Die Reserve Bank of India bestätigt Gespräche der BRICS-Staaten über eine Verknüpfung ihrer Zahlungssysteme mit digitalen Zentralbankwährungen. Für die kursierende Behauptung, BRICS setze dabei auf XRP oder den XRP Ledger, fehlt allerdings jeder Beleg.
BRICS ist ein Staatenbündnis aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, das seit 2024 weitere Mitglieder aufgenommen hat. Die Gruppe arbeitet an einer Zahlungsinfrastruktur, die ohne SWIFT und ohne Dollar-Clearing auskommt. CBDCs sind staatlich emittiertes, zentral kontrolliertes Digitalgeld der Notenbanken und somit kein Krypto-Asset im Sinn von Bitcoin oder XRP. Die Zahlungsagenda läuft seit über zehn Jahren, bislang jedoch ohne gemeinsame technische Basis. 2026 führt Indien den Vorsitz und will nach Medienberichten eine „CBDC Bridge" auf die Agenda des Gipfels in Neu-Delhi setzen. Gouverneur Sanjay Malhotra bestätigte die Gespräche im August 2026, stufte sie gleichzeitig als frühe Phase ein.
Was Indiens Notenbank zu den BRICS-Gesprächen tatsächlich sagt
Malhotra beschrieb eine Diskussion, keinen Beschluss. Die Mitgliedsstaaten prüfen, ob sich ihre nationalen Schnellzahlungssysteme untereinander und mit den jeweiligen Zentralbank-Digitalwährungen verbinden lassen. Solche Systeme wickeln Inlandszahlungen nahezu in Echtzeit ab. Grenzüberschreitend läuft der Verkehr hingegen über Korrespondenzbanken, was Kosten und Laufzeiten erhöht. Erklärtes Ziel der Gespräche ist deshalb ein günstigerer und schnellerer Zahlungsverkehr zwischen den Mitgliedsstaaten.
„Verschiedene Optionen liegen auf dem Tisch, darunter CBDCs und die Verknüpfung von Schnellzahlungssystemen, doch es ist noch im Diskussionsstadium." - Sanjay Malhotra, Gouverneur der Reserve Bank of India
Konkrete Festlegungen gibt es bisher nicht. Der Gouverneur nannte weder eine Architektur noch einen Zeitplan. Somit bleibt offen, ob am Ende eine gemeinsame Plattform, bilaterale Verbindungen oder lediglich abgestimmte technische Standards stehen. Ebenfalls unbeantwortet ist, welche Mitgliedsstaaten sich überhaupt beteiligen würden.
Neu ist das Vorhaben nicht. Die erste grenzüberschreitende Zahlungsinitiative der Gruppe stammt aus dem Jahr 2015. Russland brachte das CBDC-Thema 2024 beim Gipfel in Kasan zurück auf die Tagesordnung. Ein Jahr später forderte die Gipfel-Erklärung aus Brasilien stärkere Interoperabilität der Zahlungssysteme. Trotzdem existiert bis heute kein gemeinsamer technischer Unterbau. Indien will das Dossier 2026 weitertreiben. Der 18. BRICS-Gipfel in Neu-Delhi ist auf den 12. und 13. September 2026 terminiert. Letztlich haben elf Jahre Vorarbeit keine gemeinsame Infrastruktur hervorgebracht, sondern eine Reihe von Absichtserklärungen.
mBridge ist die einzige Multi-CBDC-Brücke im Praxisbetrieb
Eine funktionierende Multi-CBDC-Plattform existiert bereits, allerdings ausserhalb formaler BRICS-Strukturen. Project mBridge verbindet die Zentralbanken Chinas, Hongkongs, Thailands, der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens. Teilnehmende Geschäftsbanken tauschen dort digitales Zentralbankgeld direkt untereinander aus. Der Umweg über Korrespondenzbanken entfällt damit. Die Teilnehmerliste überschneidet sich nur teilweise mit dem Bündnis, ein BRICS-Projekt ist die Plattform formal nicht.
Ursprünglich lief mBridge unter dem Dach der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS). Die BIS beendete ihre Beteiligung schliesslich im Oktober 2024 und bezeichnete den Schritt offiziell als „Graduation". Seither betreiben die beteiligten Zentralbanken die Plattform eigenständig. Kumuliert wickelte mBridge 55.49 Mrd. USD über mehr als 4'000 Transaktionen ab. Gemessen am globalen Korrespondenzbankgeschäft ist das ein vergleichsweise kleiner Betrag. Unter den grenzüberschreitenden CBDC-Vorhaben steht die Plattform dennoch allein.
