Ein neuer Citi-GPS-Report „Tokenization 2030: Wall Street On-Chain" prognostiziert den Markt für tokenisierte Wertpapiere bis 2030 auf 5.5 Bio. USD, ausgehend von heute rund 17 Mrd. USD. Die Bandbreite reicht je nach Adoptionstempo von 2.7 bis 8.2 Bio. USD.
Bei der Tokenisierung wird ein Wertpapier wie eine Aktie, eine Anleihe oder ein ETF als digitaler Token auf einer Blockchain abgebildet. Eigentumsrechte, Settlement und Übertragung laufen dann on-chain statt über die klassischen Clearing-Intermediäre. Citi GPS publiziert solche Analysen ausserdem seit 2023; der erste grosse Report „Money, Tokens, and Games" nannte damals bis zu 5 Bio. USD bis 2030. Der neue Report hebt diese Zahlen jedoch an und konkretisiert die Annahmen je Anlageklasse. Citi setzt voraus, dass bis 2030 rund 10% des US-Treasury-Bill-Marktes und 3% des etwa 62 Bio. USD schweren US-Aktienmarktes tokenisiert werden, während Private Credit und Private Equity mit je rund 100 Mrd. USD Nischen bleiben.
DTCC baut Clearing-Infrastruktur für tokenisierte Wertpapiere
Hinter dieser Prognose steht keine Startup-Vision, sondern das Zentrum des US-Finanzsystems. Die Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) fungiert als zentrales Clearing-Haus der Vereinigten Staaten und verwahrt über 114 Bio. USD in Wertpapieren. Grundlage des Vorstosses ist ferner ein No-Action Letter, den die SEC der Depository Trust Company im Dezember 2025 für einen dreijährigen Tokenisierungs-Piloten erteilte. Damit erhält die Institution regulatorische Deckung für einen Schritt, der bislang nur theoretisch diskutiert wurde.
Der Zeitplan ist konkret. Ab Juli 2026 starten zunächst limitierte Produktions-Trades tokenisierter Wertpapiere; der breitere Plattform-Launch für alle DTC-Teilnehmer folgt im Oktober 2026. Zulässig sind anfangs Russell-1000-Aktien, ETFs auf grosse Indizes sowie US-Treasury-Bills, -Bonds und -Notes. Die Auswahl zeigt, dass die Plattform auf liquide Standardprodukte zielt und nicht auf experimentelle Nischen. Während der Übergangszeit laufen alte und neue Schienen parallel, vergleichbar mit einem elektronischen Mautsystem neben der herkömmlichen Bargeld-Spur.
An der Ausgestaltung beteiligen sich über 50 Firmen, darunter BlackRock, Goldman Sachs, JPMorgan, Anchorage und Circle. Ebenfalls in der Industry Working Group sitzen die NYSE Group und Payward, die Muttergesellschaft von Kraken. Diese Teilnehmerliste signalisiert, dass die etablierte Wall Street die Tokenisierung nicht als Bedrohung, sondern als nächste Infrastruktur-Generation behandelt. Gerade weil das Clearing-Haus täglich Märkte im Billionen-Bereich abwickelt, verleiht sein Einstieg dem Thema somit operatives Gewicht.
„Wir glauben, dass die Tokenisierung die Funktionsweise der Märkte erheblich verändern wird, mit neuen Ebenen von Liquidität, Transparenz und Effizienz für Anleger." – Frank La Salla, President & CEO, DTCC
Nasdaq und ICE positionieren sich als Börsen-Infrastruktur
Nicht nur das Clearing bewegt sich, sondern auch die Handelsplätze selbst. Die SEC genehmigte im März 2026 eine Nasdaq-Regeländerung, die Handel und Ausgabe bestimmter tokenisierter Wertpapiere ermöglicht; den Antrag hatte die Börse bereits im September 2025 eingereicht. Unter dem Framework sind Russell-1000-Aktien, US-Treasuries sowie ETFs auf S&P 500 und Nasdaq-100 zulässig. Tokenisierte und klassische Aktien teilen zudem dieselbe CUSIP-Nummer, dasselbe Ticker-Symbol und dieselben Anlegerrechte. Für die globale Distribution kooperiert Nasdaq mit der Plattform xStocks von Kraken; später soll ein Framework für die Ausgabe blockchain-basierter Aktien hinzukommen.
