Der Binance-Hack ist mit geschätzt 6.3 Mrd. USD nominal der grösste Angriff der Kryptogeschichte und übertrifft den bisherigen Rekord von Bybit um mehr als das Vierfache. Die Börse setzte deshalb die Auszahlungen aus und will sämtliche Verluste selbst decken.
Binance betreibt eine zentrale Kryptobörse, die den Handel digitaler Vermögenswerte mit der Verwahrung von Kundenguthaben bündelt. Anders als bei dezentralen Protokollen liegen die Einlagen dabei in Wallets, die das Unternehmen selbst kontrolliert. In den USA bekannte sich die Plattform 2023 wegen Verstössen gegen Geldwäschereivorschriften schuldig und zahlte eine Strafe von 4.3 Mrd. USD. Gründer Changpeng Zhao trat zurück, 2025 begnadigte ihn schliesslich der US-Präsident. Bereits 2019 hatte die Börse bei einem Hot-Wallet-Hack rund 7'000 BTC verloren, damals etwa 40 Mio. USD. Den Schaden ersetzte der Notfallfonds SAFU (Secure Asset Fund for Users) vollständig. Die aktuelle Summe von 6.3 Mrd. USD ist gemäss Binance allerdings eine Schätzung der Auswirkung und keine bestätigte Diebstahlsumme. Auf der Blockchain verknüpft die Analysefirma Arkham zudem nahezu 6 Mrd. USD in Bitcoin, Ether, Solana und Stablecoins mit 55 Adressen.
Der Binance-Hack übertrifft Bybit um den Faktor 4.2
Den bisherigen Rekord hielt Bybit. Im Februar 2025 entwendeten Angreifer dort rund 1.5 Mrd. USD in Ether aus einer Cold Wallet. Die Binance-Schätzung liegt folglich rund 4.2-mal so hoch. Einfallstor bei Bybit war eine kompromittierte Software-Lieferkette bei SafeWallet. Wenige Tage danach ordnete das FBI den Angriff Nordkorea zu und bezeichnete die Aktivität als TraderTraitor. Insgesamt erbeuteten Angreifer 2025 nach Daten von TRM Labs rund 2.9 Mrd. USD bei etwa 150 Angriffen. Der Schaden bei Binance allein ist somit mehr als doppelt so hoch wie diese Jahressumme. Vergleichsweise klein fallen dagegen die nächstgrösseren Fälle wie Ronin, Poly Network und Coincheck mit rund 530 bis 620 Mio. USD aus.
Mehrere der grossen Fälle trafen nicht Börsen, sondern Blockchain-Protokolle. Bei Ronin, der Blockchain hinter dem Spiel Axie Infinity, flossen im März 2022 Gelder im Wert von fast 620 Mio. USD ab. Das US-Finanzministerium machte dafür die nordkoreanische Lazarus Group verantwortlich. Poly Network kostete eine Schwachstelle zwischen mehreren Blockchains im August 2021 rund 610 Mio. USD. Die Angreifer gaben die Beute aber fast vollständig zurück. Ebenfalls in diese Grössenordnung fällt der Exploit der BNB Chain im Oktober 2022 mit nominal rund 570 Mio. USD. Binance-Gründer Zhao schätzte den Abfluss damals allerdings auf nur rund 100 Mio. USD. Wormhole büsste im Februar 2022 rund 320 Mio. USD ein, anschliessend ersetzte Jump Crypto, die Kryptosparte von Jump Trading, die Gelder.
Unter den Börsen verlor Coincheck im Januar 2018 rund 530 Mio. USD in der Kryptowährung NEM aus einer Hot Wallet. Bitget meldete erst im September 2026 einen Abfluss von mehr als 350 Mio. USD aus Hot- und Warm-Wallets. Mt. Gox bezifferte seine Verluste auf rund 850'000 BTC, die zwischen 2011 und 2014 abhandenkamen. Nach damaligem Wert entsprach das rund 450 bis 500 Mio. USD. Die Börse meldete schliesslich Anfang 2014 Insolvenz an. Kurz danach fand sie rund 200'000 BTC in einer alten Wallet wieder. Alle genannten Beträge gelten zum damaligen Dollarwert, der Vergleich ist also nur nominal. Zu heutigen Bitcoin-Kursen bewertet, läge der Verlust der 2014 insolventen Börse jedoch um ein Vielfaches über der Binance-Schätzung. Bybit, Coincheck, Bitget und Mt. Gox waren ebenfalls zentrale Börsen. Nominal annähernd so viel wie Binance verlor aber keine von ihnen.
