David Tait, CEO des World Gold Council, sieht Bitcoin auf dem Weg gegen null. Der Chef der globalen Gold-Lobby nannte seine Einschätzung in einem Interview „reinen Instinkt als Trader", ohne Modell und ohne Zieldatum.
Der World Gold Council ist die Branchenorganisation der globalen Goldindustrie mit Sitz in London. Er vertritt die Interessen der Goldminenbetreiber und wirbt bei institutionellen Anlegern für Gold als Anlageklasse. Tait führt die Organisation seit Anfang 2019. Das Interview mit Finanzjournalist David Lin entstand ursprünglich im Mai 2026. Erst jetzt, drei Monate später ging der Ausschnitt auf X viral. Aus der Krypto-Branche kam prompt Widerspruch.
Tait sieht Bitcoin als gescheiterte Krisenabsicherung
Zunächst ist Taits Argument enger gefasst, als es die Schlagzeile nahelegt. Bitcoin sollte aus seiner Sicht ein Gegengewicht zu Risikopositionen bilden, eine Art Versicherung gegen Verwerfungen an den Aktienmärkten. Diese Rolle hat die Kryptowährung jedoch nicht ausgefüllt. In Stressphasen handle Bitcoin wie ein Risikoasset mit hohem Beta, statt die Aktienbewegung abzufedern. Als Referenzfall dient in der Berichterstattung der Krieg zwischen den USA und Iran. Gold legte damals zu, Bitcoin gab nach.
Damit berührt Tait eine ältere Debatte im Markt. Sie dreht sich um die Frage, ob Bitcoin als digitales Gold taugt oder als Risikoasset handelt. Für Tait fehlt der Kryptowährung folglich genau die Eigenschaft, die Gold im Portfolio rechtfertigt. Ein Zieldatum nannte er nicht, ein Bewertungsmodell ebenso wenig.
„Ich dachte, es sollte ein Ausgleich sein, etwas, mit dem man das Risiko einer Risikoasset-Position kompensieren kann. Das hat es in diesem Ausmass nicht wirklich getan. Es ist nur meine persönliche Meinung, reiner Instinkt als Trader." - David Tait, CEO World Gold Council
Auffällig ist, dass Tait daraus keinen Totalverzicht ableitet. Wer Gold halte, solle ebenfalls Bitcoin halten, und umgekehrt. Beide Anlagen glichen sich in Krisenphasen gegenseitig aus. Ausserdem trennt er Bitcoin scharf von Stablecoins. Für dollargedeckte Token sieht er konkrete institutionelle Anwendungsfälle im Zahlungsverkehr, im Settlement und als Sicherheit. Damit spricht er dieser Produktkategorie exakt jene Funktion zu, die er Bitcoin abspricht. Seine Skepsis richtet sich letztlich gegen Bitcoin als Wertspeicher, nicht gegen digitale Assets insgesamt. Diese Differenzierung ging in der Aufregung um das Video weitgehend unter.
Krypto-Szene wirft Tait Interessenkonflikt vor
Die Kritik setzte deshalb weniger am Inhalt an als an der Position des Absenders. Der World Gold Council finanziert sich über die Goldminenindustrie und arbeitet daran, Gold in institutionellen Portfolios zu verankern. Gleichzeitig konkurriert Bitcoin mit Gold um genau dieses Kapital. Eine Nullprognose des obersten Gold-Lobbyisten trifft daher auf ein skeptisches Publikum. Der Interessenkonflikt liegt offen, zumal der Verband die Nachfrage nach dem Edelmetall aktiv fördert.
Der Kapitalfluss institutioneller Anleger zeichnet insgesamt ein anderes Bild. BlackRocks Spot-Bitcoin-ETF IBIT erreichte rund 70 Mrd. USD verwaltetes Vermögen in 341 Tagen. Kein anderer ETF sammelte dieses Volumen bislang schneller ein. Der Gold-ETF GLD von State Street benötigte hingegen rund 1'700 Tage für ein vergleichbares Niveau. Das entspricht etwa 4.6 Jahren. Bitcoin-Produkte erreichten die Schwelle somit rund fünfmal schneller als das Gold-Pendant.
Der Vergleich mit GLD dient als Mass für institutionelle Adoption. Verwaltetes Vermögen misst dabei die Summe der Kundengelder in einem Fonds. Solche Produkte halten Bitcoin physisch und bilden den Kurs über einen börsengehandelten Anteil ab. Grossanleger erhalten folglich Zugang zur Kryptowährung, ohne Verwahrung und Schlüsselmanagement selbst zu organisieren.
World Gold Council setzt selbst auf Tokenisierung
Während Tait Bitcoin abschreibt, arbeitet seine Organisation an einer eigenen Blockchain-Anwendung. Unter dem Namen „Gold-as-a-Service" entwickelt der Verband eine digitale Plattform zur Tokenisierung von physischem Gold. Ein White Paper liegt vor, ein Proof of Concept ist für Ende 2026 geplant. Zielgruppe sind ausdrücklich krypto-native Nutzer. Das Vorhaben richtet sich ebenso an jene Anlegergruppe, deren Leitwährung der CEO bei null sieht. Solche Token bilden hinterlegte Goldbestände digital ab und lassen sich rund um die Uhr übertragen. Der Verband will das Edelmetall damit in dieselben Infrastrukturen bringen, die Bitcoin gross gemacht haben. Die Distanzierung des CEO gilt somit der Anlage, nicht der Technologie dahinter.
Den Hintergrund liefert die Goldrally des laufenden Jahres. Als Treiber gelten einerseits die auf rund 39 Bio. USD gestiegene US-Staatsverschuldung und andererseits die Goldkäufe asiatischer Zentralbanken. Weiterhin kaufen die Notenbanken seit rund drei Jahren kontinuierlich zu und diversifizieren so ihre Reserven. Fragile Währungen sichern sie über das Edelmetall ab. Zeitweise trug die Rally den Goldpreis 2026 über 5'000 USD je Unze. Aktuell liegt er dennoch bei rund 4'400 USD.