Die NYSE-Seite verfolgt hingegen einen anderen Weg. Intercontinental Exchange (ICE), Eigentümerin der New York Stock Exchange, investierte im März 2026 in die Krypto-Börse OKX, die mit 25 Mrd. USD bewertet wurde; die Investitionssumme wurde nicht offengelegt. Im Gegenzug erhält ICE einen Sitz im Verwaltungsrat von OKX. Geplant ist, dass die rund 120 Millionen OKX-Accounts künftig Zugang zu ICE-Futures-Produkten und tokenisierten NYSE-Aktien erhalten, allerdings noch ohne festen Zeitplan. Beide Ansätze zeigen letztlich denselben Richtungspfeil: Die etablierten Börsen wollen die Distribution tokenisierter Aktien nicht den Krypto-Plattformen überlassen.
Citi sieht tokenisierte Wertpapiere als 5.5-Billionen-Markt
Die Citi-Basisprognose von 5.5 Bio. USD ruht auf nachvollziehbaren Annahmen. Neben der angenommenen Tokenisierungsquote bei Treasuries und Aktien rechnet die Bank mit einem Verhaltenswechsel im Retail-Segment: Wechseln 10% der US-Privatanleger zu neuen digitalen Handelsplattformen, entsteht laut Report eine Nachfrage nach tokenisierten Aktien im Wert von 2.6 Bio. USD. Private Credit und Private Equity bleiben demgegenüber mit je rund 100 Mrd. USD klar untergeordnet. Die Spanne von 2.7 Bio. USD bis 8.2 Bio. USD bildet zudem ab, wie stark das Ergebnis vom Adoptionstempo abhängt.
Das aktuelle Wachstum stützt die Richtung der Prognose. Tokenisierte Aktien stiegen von 375 Mio. USD im Mai 2025 auf 1.21 Mrd. USD im Mai 2026, ein Plus von über 220% in zwölf Monaten. Insgesamt wuchsen die tokenisierten Real-World Assets on-chain im laufenden Jahr um rund zwei Drittel. Die absoluten Zahlen bleiben jedoch klein gegenüber dem Zielmarkt, was die Höhe der Prognose erst nachvollziehbar macht.
Auffällig ist, wie weit die Prognosen der grossen Häuser auseinanderliegen. McKinsey erwartet bis 2030 lediglich 2 Bio. USD, während Standard Chartered bis zu 30 Bio. USD für möglich hält; BCG und Ripple veranschlagen 18.9 Bio. USD bis 2033. Citi liegt mit 5.5 Bio. USD somit im mittleren Feld und deutlich über der konservativen McKinsey-Schätzung. Die Differenz von 28 Bio. USD zwischen den Extremen zeigt, dass die Branche zwar die Richtung teilt, allerdings nicht das Tempo.
Clarity Act schafft regulatorischen Rahmen für tokenisierte Wertpapiere
Als dritte Säule neben Infrastruktur und Prognose bewegt sich schliesslich die Regulierung. Der Senate Banking Committee stimmte im Mai 2026 mit 15 zu 9 für den „Digital Asset Market Clarity Act of 2025" und brachte das erste umfassende US-Krypto-Marktstrukturgesetz auf Senatsebene voran. Die Abstimmung verlief überparteilich: Neben allen republikanischen Mitgliedern stimmten ebenfalls die demokratischen Senatoren Ruben Gallego und Angela Alsobrooks dafür. Das Gesetz schafft einen Regulierungsrahmen für Kryptowährungen und digitale Assets, analog zum GENIUS Act für Stablecoins.
Bis zur finalen Senatsabstimmung fehlen weiterhin Schritte. Ausständig sind die Zusammenführung mit dem Entwurf des Landwirtschaftsausschusses sowie eine Einigung über die Ethik-Klausel zu Interessenkonflikten von Regierungsbeamten. Die regulatorische Klarheit wirkt daher auf die Staatsanleihen-Nachfrage: Allein das von Citi prognostizierte Stablecoin-Wachstum auf 1.9 Bio. USD bis 2030 könnte rund 1 Bio. USD zusätzliche Nachfrage nach US-Treasuries erzeugen, bei einem jährlichen Transaktionsvolumen von knapp 100 Bio. USD. Für institutionelle Investoren verschiebt sich die Tokenisierung damit von einer Zukunftsfrage zu einer Zeitplan-Frage.