Rund 95% der über mBridge abgewickelten Summe entfallen auf den digitalen Yuan. Folglich ist die Plattform faktisch eine e-CNY-Infrastruktur mit angeschlossenen Partnern. China treibt das Vorhaben ausserdem aus einer Position der Stärke voran. Bis Ende 2025 hatte der e-CNY kumuliert 2.3 Bio. USD (16.7 Bio. RMB) über 3.4 Mrd. Transaktionen abgewickelt. Kein anderes Projekt für digitales Zentralbankgeld erreicht diese Grössenordnung. In den Projektbeschreibungen der beteiligten Zentralbanken taucht der XRP Ledger nirgends auf.
Warum die XRP-Brücken-These strukturell schwach ist
Weder ein BRICS-Staat noch Ripple hat je eine Partnerschaft rund um XRP bestätigt. Ebenso kommt ein unabhängiger Faktencheck zum Ergebnis, dass die kursierenden Behauptungen unbelegt sind. Belegt sind hingegen Ripples Pilotprojekte mit Notenbanken und Regierungen: Bhutan seit September 2021, Palau seit November 2021 und Montenegro seit April 2023. Dazu kommen Kolumbien und Georgien. Alle diese Mandate stammen zudem aus der Zeit vor der aktuellen BRICS-Debatte. Kein einziger Partner ist BRICS-Mitglied.
Gegen die These spricht ferner die politische Logik des Projekts. Ripple ist ein in San Francisco domiziliertes Unternehmen und untersteht damit US-Recht und US-Aufsicht. Das Kernmotiv der BRICS-Zahlungsagenda liegt gerade darin, die Abhängigkeit von US-kontrollierter Finanzinfrastruktur zu verringern, von SWIFT bis zum Dollar-Clearing. Zudem gehören Russland und Iran dem Bündnis als Vollmitglieder an, beide stehen unter westlichen Sanktionen. Beobachter sehen darin einen Grund für den Rückzug der BIS aus mBridge. Die BIS bestreitet politische Motive und verweist auf eine planmässige Übergabe. Einen US-Anbieter als Rückgrat eines Systems zu wählen, das amerikanische Kontrolle umgehen soll, wäre daher ein Widerspruch.
Hinzu kommt die Architekturfrage. Eine Forbes-Analyse vom Mai 2026 sieht die multilaterale CBDC-Interoperabilität in zwei unvereinbare Lager gespalten. Einerseits ersetzt mBridge das Korrespondenzbankensystem durch direktes Settlement zwischen Zentralbanken. Die BIS-geführte Agorá-Initiative verfolgt andererseits den Gegenentwurf. Sieben Zentralbanken und über 40 private Institutionen wie JPMorgan, Citi, HSBC und SWIFT wollen das bestehende Korrespondenzbanken-Modell per Tokenisierung erhalten. Beide Ansätze sind laut der Analyse folglich strukturell inkompatibel. Auffällig ist, dass beide Lager für eine dritte Brücke auf Basis eines öffentlichen Krypto-Ledgers keinen Platz lassen.
Die BRICS-Staaten sind bei eigenen CBDCs selbst uneins
Selbst national fallen die Projekte weit auseinander. Russland führt den digitalen Rubel ab dem 1. September 2026 verpflichtend ein. Grossbanken müssen ihren Kunden dann Transaktionen mit der Währung ermöglichen. Gleichzeitig müssen Händler mit einem Vorjahresumsatz über 120 Mio. RUB die Zahlungen akzeptieren. Später folgen weitere Stufen, 2027 bei einer Schwelle von 30 Mio. RUB und 2028 für die übrigen Banken und Händler.
Indiens digitale Rupie kommt vergleichsweise langsam voran. Bis Juli 2026 zählte das Pilotprojekt 12 Mio. Nutzer und 175 Mio. Transaktionen. Der zirkulierende Wert sank bis Ende März 2026 auf 771.7 Crore INR. Das ist ein Minus von 24% gegenüber dem Vorjahr. Reichweite und tatsächliche Nutzung laufen damit auseinander.
Brasilien hat sein Vorhaben 2025 deutlich zurückgestuft. Die Zentralbank strich die Blockchain-Komponente der Drex-CBDC wegen ungelöster Fragen zu Privatsphäre und Skalierung. Die erste Phase soll 2026 ohne Blockchain starten und sich zunächst auf das Sicherheiten-Management bei Kreditgarantien beschränken. Insgesamt wirken diese Programme gegenüber dem e-CNY und dessen 2.3 Bio. USD abgewickeltem Volumen unfertig. Eine gemeinsame Brücke würde ausgereifte nationale Systeme voraussetzen. Daran fehlt es derzeit auf mehreren Seiten.








