Der EU-Rat hat sein 21. Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet, die grösste Erweiterung der Sanktionsliste seit vier Jahren. Erstmals enthält ein EU-Sanktionspaket zudem einen Mechanismus, der Krypto-Dienste ganzer Drittstaaten blockieren kann.
Ein EU-Sanktionspaket ist ein vom Rat der EU beschlossenes Bündel rechtlich bindender Massnahmen. Dazu zählen Vermögenseinfrierungen, Transaktionsverbote und die Listung von Personen und Entitäten. Solche Runden verhängt Brüssel seit Kriegsbeginn 2022 regelmässig gegen Russland. Krypto-Sanktionen sind dabei über die letzten drei Pakete zum eskalierenden Schwerpunkt geworden. Das 19. Paket verbot im Oktober 2025 erstmals namentlich einen Token. Das 20. weitete das Verbot später auf sämtliche russische und belarussische Krypto-Dienstleister aus. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte den Vorschlag am 9. Juli. Nach Einwänden von Griechenland, Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich, Portugal und Bulgarien verabschiedete der Rat das Paket schliesslich. Insgesamt umfasst es 218 neue Listungen, davon 170 Entitäten und 48 Individuen. Damit stehen über 100 russische Banken unter Sanktionen, mehr als die Hälfte der 213 international vernetzten Kreditgeber des Landes. Die gesamte EU-Sanktionsliste gegen Russland zählt nun knapp 3'000 Einträge.
Neuer Mechanismus blockiert Krypto-Dienste ganzer Drittstaaten
Der Kern des Pakets ist ein Werkzeug, das die EU zuvor nicht besass. Ursprünglich konnte Brüssel nur einzelne Token oder konkrete Plattformen sanktionieren. Neu kann der Rat ein vollständiges Transaktionsverbot für Krypto-Dienste eines ganzen Drittstaats verhängen. Diese Option greift, sobald ein Staat Krypto-Anbieter beherbergt, die russischen Akteuren bei der Sanktionsumgehung helfen. Somit verschiebt sich die Sanktionslogik von einzelnen Akteuren auf ganze Jurisdiktionen.
Zunächst verhängt das Paket direkte Transaktionsverbote gegen 14 gelistete Krypto-Plattformen. Diese haben ihren Sitz in Georgien, Panama, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Marshallinseln, Kirgistan und Belarus. Zusätzlich untersagt der Rat russischen Staatsangehörigen den Besitz, die Kontrolle oder den Vorstandssitz in solchen Firmen. Gemeint sind Unternehmen, die Krypto-Asset-Dienstleistungen anbieten. Gleichzeitig adressiert die EU damit sowohl die Plattformen als auch die Personen dahinter.
Auch Banken ausserhalb Russlands geraten über diesen Umgehungsfokus ins Visier. So belegte der Rat eine kirgisische Bank mit einem Transaktionsverbot, die an das russische Zahlungssystem SPFS angebunden ist. Ferner trifft dieselbe Massnahme drei weitere Kreditinstitute ausserhalb Russlands wegen Sanktionsumgehung. Für Compliance-Teams entsteht daher ein neues, systemisches Risiko. Nicht mehr nur die direkte Geschäftsbeziehung zählt, sondern zunehmend auch der Sitzstaat eines Krypto-Partners.
Über 100 russische Banken stehen nun unter EU-Sanktionen
Das Herzstück der finanziellen Massnahmen bilden zunächst die Bankensanktionen. Der Rat belegte 94 russische Banken und wichtige Finanzinstitute mit Vermögenseinfrierungen und einem Bereitstellungsverbot. Insgesamt zählt Russlands Bankensektor damit über 100 sanktionierte Institute, mehr als die Hälfte seiner international vernetzten Kreditgeber.
Ein separates Transaktionsverbot trifft zudem 33 zusätzliche Kredit- und Finanzinstitute. Es koppelt diese Institute zugleich vom Zahlungssystem SWIFT ab. Betroffen sind vor allem kleinere und regionale Banken. Die grössten russischen Institute verloren ihren SWIFT-Zugang hingegen bereits 2022. Folglich zielt Brüssel nun auf die zweite Reihe des Bankensystems, über die zuletzt ein Teil der abgeschnittenen Zahlungsströme lief.
