Die BIP-Editoren des Bitcoin-Projekts haben Luke Dashjr seine Rechte entzogen, 26 Stunden nachdem Mark Erhardt eine Absetzungs-Motion eingereicht hatte. Auslöser war ein Interessenkonflikt rund um den gescheiterten Chain-Split zu BIP-110.
BIP-Editoren verwalten die Bitcoin Improvement Proposals, also die formalen Änderungsvorschläge für Bitcoins Protokollregeln. Ihre Rolle ist administrativ und umfasst Nummerierung, Formatierung, Statuspflege und Ablauf. Über den Inhalt von Konsensregeln entscheiden sie hingegen nicht, weshalb ihre Neutralität als Fundament des Verfahrens gilt. Dashjr zählt seit Jahren zu den umstrittensten Figuren im Bitcoin-Ökosystem. Er ist Lead Maintainer von Bitcoin Knots. Bis zu einem angekündigten Sabbatical war er ebenfalls Chairman und CTO des Mining-Pools Ocean. Die Motion entzündete sich an seinem Vorgehen rund um BIP-110, einen im August gescheiterten Softfork-Vorschlag gegen Datenspeicherung in Transaktionen. Mark Erhardt, in der Entwicklerszene als Murch bekannt, reichte sie auf der Bitcoin-Dev-Mailingliste ein. Im zugehörigen GitHub-Antrag sammelten sich schliesslich 31 Zustimmungs-Reaktionen.
Dashjr nutzte seine Editor-Rolle für den eigenen BIP-Vorschlag
Erhardts Antrag stützt sich auf vier Begründungen. An erster Stelle steht der Interessenkonflikt, denn Dashjr trat gleichzeitig als Editor und als Wortführer der BIP-110-Initiative auf. Damit trug er den Vorschlag inhaltlich mit und entschied zugleich über dessen formale Aufnahme. Hinzu kommen geringe Beiträge zur Editor-Arbeit, das Anführen einer umstrittenen Fork-Initiative und eine gestörte Koordination mit den übrigen Editoren.
Zwei Prozessverstösse benennt der Antrag konkret. Dashjr habe zunächst versucht, eine BIP-Nummer öffentlich auf X zuzuweisen, bevor die Mailingliste darüber diskutieren konnte. Ausserdem habe er einen Pull Request wenige Minuten nach dessen Öffnung selbst gemerged. Ein Pull Request ist auf GitHub der Antrag, eine Änderung in ein Repository zu übernehmen. Der Merge vollzieht ihn. Eine zugeteilte Nummer signalisiert im Verfahren die formale Aufnahme eines Vorschlags. Beide Schritte sollen die Editoren daher gemeinsam und erst nach Debatte auf der Mailingliste treffen.
Die Aktivitätszahlen untermauern den zweiten Vorwurf ebenso. Auf Dashjr entfielen seit April 2024 weniger als 1% aller Editor-Kommentare im Repository. Sein Merge im BIP-110-Verfahren war zudem der erste seit Mai 2024. Ein Editor, der über Jahre kaum eingreift, griff somit ausgerechnet bei jenem Vorschlag ein, den er selbst vorantrieb. Genau diese Trennlinie zwischen Verwaltung und Interessenvertretung sieht der Antrag verletzt. Erhardt ist selbst BIP-Editor und reichte den Antrag damit aus dem Gremium heraus ein.
„[Er hat] seine Autorität als BIP-Editor nicht im Einklang mit dem etablierten redaktionellen Prozess ausgeübt und den Vorschlag, in den er selbst involviert war, unfair begünstigt." - Mark Erhardt, BIP-Editor und Antragsteller
Die Editoren-Rolle ist bewusst eng geschnitten und soll Vorschläge ordnen, nicht durchsetzen. Wer sie ausdehnt, greift folglich in einen Prozess ein, der am Ende Bitcoins Netzwerkregeln definiert.
26 Stunden von der Motion zur Entfernung
Zunächst stellte Erhardt den Antrag am 9. August um 14:53 Uhr ET auf der Bitcoin-Dev-Mailingliste. 49 Minuten später widersprach Dashjr öffentlich und sprach von Machtmissbrauch. Kurz darauf entstand auf GitHub der Pull Request #2248 mit dem Titel „process: Remove Luke from BIP Editors". Eine formale Abstimmung sah der Prozess nicht vor. Die Editoren griffen daher zur Reaktionsfunktion von GitHub. 31 Nutzer setzten einen Daumen nach oben. Ausdrückliche Zustimmungen kamen ferner von den Entwicklern SatsAndSports, jlopp und caesrcd. Entwickler jonatack führte den Pull Request schliesslich zusammen.
