Citigroup rollt eine Blockchain-Plattform aus, über die vermögende und institutionelle Kunden tokenisierte Aktien privater Unternehmen handeln können. Das Angebot ist zunächst nur für nicht-US-Investoren zugänglich und läuft auf der Schweizer Infrastruktur SDX (SIX Digital Exchange).
Die Citigroup zählt zu den grössten globalen Universalbanken mit Präsenz in fast 180 Ländern. Das Kerngeschäft umfasst ferner Investmentbanking, Verwahrung und Treasury-Dienstleistungen für institutionelle Kunden. Tokenisierung bedeutet hier die digitale Abbildung von Unternehmensanteilen auf einer Blockchain. Besitz und Transfer lassen sich so ohne klassisches Clearing-Haus abwickeln. Ursprünglich kündigten SDX und Citi die Zusammenarbeit im Mai 2025 an. Die Bank übernahm dabei die Rollen als digitaler Verwahrsteller und Tokenisierungsagent. SDX ist zugleich das erste und einzige FINMA-lizenzierte DLT-basierte Zentrale Wertpapierdepot der Schweiz. Die erste verifizierte Investitionstransaktion involvierte die Digitalfirma Kaleido. Konkrete private Unternehmen nannte Citi allerdings nicht. Als typische Pre-IPO-Beispiele gelten SpaceX, Anthropic und OpenAI, die weiterhin auf einen Börsengang warten.
Tokenisierte Aktien mit Verwahrung und Abwicklung auf SDX
Auf der SDX-Plattform tritt Citi gleichzeitig als Custodian und Tokenisierungsagent auf. Die Bank übernimmt damit Tokenisierung, Abwicklung sowie Verwahrung der Vermögenswerte. Ebenso bildet sie Anteile privater Unternehmen als digitale Token ab und verwaltet deren Lebenszyklus durchgehend. Den ersten Investitionsschritt vollzog der Anbieter über die Digitalfirma Kaleido. Somit liegt die rechtliche und technische Verantwortung bei einem regulierten Finanzinstitut. Dieses lagert die einzelnen Prozessschritte ausserdem nicht an externe Dienstleister aus. Diese vertikale Integration ist der Kern dessen, was die Bank als End-to-End-Servicing bewirbt.
SDX wiederum ist ein von der FINMA lizenziertes, DLT-basiertes Zentrales Wertpapierdepot. Es ist das erste seiner Art in der Schweiz. Die Schweizer Börsenbetreiberin SIX betreibt die zugrunde liegende Infrastruktur. Dieser regulatorische Rahmen unterscheidet das Modell strukturell von klassischen Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicles, SPVs), über die institutioneller Pre-IPO-Zugang bislang oft lief. Bei solchen Konstruktionen halten Investoren einerseits einen Anteil an einer Zwischengesellschaft, nicht direkt am Unternehmen. Das kann Bewertung und Transfer intransparent machen. Citi positioniert die tokenisierte Variante daher als transparenter, da DLT Eigentum und Übertragung direkt dokumentiert. Für institutionelle Käufer reduziert das zudem die Abhängigkeit von undurchsichtigen Sekundärmarkt-Strukturen.
Vorerst bleibt das Angebot allerdings auf nicht-US-Investoren beschränkt. Das umgeht die regulatorische Komplexität des US-Wertpapierrechts. Gleichzeitig zielt die Bank weiter: Sie erhofft sich eine Adoption über die gesamte Wall Street und damit eine Standardisierung tokenisierter Privatmarkt-Anteile. Ein solcher Branchenstandard würde Citi früh als Infrastruktur-Betreiberin positionieren.
Reguliertes Modell gegen unilaterales Tokenisieren
Privatunternehmen bleiben zunehmend länger privat. Prominente Namen wie SpaceX, Anthropic und OpenAI warten noch immer auf erwartete Börsengänge. Daraus entsteht eine wachsende Nachfrage nach institutionellem Zugang zu Private-Equity-Exposure vor einem IPO. Zunächst kündigte Republic 2025 Token an, die Aktien von SpaceX, OpenAI und Anthropic abbilden, mit einem Einstieg ab 50 USD. Bernstein-Analysten bezeichneten den Trend im Juli 2025 schliesslich als „equity tokenization wave".
