Visa, Mastercard, Stripe und Coinbase sollen laut anonymen Quellen ein gemeinsames Stablecoin-Konsortium planen. Es wäre einer der bislang grössten koordinierten Vorstösse der traditionellen Zahlungsbranche in den 320-Mrd.-USD-Stablecoin-Markt.
Ein solches Konsortium betreibt einen gemeinsameen Zahlungs-Token, der durch stabile Reserven gedeckt ist und mehreren Unternehmen zugleich gehört. Damit unterscheidet es sich von USDC oder USDT, die jeweils ein einzelner Emittent kontrolliert. Bislang befinden sich die Beteiligten allerdings in einer explorativen Phase: Es gibt keinen formellen Deal und möglicherweise nicht einmal Absichtserklärungen. CoinDesk berichtete zunächst Anfang Juni 2026 auf Basis von drei anonymen Quellen, Fortune bestätigte die Gespräche wenige Tage später unabhängig. Insgesamt erreichte der Stablecoin-Markt zuletzt mit 320 bis 325 Mrd. USD ein neues Allzeithoch. Tether hält davon rund 58 Prozent, Circles USDC kommt auf rund 76 bis 78 Mrd. USD.
Das Stablecoin-Konsortium würde USDC direkt angreifen
Heute fliesst ein Grossteil der Erträge aus dem USDC-System an Coinbase. Diese Erträge stammen aus den Reserven, die jeden umlaufenden USDC decken: Circle hält das hinterlegte Kapital überwiegend in kurzlaufenden US-Staatsanleihen und verdient daran Zinsen. Aus dem 2023 geschlossenen Vertrag mit Circle erhält die Börse hingegen rund 50 Prozent dieser Reservezinsen auf den umlaufenden USDC-Bestand. Circle trägt dabei den Grossteil der operativen und regulatorischen Last, während Coinbase kaum vergleichbare Pflichten übernimmt. Genau diese Ertragslogik würde letztlich ein eigenes Konsortium-Token ersetzen.
Wie eng die beiden Unternehmen verflochten sind, zeigt sich auch jenseits der Zinsteilung. Coinbase nahm 2023 zusätzlich eine Eigenkapitalbeteiligung an Circle und hielt 2024 rund 20 Prozent aller umlaufenden USDC auf der eigenen Plattform, gegenüber lediglich 5 Prozent im Jahr 2022. Ein gemeinsamer Stablecoin würde die Reservezins-Einnahmen folglich bei den Beteiligten internalisieren, statt sie an einen externen Emittenten abzuführen. Hinzu kommt der Hebel der bestehenden Netzwerke: Visa, Mastercard und Stripe wickeln bereits einen Grossteil des weltweiten Retail-Zahlungsverkehrs ab und könnten Händler somit auf ein eigenes Token umleiten. Circle dominiert zudem den regulierten Stablecoin-Bereich in Nordamerika und Europa, weshalb ein Konsortium-Token einen direkten Angriff auf diese Position darstellen würde.
Coinbase relativiert die Lage allerdings selbst. Ein Sprecher erklärte nach dem CoinDesk-Bericht, der Vertrag mit Circle erneuere sich automatisch und die Beziehung laufe zu denselben Bedingungen weiter. Das deutet entweder auf eine frühe Phase der Gespräche hin oder darauf, dass die Börse beide Wege gleichzeitig absichert.
Milliarden-Investitionen zeigen den Ernst der Beteiligten
Mastercard liefert zunächst den deutlichsten Beleg. Im März 2026 kündigte der Konzern die Übernahme des Stablecoin-Infrastrukturanbieters BVNK für bis zu 1.8 Mrd. USD an, davon 300 Mio. USD als erfolgsabhängige Zahlungen. Das Tempo der Aufwertung ist bemerkenswert: BVNK wurde im Dezember 2024 noch mit rund 750 Mio. USD bewertet, womit Mastercard binnen gut eines Jahres mehr als das Doppelte ansetzt. Ursprünglich wurde der Anbieter 2021 in London gegründet, verarbeitet jährlich rund 30 Mrd. USD und ist in über 130 Ländern tätig, mit Kunden wie Worldpay, Deel und Rapyd. Die Transaktion gilt damit als grösste Stablecoin-Akquisition der Branche und übertrifft auch den 1.1-Mrd.-USD-Deal von Stripe für Bridge.
