Wie können Bitcoins im Wert von 250 Mio. Franken „verloren“ gehen?

Die Geschichte eines Programmierers, der den Zugang zu seinen Bitcoins mit einem Wert von über 250 Millionen Schweizer Franken verloren hat, sorgt für Schlagzeilen. Um solche Vorfälle besser zu verstehen, lohnt sich ein Ausflug in die Preishistorie und die einzigartigen Eigenschaften von Bitcoin.

Der Fall des Programmierers Stefan Thomas, welcher diese Woche von der New York Times veröffentlicht wurde ist beeindruckend. Entsprechend oft wurde er von Medien mit teils sensationsträchtiger Headline weitergegeben: Deutscher verliert Passwort für 200 Mio. Bitcoin Vermögen! Es folgten Reaktionen, dass dies der Beweis für eine unsichere Kryptowährung darstelle und wie man nur so fahrlässig sein könne, einen derart hohen Betrag in eine Kryptowährung wie Bitcoin zu investieren.

Betrachtet man die Preishistorie von Bitcoin, wird klar, dass über die Jahre aus ein paar hundert Dollar schnell Millionenbeträge wurden. So auch im vorliegenden Fall. Der besagte Herr hat also nicht 250 Mio. Dollar in Bitcoin investiert und danach sein Passwort vergessen. Er erhielt im Jahre 2011 7001 Bitcoins als Entgelt für die Erstellung eines Videos. Anfangs 2011 handelte Bitcoin weitgehend unter einem Dollar. Der exponentielle Kursanstieg über die Jahre, kombiniert mit der einzigartigen Struktur des zugrunde liegenden Bitcoin Netzwerks, führten schlussendlich zu zahlreichen vergleichbaren Fällen.

Von einigen Cents auf 40’000 USD in 10 Jahren

2009 wurde das Bitcoinnetzwerk von Satoshi Nakomoto in Betrieb genommen und der erste Block (Genesis Block) der Bitcoin Blockchain wurde erschaffen. Die Blockrewards (Entgelt für das Mining) in Form von 50 Bitcoins pro Block stellten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Wert dar. Entsprechend wurde das Mining von ein paar „Nerds“ auf freiwilliger Basis auf den persönlich handelsüblichen PC’s vorgenommen. Als Vergleich: Heute stellt das Mining ein professionalisiertes Milliardengeschäft dar und wird mit speziell dafür entwickelter Hardware durchgeführt.

Der erste Handel von Bitcoins gegen Dollar soll im July 2010 stattgefunden haben. Quellen verweisen auf Handelsspannen zwischen 0.0008 USD – 0.08 USD. Kurz danach folgte die erste dokumentierte Bitcoin-Transaktion für einen materiellen Wert in Form von zwei Pizzas. Für die Backwaren wurden 10’000 Bitcoins bezahlt. Der damalige Wert von umgerechnet 41 Dollar hätte heute einen Wert von ca. 340 Millionen CHF.

Über die Jahre legte Bitcoin zusehends an Wert zu. So führte beispielsweise der Bullrun 2013 von 10 Dollar auf über 1100 USD. Im Tief der anschliessenden Konsolidierungsphase fiel der Kurs allerdings zeitweilig wieder unter 200 USD. Erst zu Beginn von 2017 wurde die im Jahr 2013 erreichte Höchstmarke übertroffen. Der Bullenlauf im Jahr 2017 katapuliterte Bitcoin bis an die 20’000 USD Marke und führte die Kryptowährung erstmals ins Bewusstsein eines breiteren Publikums.

Bitcoin in den Jahren 2013-2017

Bitcoins „Bullrun“ 2013 und anschliessende dreijährige Konsolidierungsphase / Chart: Tradingview.com

Bitcoins Preishistorie veranschaulicht, dass in seinen frühen Jahren vor 2013 ein paar Hundert oder sogar ein paar Tausend Bitcoins noch kein substanzieller Wert repräsentierten und die Besitzer entsprechend vernachlässigbar mit deren Aufbewahrung umgegangen sind. Auch der Handel mit Bitcoins bewegte sich in komplett anderen Sphären als heutzutage.

