Morgan Stanley hat bei der US-Aufsichtsbehörde OCC einen Antrag auf eine eigene nationale Trust-Bank-Charter für digitale Assets eingereicht. Die geplante Tochtergesellschaft heisst Morgan Stanley Digital Trust, National Association (MSDTNA). Ihren Sitz soll sie am Konzernsitz in Purchase, New York haben.
Der Antrag ging am vor einer Woche bei der OCC ein. Das Institut soll Verwahrung, Handel, Swap und Transfer digitaler Assets sowie Staking auf Treuhandbasis anbieten. Damit positioniert sich die grösste US-Wealth-Management-Bank mit rund 8 Billionen USD an verwalteten Vermögen als direkter Anbieter von Krypto-Infrastruktur. Die OCC-Kommentarfrist läuft bis zum 20. März 2026.
Warum eine Trust-Bank-Charter für Krypto-Assets?
Eine nationale Trust-Bank unterscheidet sich grundlegend von einer klassischen Geschäftsbank. Sie nimmt keine Einlagen entgegen und vergibt keine Kredite. Stattdessen umfasst ihr Kerngeschäft Verwahrung, Treuhandverwaltung und Asset-Administration. Für Morgan Stanley bedeutet das: vollständige bundesstaatliche Aufsicht über die Krypto-Aktivitäten, ohne den regulatorischen Ballast einer Vollbanklizenz.
Kurz vor Morgans Antrag veröffentlichte die OCC eine finale Regel. Diese erlaubt nationalen Trust-Banken auch Non-Fiduciary-Custody-Aktivitäten. Konkret erweitert das den Spielraum für Verwahrungsdienstleistungen erheblich. Morgan Stanley Digital Trust strebt laut Antrag umfassende Trust-Befugnisse an und will Privatpersonen, KMU sowie institutionelle Kunden bedienen.
Denn der Antrag steht nicht isoliert. Bereits im September 2025 kündigte Morgan Stanley eine Partnerschaft mit dem Krypto-Infrastruktur-Anbieter Zerohash an. Das Ziel ist Krypto-Handel über die Brokerage-Plattform E*Trade mit ihren über 5.2 Millionen Nutzern. Morgan Stanley hatte E*Trade 2020 für 13 Milliarden USD übernommen. Der Start des Krypto-Handels ist für das erste Halbjahr 2026 geplant. Zerohash selbst erhielt bei einer Series-D-Runde eine Bewertung von 1 Milliarde USD. Morgan Stanley gehört zu den Investoren.
Vom ETF-Anbieter zur Krypto-Vollbank
Die Trust-Bank-Charter ist nur ein Element einer umfassenden Krypto-Strategie. Im Januar 2026 reichte Morgan Stanley S-1-Dokumente für drei Spot-ETFs ein: einen Bitcoin Trust ETF, einen Ethereum-ETF und einen Solana-ETF. Der Ethereum-Fonds schliesst dabei Staking-Erträge ein.
Im selben Monat ernannte das Unternehmen Amy Oldenburg zur Head of Digital Asset Strategy - eine neu geschaffene Position. Oldenburg ist seit 2001 bei Morgan Stanley und beschäftigt sich seit 2021 intern mit Krypto-Projekten. Auf der Bitcoin for Corporations Conference in Las Vegas sprach sie am 25. Februar über Bitcoin-Lending und Yield-Produkte als nächste Ausbaustufe.
Die Stossrichtung ist klar: Morgan Stanley baut eine vertikale Krypto-Wertschöpfungskette auf. ETFs liefern den einfachen Marktzugang, E*Trade deckt den Retail-Handel ab, die Trust-Bank übernimmt Verwahrung und Staking. Bei einem verwalteten Vermögen von 8 Billionen USD genügt bereits eine marginale Krypto-Allokation, um erhebliche Volumina zu generieren. Intern empfiehlt die Wealth-Management-Abteilung daher eine Allokation von 2 bis 4 Prozent je nach Risikoprofil.
Der OCC-Chartering-Boom und seine Kritiker
Morgan Stanley ist bei weitem nicht allein. Im Dezember 2025 genehmigte die OCC bedingte Charters für fünf Krypto-Unternehmen: Circle, Ripple, BitGo, Fidelity Digital Assets und Paxos. Anschliessend folgten im Februar 2026 bedingte Genehmigungen für Crypto.com, Stripe und Protego. Anträge von Coinbase und World Liberty Financial sind noch ausstehend.
Der Ansturm spiegelt sich in den Zahlen. OCC-Comptroller Jonathan Gould erklärte vor dem US-Senat, dass die Behörde zwischen 2011 und 2024 im Durchschnitt weniger als vier Charter-Anträge pro Jahr erhielt. Allein in 2025 und 2026 gingen 14 de novo-Anträge ein. Insgesamt überwacht die OCC derzeit rund 60 nationale Trust-Banken.
"Neue Marktteilnehmer im Bundesbankensystem sind gut für Verbraucher, die Bankenbranche und die Wirtschaft. Sie bieten Zugang zu neuen Produkten, Dienstleistungen und Kreditquellen und sichern ein dynamisches, wettbewerbsfähiges und vielfältiges Bankensystem." - Jonathan Gould, Comptroller of the Currency
Allerdings formiert sich Widerstand. Bankenverbände kritisieren eine Zweckentfremdung der Trust-Bank-Charter. Ihre Befürchtung: Krypto-Firmen könnten mit einer nationalen Trust-Charter mit Banken konkurrieren, ohne einer gleichwertigen Aufsicht zu unterliegen. Für Morgan Stanley greift dieses Argument dennoch nur bedingt, da das Unternehmen bereits als systemrelevante Bank reguliert wird.
Wall Street gegen Krypto-Natives
Das Rennen um Trust-Charters markiert einen strukturellen Wendepunkt. Bislang dominieren Krypto-native Unternehmen wie Circle, Ripple und BitGo die digitale Verwahrungsinfrastruktur. Mit Morgans Antrag dringt erstmals eine der grossen Wall-Street-Banken in dieses Feld vor. Gleichzeitig bringt sie einen entscheidenden Vorteil mit: bestehende Kundenbeziehungen zu Millionen von Anlegern und institutionellen Investoren.
Robinhood erzielte 2024 rund 626 Millionen USD aus Krypto-Handel. Das entsprach 21 Prozent des Gesamtumsatzes. Für Morgan Stanley mit seiner deutlich grösseren Kundenbasis könnte das Potenzial erheblich höher liegen. Neben Trading-Gebühren geht es vor allem um Verwahrung, Settlement und treuhänderische Dienstleistungen für tokenisierte Assets. Sie bilden die Back-Office-Infrastruktur der digitalen Finanzwelt. Wer sie kontrolliert, sichert sich folglich eine zentrale Position im künftigen Markt.
Die Krypto-freundliche Regulierungshaltung der Trump-Administration und legislative Vorstösse wie der GENIUS Act für Stablecoins haben den Chartering-Boom beschleunigt. Entsprechend verschiebt sich die Frage von der regulatorischen Zulässigkeit hin zur operativen Umsetzung. Die OCC-Kommentarfrist für Morgan Stanleys Antrag endet am 20. März 2026. Danach folgt die Prüfungsphase. Einen konkreten Zeitrahmen für die Entscheidung nannte die Behörde nicht.