Stripe und Visa folgen demselben Muster. Der Zahlungsabwickler Stripe erwarb mit Bridge eine eigene Stablecoin-Infrastruktur für 1.1 Mrd. USD, während Visa seine Stablecoin-Aktivitäten zuletzt auf neun Blockchains ausweitete. Alle drei Konzerne haben ihre Kapazitäten somit parallel und unabhängig voneinander aufgebaut, bevor von einem gemeinsamen Konsortium überhaupt die Rede war. Damit ist das Vorhaben kein Sprung ins Ungewisse, sondern eher die Bündelung bereits vorhandener Positionen.
Die Coinbase-Episode rund um BVNK zeigt zugleich die Konkurrenz innerhalb des möglichen Konsortiums. Die Börse hatte BVNK ebenfalls als Übernahmeziel geprüft und stand im November 2025 kurz vor einem Abschluss über rund 2 Mrd. USD, bevor die Gespräche scheiterten. Später sicherte sich Mastercard dieselbe Plattform. Dass Coinbase nun ein Konsortium prüft, lässt sich daher auch als Alternativweg zu einer eigenen Infrastruktur lesen, die der Börse zuvor entgangen war.
Libra gescheitert, Diem aufgelöst, diesmal anders aufgestellt
Der Vergleich mit Facebooks Libra liegt nahe. 2019 kündigte das soziale Netzwerk ein Konsortium an, dem unter anderem Visa, Mastercard, Stripe und PayPal angehören sollten. Bereits im Oktober 2019 verliessen jedoch alle grossen Zahlungsunternehmen das Projekt nach regulatorischem Druck. Die Nachfolgeorganisation Diem löste sich schliesslich im Januar 2022 auf.
Strukturell ist die Lage 2026 dennoch anders gelagert. Visa, Mastercard und Stripe verfügen heute über eigene Stablecoin-Infrastruktur und sind nicht mehr auf ein gemeinsames Ökosystem als Eintrittsticket angewiesen wie damals. Zudem hat sich das regulatorische Umfeld verschoben: Ab dem 1. Juli 2026 gilt in der EU die vollständige Autorisierungspflicht für Stablecoin-Emittenten unter MiCA. Für regulierte Zahlungskonzerne ist diese Hürde eher Vorteil als Last. Auch in den USA schuf der GENIUS Act die notwendige Rechtssicherheit.
Das R3-Konsortium liefert hingegen ein warnendes Gegenbeispiel. Die 2015 gegründete Koalition sollte eine gemeinsame Blockchain-Infrastruktur für Grossbanken schaffen, verlor jedoch erheblich an Bedeutung, nachdem Institute wie Goldman Sachs und Morgan Stanley vorzeitig ausstiegen. Der Mehrwert einer dezentralen Architektur überzeugte die beteiligten Banken nicht. Konsortien scheitern somit oft nicht an der Regulierung, sondern an der Governance, sobald direkte Wettbewerber dauerhaft koordinieren müssen.
Kartellrecht und fehlende Details bleiben die grössten Hürden für das Stablecoin-Konsortium
Der Reifegrad des Projekts bleibt vorerst gering. Es liegen weder ein formeller Deal noch zwingend Absichtserklärungen vor. Plattform-Name und technische Details sind bislang unbekannt, das Vorhaben gilt als „stealth". Dieser verdeckte Charakter signalisiert ebenfalls eine frühe Entwicklungsphase, möglicherweise unter Beteiligung weiterer Firmen.
Das Kartellrecht stellt ferner ein strukturelles Risiko dar. Visa und Mastercard kontrollieren gemeinsam einen Grossteil des globalen Karten-Zahlungsverkehrs und stehen wegen dieser Marktmacht ohnehin im Fokus der Behörden. Ein gemeinsames Stablecoin-Netzwerk der weltgrössten Zahlungskonzerne dürfte diese Konstellation verschärfen, da es zwei dominante Wettbewerber zusätzlich in einem neuen Marktsegment verbindet. Selbst unter der regulierungsfreundlicheren Trump-Regierung würden Kartellbehörden eine solche Zusammenarbeit daher voraussichtlich genau prüfen.
Hinzu kommt das Governance-Risiko zwischen Konkurrenten, das schon Libra und R3 zusetzte. Für eine belastbare Einschätzung der Realisierbarkeit fehlen bislang die zentralen Bausteine, denn benannt ist weder eine Governance-Struktur noch ein Emittent oder eine zugrundeliegende Blockchain. Solange diese offen bleiben, bleibt das Konsortium eine ambitionierte Absicht und kein konkretes Produkt.