Zu dieser Zeit hätte wohl kaum jemand gedacht, dass Bitcoin ein paar Jährchen später zu 40’000 USD pro Stück gehandelt wird. Und so sind zahlreiche frühe Bitcoin Besitzer in derselben Situation der Programmierer Stefan Thomas gelandet. Leute die wissen, dass sie eigentlich noch ein paar hundert Bitcoins besitzen sollten aber eben keinen Zugriff darauf haben, weil der Wert für Sie anno dazumal vernachlässigbar war und sie entsprechend zuwenig Aufmerksamkeit auf die sichere Verwahrung legten.

Bis zu 20% „verlorene“ Bitcoins

Gemäss verschiedenen Analysen könnten somit bis zu 4 Millionen Bitcoins für immer „weggeschlossen“ sein. Eine beträchtliche Anzahl an Bitcoins befindet sich schon seit Jahren in den gleichen Wallet-Adressen. Ein Grossteil dieses Anteils kann dabei als verloren betrachtet werden. Eine Studie von Delphi Digital analysierte spezifisch die „Unspent Transaction Output (UTXO) Daten. Jedes Mal, wenn ein Teil eines Bitcoins ausgegeben wird, ergibt sich ein neuer UTXO Eintrag. Daraus lässt sich ableiten, wie lange Bitcoins schon in derselben Walletadresse liegen.

Bitcoins, die mehr als 5 Jahre nicht mehr bewegt wurden, haben eine hohe Chance, dass die Eigentümer den Zugang zu ihren Private Keys und damit zu ihren Bitcoins verloren haben. Auch ist es möglich, dass sie bereits verstorben sind. Ein gewichtiger Anteil davon, über 980’000 Bitcoins, liegt seit den Anfängen auf Wallet Adressen die Satoshi Nakomoto zugeordnet werden.

Einzigartige Eigenschaften des Bitcoin Protokolls

Die Problematik verlorener oder gestohlener Bitcoins entsteht durch den fahrlässigen Umgang der Eigentümer und ist nicht der Gesamtsicherheit des Bitcoin Netzwerks zuzuschreiben. Stefan Thomas speicherte die privaten Schlüssel, welche den Zugriff auf seine Bitcoins gewähren auf einer passwortgeschützten externen Festplatte, dessen Passwort er über die Zeit vergessen hatte. Sämtliche Bitcoin Transaktionen werden in einer dezentralen Buchhaltung geführt (Blockchain). Eigentümer besitzen eine Walletadresse (vergleichbar mit einem Konto) und dem entsprechenden privaten Schlüssel (private Key). Mit dem privaten Schlüssel, der nur der Person bekannt ist, die die Wallet erstellt hat, kann auf die eigenen Bitcoins zugegriffen werden. Sind die privaten Schlüssel verloren, sind auch die Bitcoins in den entsprechenden Walletadressen verloren.

Diese bewusst gewählte Struktur ermöglicht einen disintermediären, zensurresistenten Werttransfer über das Internet. Das elektronische Zahlungssystem basiert auf kryptografischen Beweisen statt auf Vertrauen in eine Drittpartei. Jedermann mit Internetzugang hat so die Möglichkeit, sein eigenes Bitcoin „Bankkonto“ zu eröffnen und ist alleiniger Besitzer seiner Werte und bestimmt darüber. Eine machtvolle Kombination, wie es der Erfinder des Zahlungsnetzwerks vorgesehen hatte. Die Konsequenz: Die Verantwortung über die Kontrolle der digitalen Werte liegt alleinig beim Besitzer. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der es einige Punkte zu beachten gibt. Bei Verlust der privaten Schlüssel existiert keine Drittpartei, die helfen kann.

Über die Zeit hat sich rund um die Verwahrung von digitalen Werten ein grosses Geschäftsfeld gebildet. Drittanbieter bieten vielfältige Lösungen an. Der Besitzer von Krypto Assets muss dabei oft den Spagat zwischen absoluter Wertsouveränität und der Einbindung einer Drittpartei schaffen.

 

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Über den Autor

Redaktion cvj.ch

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