mitte Juni kippte die Lage. Reuters berichtete unter Berufung auf anonyme Quellen, die HCMC bereite eine Ablehnung des Antrags vor. Griechische, irische und lettische Behörden hätten zudem gemeinsam Bedenken zur Geldwäsche-Prävention und Fragen zur Unternehmensstruktur geäussert. Binance widersprach dem Bericht und erklärte, die HCMC habe den Antrag als MiCA-konform beurteilt und eine Genehmigung bei der nächsten Vorstandssitzung vorgesehen. Am 24. Juni zog das Unternehmen den Antrag schliesslich selbst zurück, nach eigener Darstellung nach sorgfältiger Abwägung von Stand und Zeitplan des griechischen Verfahrens. Eine formelle HCMC-Entscheidung gab es nie; gesichert ist allein der freiwillige Rückzug.
Den strukturellen Hintergrund bildet Binances Compliance-Vergangenheit. 2023 bekannte sich das Unternehmen in den USA wegen Verstössen gegen Geldwäsche- und Sanktionsgesetze schuldig. Die Strafzahlung an US-Behörden belief sich auf 4.3 Mrd. USD. Gründer Changpeng Zhao verbüsste 2024 ferner eine viermonatige Haftstrafe wegen Geldwäsche-Verstössen. Im Oktober 2025 begnadigte ihn US-Präsident Donald Trump; an Binance hält er weiterhin rund 90 Prozent der Anteile. Medienberichte, wonach EZB-Präsidentin Christine Lagarde die griechische Regierung zur Ablehnung gedrängt habe, blieben von EZB und Athen unbestätigt.
Dienste-Stopp ab 1. Juli in vier Märkten
In der Woche ab dem 23. Juni verschickte Binance E-Mails an Kunden in Polen, Italien, Spanien und Frankreich. Die Nachrichten enthielten konkrete Anweisungen zur Auszahlung der Guthaben. Wer dort ein Konto führt, muss seine Bestände daher vor dem Stichtag auf eine eigene Wallet oder zu einem lizenzierten Anbieter übertragen. An die französische Kundschaft schrieb der Anbieter, Binance France werde ab dem 1. Juli 2026 keine Krypto-Dienstleistungen mehr in Frankreich erbringen. Neukunden nehme das Unternehmen bereits jetzt keine mehr an. Somit endet der reguläre Betrieb in genau jenen vier Märkten, die zuvor auf nationalen Registrierungen beruhten.
Rechtlich erzwingt die MiCA-Übergangsfrist diesen Schritt. Ab dem 1. Juli ist ein Krypto-Dienstleistungsbetrieb ohne CASP-Lizenz EU-weit unzulässig. In Frankreich drohen ausserdem bei Verstössen bis zu zwei Jahre Haft und 30'000 EUR Busse. Öffentlich hält das Unternehmen dennoch an einer anderen Lesart fest. Gegenüber CNBC betonte es, man werde vor dem 1. Juli die nötigen Schritte zur Regelkonformität unternehmen. Diese Darstellung kontrastiert allerdings mit den Abmelde-E-Mails, die faktisch das Ende der Dienste ankündigen.
Frankreich als nächster Anlauf für die MiCA-Lizenz
Als Ausgangspunkt für eine mögliche Rückkehr dient zunächst die Tochter Binance France SAS. Sie verfügt seit Mai 2022 über eine DASP-Registrierung als Digital Asset Service Provider bei der französischen Aufsichtsbehörde AMF. Diese Registrierung deckt jedoch keine MiCA-CASP-Lizenz ab, die für den EU-weiten Betrieb nötig wäre. Gegenüber CNBC kündigte Binance an, die Genehmigung künftig in einem anderen EU-Mitgliedstaat zu suchen. Die Financial Times berichtete unter Berufung auf Unternehmenskenner, Binance beabsichtige einen MiCA-Antrag in Frankreich.
Die AMF zeigt sich Branchenberichten zufolge offen für einen Dialog. Offiziell äusserte sich die Behörde allerdings nicht zu einem laufenden Binance-Verfahren. Selbst bei einem zügigen Antrag dürfte eine Genehmigung erst Monate nach dem 1. Juli erfolgen. Damit entstünde eine Versorgungslücke im EU-Geschäft der Börse. Co-CEO Richard Teng bezeichnete Europa weiterhin als wichtigen Markt. Letztlich zeigte er sich zuversichtlich, in den kommenden Monaten eine Lizenz zu sichern.
Nicht zuletzt belastet eine laufende Strafuntersuchung den französischen Weg. Die dortige Justiz ermittelt wegen des Verdachts der Geldwäsche im Zusammenhang mit Drogenhandel und Steuerbetrug. Binance bestreitet die Vorwürfe. Eine Zulassung ausgerechnet in jenem Land zu erwirken, in dem Ermittler gegen das Unternehmen vorgehen, dürfte den Zeitplan zusätzlich erschweren.
Binance als Sonderfall unter lizenzierten Wettbewerbern
Während Binance den EU-Marktzugang verliert, haben die grössten Wettbewerber ihre MiCA-Lizenzen rechtzeitig gesichert. Coinbase und Kraken erhielten ihre Zulassung in Irland, Kraken zusätzlich in Luxemburg, OKX und Crypto.com in Malta. Bitpanda meldete sich in Österreich an, Bitstamp in Luxemburg und Revolut in Zypern. Diese Anbieter können ihre Lizenz folglich EU-weit passportieren. Der Ausschluss reiht sich zudem in ein bekanntes Muster ein. Bereits seit 2021 ist Binance ebenso faktisch aus Grossbritannien ausgesperrt, wo die lokale Einheit Binance Markets Limited nie den Betrieb aufnahm.
Die MiCA-Hürde wirkt durchaus selektiv. Von über 1'200 zuvor national registrierten Anbietern erhielten bislang nur rund 210 eine vollständige CASP-Zulassung, also etwa 17 Prozent. Finanziell bleibt das Unternehmen gleichzeitig dominant. Im Februar 2026 hielt die Plattform rund 47.5 Mrd. USD in den Stablecoins USDT und USDC. Das entsprach schätzungsweise 65 Prozent aller Stablecoin-Reserven an zentralisierten Börsen. Regulatorisch steht Binance damit isoliert da, ökonomisch hingegen keineswegs geschwächt.