Die Gesamtdimension des Pakets fasste schliesslich die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas in einer Erklärung zusammen.
„Unser 21. Paket umfasst die höchste Zahl an Listungen seit vier Jahren. Wir treffen über hundert Banken und Krypto-Operatoren, mehr als 40 Schiffe der Schattenflotte und mehrere Ölraffinerien in Russland und Belarus." - Kaja Kallas, Hohe Vertreterin der EU für Aussen- und Sicherheitspolitik
Das Umgehungsmuster von A7A5 bis Grinex
Der neue Drittstaaten-Mechanismus reagiert letztlich auf ein Muster, das sich in den letzten Paketen wiederholte. Im Oktober 2025 verbot das 19. Sanktionspaket erstmals namentlich einen Krypto-Token, den rubel-gedeckten Stablecoin A7A5. Dieselbe Runde untersagte ausserdem Transaktionen über die russischen Zahlungssysteme Mir und SBP. Die kirgisische Old Vector LLC gibt diesen Token heraus, eine Tochter der A7 LLC. Als Mehrheitseigner steht dahinter der moldauische Oligarch Ilan Shor, den ein Gericht in Abwesenheit wegen Bankbetrugs in Milliardenhöhe verurteilte. Rubel-Einlagen bei der sanktionierten Staatsbank Promsvyazbank decken den Stablecoin, der ohne Freeze-Funktion auf Ethereum und Tron läuft.
A7A5 diente als finanzielle Brücke zwischen zwei Börsen. Die eine, Garantex, beschlagnahmten Strafverfolger im Frühjahr 2025. Ihre Funktion übernahm später die Nachfolgeplattform Grinex. Laut der Analysefirma CertiK wickelte A7A5 in nur 16 Monaten über 110 Mrd. USD an On-Chain-Transaktionen ab. Elliptic und TRM Labs stuften davon rund 34% als Wash-Trading ein.
Auf dieses Ausweichen reagierte bereits zuvor das 20. Paket. Es weitete das Transaktionsverbot auf sämtliche in Russland und Belarus ansässigen Krypto-Dienstleister aus. Ebenso erfasste es den digitalen Rubel, RUBx und den belarussischen digitalen Rubel. Sobald die EU eine Plattform oder einen Token sanktioniert, verlagert sich der Verkehr jedoch zu Nachfolgern in laxer regulierten Drittstaaten. Genau diesem Muster soll der neue Blockmechanismus vorbeugen.
Ölpreisdeckel bleibt zwölf Monate bei 44.10 USD eingefroren
Neben den Finanz- und Krypto-Massnahmen schärft das Paket auch bei den Energie-Einnahmen Russlands nach. Der Rat friert den Ölpreisdeckel für zwölf Monate bei 44.10 USD pro Barrel ein. Mit der Pause will Brüssel verhindern, dass Russlands Kriegskasse von Marktschocks profitiert. Ohne diese Aussetzung hätte die reguläre Überprüfung den Deckel wegen des Iran-bedingten Preissprungs auf rund 58.50 USD anheben müssen. Russisches Urals-Rohöl notiert hingegen seit Februar 2026 über dem Deckel. Zuletzt lag der Preis bei rund 67.50 USD pro Barrel ohne Fracht- und Versicherungskosten.
Gleichzeitig handelten einzelne Mitgliedstaaten Ausnahmen aus. Griechenland erhielt eine einjährige, automatisch verlängerbare Ausnahme für den Transport von russischem Flüssigerdgas (LNG) aus der Arktis in Drittländer. Das ursprünglich für den 1. Januar geplante Verbot solcher Transferdienste greift damit vorerst nicht. EU-Importe von russischem LNG bleiben ab diesem Datum dennoch verboten.
Ausserdem erfasst das Paket über 40 Schiffe der russischen Schattenflotte sowie mehrere Ölraffinerien in Russland und Belarus. Hinzu kommen mehr als 50 militärisch-industrielle Entitäten, die an der Produktion von Langstreckendrohnen beteiligt sind. Ferner dürfen EU-Gerichte künftig keine russischen Gerichtsurteile aus Sanktionsverfahren mehr anerkennen oder vollstrecken.