Diese frühen Versuche illustrierten jedoch auch das Risiko. Später bot Robinhood tokenisierte Aktien von OpenAI und SpaceX für europäische Nutzer an, geminted auf Arbitrum. OpenAI distanzierte sich daraufhin öffentlich. Das Unternehmen stellte ausserdem klar, die Token weder autorisiert noch unterstützt zu haben. Damit zeigte sich das regulatorische und reputationale Problem einer Tokenisierung ohne Zustimmung des abgebildeten Unternehmens. Für institutionelle Investoren wiegt dieses Risiko schwer, da ein unklarer Rechtsanspruch den Wert eines Token-Investments infrage stellt.
Citis Ansatz adressiert genau diese Schwachstelle. Die Bank führt Gespräche direkt mit grossen Privatunternehmen über eine Teilnahme an der Plattform, auch wenn sie konkrete Namen bislang nicht nennt. Somit positioniert sich das Institut als regulierter Gatekeeper für Pre-IPO-Zugang statt als Umgehungskanal an den Emittenten vorbei. Genau diese Autorisierung markiert letztlich den qualitativen Unterschied zu den früheren Versuchen. Hinzu kommt die globale Reichweite der Bank in fast 180 Ländern. Sie verschafft Citi eine Distributionsbasis, über die kein reiner Krypto-Anbieter verfügt.
Citis eigene Prognose und das JPMorgan-Konsortium
Vorab bezeichnete Citi bereits im März 2023 in seinem Bericht „Money, Tokens, and Games" die Tokenisierung realer Vermögenswerte als „Killer-Use-Case" für Blockchain. Damals prognostizierte die Bank bis zu 4 Bio. USD tokenisierter Wertpapiere bis 2030. Im Juni 2026 aktualisierte sie diese Einschätzung. Das Basisszenario nennt nun 5.5 Bio. USD tokenisierter Vermögenswerte bis 2030, mit 8.2 Bio. USD im Bull- und 2.7 Bio. USD im Bearszenario. Der aktuelle Markt liegt demgegenüber bei rund 17 Mrd. USD. Selbst das vorsichtige Szenario unterstellt damit eine erhebliche Expansion. Regulierte Stablecoins sollen bis 2030 zudem auf 1.9 Bio. USD anwachsen und so die Settlement-Infrastruktur liefern.
Parallel ist Citi Teil eines Konsortiums unter Führung von JPMorgan, das ein gemeinsames tokenisiertes Deposit-Netzwerk plant. Weitere Teilnehmer sind Bank of America, Wells Fargo, BNY und HSBC. The Clearing House soll das Netzwerk betreiben. Der Start ist ferner frühestens für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen, einen Blockchain-Anbieter wählte das Konsortium bislang nicht. Geplant ist ein Echtzeit-Settlement rund um die Uhr sowie ein programmiertes Treasury-Management für grosse globale Kunden. Schon 2023 startete die Bank ebenfalls mit „Citi Token Services" einen Piloten für grenzüberschreitende Einlagen-Transfers. Das unterstreicht ihre langjährige Ausrichtung auf diese Technologie. Während die SDX-Plattform auf Privatmarkt-Anteile zielt, adressiert das Deposit-Netzwerk hingegen die Settlement-Ebene. Beide Initiativen stützen sich auf dieselbe tokenisierte Infrastruktur.
Auffällig ist, dass Citi gleichzeitig als Infrastruktur-Anbieter über SDX, als Konsortium-Mitglied bei JPMorgan und als Analyst mit eigener Marktprognose auftritt. Das Eigeninteresse an einer schnellen Tokenisierungs-Adoption ist folglich fest eingepreist.