Ein kompromittierter Laptop als möglicher Einstieg
Nach ersten Erkenntnissen könnte der kompromittierte Laptop eines DevOps-Ingenieurs den Angreifern Zugriff auf einen Service-Container verschafft haben. Ein solcher Container ist eine abgeschottete Softwareumgebung, in der einzelne Dienste der Plattform laufen. Von dort aus konnten die Angreifer mutmasslich unautorisierte Auszahlungen auslösen. Wie die Täter den Rechner übernahmen, ist indes offen. Binance fand nach eigener Darstellung keine Hinweise auf ein Leck privater Schlüssel der Wallets. Gleichzeitig widerrief die Börse die Autorisierung der betroffenen Adresse und schaltete Strafverfolger sowie Blockchain-Analysefirmen ein. Ausserdem kündigte sie eine detaillierte technische Fehleranalyse und einen aktualisierten Proof of Reserves an.
TRM Labs ordnet den Angriff mit hoher Sicherheit der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu. Dieselbe Gruppe stand zuvor hinter dem Bybit-Hack. Auch Chainalysis sieht Nordkorea mit hoher Sicherheit als wahrscheinlichen Urheber. Als Beleg nennt die Firma, dass sich die Gelder mit der Beute aus dem Bitget-Hack vom September vermischten. Bei jenem Angriff hatte Bitget-Chefin Gracy Chen ebenso Nordkorea als sehr wahrscheinlichen Urheber bezeichnet. Beide Zuschreibungen zum Binance-Hack bleiben dennoch Einschätzungen privater Analysefirmen. Eine Feststellung von Behörden wie im Fall Bybit ist bislang nicht bekannt.
Auffällig ist, wie der Angreifer einen Teil der Beute weiterverwendete. Er hinterlegte 60 Mio. USDT beim Kreditprotokoll Aave und lieh sich dagegen rund 44.6 Mio. USD in Wrapped Ether. Aave schränkte daraufhin die betroffenen Märkte ein. Offen ist ferner die genaue Schadenssumme. Chainalysis bezifferte sie zuerst auf mindestens 5.9 Mrd. USD, dann auf 6.4 Mrd. USD. Die jüngere Zahl liegt somit leicht über der Schätzung von Binance.
Wie viel Binance bereits eingefroren hat
Binance beziffert die bisher georteten oder eingefrorenen Gelder auf rund 3 Mrd. USD. In einem Beitrag auf X nannte die Börse jedoch 2.54 Mrd. USD als verifiziert eingefrorene Summe. Den grössten Anteil sperrten die Stablecoin-Emittenten. Denn als Herausgeber ihrer Token können sie einzelne Adressen blockieren. Tether sperrte rund 1.57 Mrd. USD, Circle rund 823 Mio. USD. Zusammen entfallen auf die beiden Emittenten also rund 2.4 Mrd. USD. Bei beiden Emittenten bestätigten die CEOs Paolo Ardoino und Jeremy Allaire die Sperren. Ripple stoppte ausserdem rund 200 Mio. USD in seinem Stablecoin RLUSD, wie Binance-Mitgründerin Yi He mitteilte.
Rund 3.3 Mrd. USD bleiben folglich vorerst ungeklärt. Zum Verbleib dieser Summe lagen zunächst keine neuen Angaben vor. Decken will Binance die Verluste erneut aus dem SAFU-Fonds sowie aus Firmenmitteln. Der Gesamtschaden ist indes mehr als hundertmal so hoch wie der Verlust von 2019.
„Binance wird alle Hacking-Verluste decken.“ - Yi He, Mitgründerin von Binance
Auszahlungen bleiben bis auf Weiteres ausgesetzt. Ebenso pausiert der Handel auf Binance Alpha. Die Börse stellt eine Wiederaufnahme innerhalb von 48 Stunden in Aussicht. Eine feste Zusage gab sie dennoch nicht.
Bitcoin, BNB und Kryptoaktien geben nach
Die Kryptomärkte reagierten mit Abgaben auf den Vorfall. Bitcoin fiel in den Stunden nach der Meldung auf ein Sechswochentief, Ether auf ein Zweimonatstief. Das Ausmass hing dabei vom Zeitpunkt der Messung ab. Deutlich stärker traf es hingegen BNB, den Token des Binance-Ökosystems. Sein Nutzen ist eng an die Plattform gebunden.
An der Wall Street gerieten nachbörslich zudem Aktien aus dem Kryptoumfeld unter Druck, darunter Coinbase und Strategy. Auch die Aktie von Circle, dem Emittenten des Stablecoins USDC, gab nach. Das Unternehmen hatte zuvor selbst einen Teil der Beute eingefroren. Die Abschläge bei BNB und den Kryptoaktien fielen damit überwiegend höher aus als bei Bitcoin und Ether.






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