Am 10. August um 16:52 Uhr ET bestätigte Bryan Bishop die Entfernung. Die Editoren entzogen Dashjr somit die Schreibrechte am Repository. Ein einzeiliger Pull Request strich seinen Namen zudem aus BIP 3, dem Governance-Dokument des Verfahrens. Zwischen Antrag und Vollzug lagen 26 Stunden. Eine Anhörung fand hingegen nicht statt. Dashjrs Widerspruch war zuvor öffentlich erfolgt, blieb im Verfahren jedoch folgenlos. Öffentlich einsehbar blieb der Vorgang durchgehend, von der Begründung bis zur Stimmenzählung.
Bitcoins BIP-Governance kennt keine Absetzungsregel
BIP 3 beschreibt den Prozess hinter den Improvement Proposals. Das Dokument regelt Einreichung, Nummerierung und Statuswechsel eines Vorschlags und benennt ebenfalls die amtierenden Editoren. Nach Dashjrs Streichung führt es noch Bryan Bishop, Jon Atack, Mark Erhardt, Olaoluwa Osuntokun und Ruben Somsen. Eine Regel für die Absetzung eines Editors fehlt darin jedoch. Diese Lücke füllte die Reaktions-Abstimmung im Pull Request. Beteiligte zeigen darin mit Emoji-Markierungen unter einem Beitrag Zustimmung oder Ablehnung an.
Formal betrachtet ist das ein schwacher Titel. Für Quorum, Frist, Mehrheit oder Berufung existiert keine geschriebene Regel. Bestand hat die Entfernung trotzdem, weil sie auf einer praktischen Grundlage ruht. Wer Schreibrechte an einem Repository vergibt, kann sie ebenso entziehen. Bitcoins Governance arbeitet an solchen Stellen mit gelebter Praxis statt mit geschriebenen Statuten. Das macht sie gleichzeitig beweglich und angreifbar. Ein Editor lässt sich deshalb binnen eines Tages entfernen, ohne dass ein Verfahren dies vorsieht.
Doppelrollen sind im Bitcoin-Umfeld nicht neu. Entwickler treten regelmässig zugleich als Fürsprecher konkreter Vorschläge auf. Sanktionen folgten daraus bislang allerdings selten und kaum je derart schnell. Für künftige Editoren entsteht daraus letztlich ein Massstab, der nirgends niedergeschrieben steht. Ob BIP 3 diesen Massstab nachträglich festhält, ist offen.
Bitcoin Knots behält Dashjr als Lead Maintainer
Von der Entfernung unberührt bleibt Dashjrs zweite Funktion. Als Lead Maintainer verantwortet er weiterhin Bitcoin Knots, den alternativen Node-Client neben Bitcoin Core. Der Client nutzt eigene Regeln für die Weitergabe von Transaktionen. Die Absetzung betrifft also ausschliesslich seine Rechte im BIP-Repository. Nahezu zeitgleich mit Bishops Bestätigung kündigte Dashjr ausserdem ein Sabbatical bei Ocean an. Seinen Fokus wolle er auf Bitcoin- und Open-Source-Projekte richten.
Der technische Streit hinter der Personalie ist damit nicht beigelegt. BIP-110 wollte ursprünglich die Grösse beliebiger Datenfelder in Transaktionen begrenzen und zielte auf die Speichertechniken hinter Ordinals und Runes. Beide schreiben Bild- und Token-Daten direkt in Bitcoin-Transaktionen. Die Minderheitskette spaltete sich am 8. August bei Blockhöhe 961'632 ab. Knoten mit aktivierter Regel verwarfen dort Blöcke ohne Signalisierung. Über die Gruppe Roughnecks und Oceans DATUM-System entstanden lediglich zwei Blöcke, später stoppte die Produktion ganz. Zeitweise lag die Kette 18 Blöcke hinter dem Hauptstrang zurück.
Der Hashrate-Anteil der Kette erreichte maximal 2.53%. Für eine reguläre Aktivierung wären hingegen 55% nötig gewesen. Insgesamt 51 Blöcke signalisierten für BIP-110, alle stammten von Ocean selbst. Als Notfalloption diskutieren Befürworter einen Wechsel des Proof-of-Work-Algorithmus. Entwickler Chris Guida setzte Dashjrs Hard-Fork-Code aus dem Blockgrössenstreit von 2017 dafür neu auf Bitcoin Knots auf. Ein solcher Wechsel würde die Kette folglich von den bestehenden SHA-256-Minern lösen. Er wäre allerdings eine harte Abspaltung und kein Softfork mehr. Eine Entscheidung steht bislang aus.








