JPMorgan fordert, dass Strategy seine Dollar-Reserven aufstockt, um das Anlegervertrauen nach dem ersten Bitcoin-Verkauf seit 2022 zurückzugewinnen. Gleichzeitig verschoben die Analysten ihre Gesamteinschätzung für digitale Assets von „overweight“ auf „cautious“.
Strategy, vormals MicroStrategy, ist ein börsennotiertes US-Unternehmen, das seit 2020 Bitcoin als primären Treasury-Asset akkumuliert und seine Kapitalbeschaffung auf den Erwerb weiterer BTC ausrichtet. Das Geschäftsmodell beruht auf der Ausgabe von Aktien und Vorzugsaktien, deren Erlöse direkt in Bitcoin fliessen. Ursprünglich galt diese als „digitale Kapitalmarktstruktur“ vermarktete Konstruktion als innovatives Vorbild, steht inzwischen aber wegen ihrer Finanzierbarkeit in der Kritik. Mit 843'706 BTC hält der Konzern den grössten Bitcoin-Bestand aller börsennotierten Firmen, bei einer Gesamtkostenbasis von rund 63.8 Mrd. USD. CEO Michael Saylor hatte die Strategie bis Anfang 2026 stets mit dem Prinzip „kein Bitcoin-Verkauf“ verknüpft. Jetzt dreht der Markt gegen ihn.
32 Bitcoin, 2.5 Millionen USD: Strategys erster Verkauf seit 2022
Ende Mai 2026 verkaufte Strategy 32 Bitcoin zu einem Durchschnittspreis von 77'135 USD und erzielte damit einen Erlös von rund 2.5 Mio. USD. Das Unternehmen legte die Transaktion am 1. Juni über eine 8-K-Einreichung offen und gab als Zweck die Dividendenzahlung auf den STRC Perpetual Preferred Stock an. Zuvor lag der letzte Verkauf im Dezember 2022 und diente damals dem Tax-Loss-Harvesting. Gemessen am Gesamtbestand entsprechen die 32 BTC lediglich 0.004 Prozent der Position.
Ökonomisch ist der Verkauf folglich kaum relevant, symbolisch markiert er jedoch einen Bruch. Saylor hatte sein Modell jahrelang auf reine Akkumulation ausgerichtet, weshalb jede Veräusserung als Abweichung vom Grundprinzip gilt. JPMorgan beschreibt den Schritt zwar als „symbolisch und freiwillig“, als Demonstration von Engagement und Flexibilität gegenüber den Vorzugsaktionären, bezeichnet die Marktwirkung aber dennoch als „spooked“.
Die Reaktion bestätigte diese Lesart. Bitcoin fiel nach Bekanntgabe auf ein Zweimonatstief um rund 71'000 USD, während die MSTR-Aktie am Ankündigungstag rund 5 Prozent verlor. Zudem verzeichneten US-Bitcoin-ETFs in den darauffolgenden Wochen über mehrere Handelssessions hinweg anhaltende Netto-Abflüsse. Mittlerweile handelt Bitcoin auf einem Mehrmonatstief um 63'000 USD.
JPMorgan warnt vor Strukturrisiko bei Strategys Dividenden
Strategys Kapitalstruktur umfasst mehrere Klassen von Vorzugsaktien wie STRC und STRK mit fixen Dividendenverpflichtungen, die sich jährlich auf rund 1.7 Mrd. USD belaufen. Zur Bedienung dieser Zahlungen richtete der Konzern im Dezember 2025 eine USD-Reserveposition von 1.44 Mrd. USD ein, die auch Zinsen auf ausstehende Schulden abdecken sollte. Laut JPMorgan decken die aktuellen Reserven allerdings nur noch rund 6.3 Monate an Dividenden. Der STRC Preferred Stock trägt einen Dividendensatz von 11.5 Prozent und handelte zuletzt bei rund 94.60 USD, also unter dem Nennwert von 100 USD. Diese Konstellation nährt die Sorge, dass die Verpflichtungen ohne weitere Bitcoin-Verkäufe schwer finanzierbar werden.
Genau hier setzt die Forderung der Analysten unter Managing Director Nikolaos Panigirtzoglou an. Ein Wiederaufbau der Dollar-Reserven könnte nötig sein, um das Vertrauen wiederherzustellen und die Sorge zu zerstreuen, dass Strategy weitere Bitcoins zur Deckung der Dividenden verkaufen müsse, schreiben sie im Report. Benchmark-Analyst Mark Palmer sieht den BTC-Bestand hingegen als „viable backstop“ für die Dividendenzahlungen, womit sich das Risikomodell des Unternehmens verschiebt. An dieser Gegenüberstellung zeigt sich die Kernfrage der Debatte: ob der Bitcoin-Bestand eine ausreichende Sicherheit darstellt oder ob er erst durch Verkäufe liquidiert werden müsste. Zudem untermauert Saylors Kommunikationswandel seit dem ersten Quartal 2026 die Diskussion, da er bei den Q1-Zahlen eine flexiblere Kapitalallokation an die Stelle des bisherigen „niemals verkaufen“ setzte.
JPMorgan erwartet trotzdem 32 Mrd. USD Bitcoin-Käufe im 2026
Trotz des vorsichtigeren Tons erhöht JPMorgan die Kaufprognose für Strategy. Rechnet man das bisherige Tempo des laufenden Jahres hoch, dürfte das Unternehmen 2026 Bitcoin im Wert von rund 32 Mrd. USD erwerben. Diese Schätzung revidierten die Analysten gegenüber dem Vormonat zudem von 30 Mrd. USD nach oben. Zum Vergleich lagen die jährlichen Käufe 2024 und 2025 bei jeweils rund 22 Mrd. USD, was auf ein strukturell wachsendes Akkumulationstempo deutet. Die Prognose steht damit im Spannungsverhältnis zur gleichzeitig geäusserten Sorge um die Reservedeckung.
Saylor selbst signalisierte den nächsten Schritt bereits öffentlich. Anfang Juni deutete er via X mit der Bemerkung „A good time to add more dots“ einen weiteren Kauf an. Einen Tag später stand bei Strategy schliesslich eine Aktionärsabstimmung an, die unter anderem die Umstellung der STRC-Dividende von einer monatlichen auf eine zweimal monatliche Auszahlung betraf.
Digitale Assets insgesamt unter Druck: JPMorgans breites Bild
Der Stimmungsumschwung reicht über Strategy hinaus. Noch im Februar 2026 hatten dieselben Analysten digitale Assets als „overweight“ und „positiv“ eingestuft, mittlerweile lautet die Einschätzung „cautious“. Gleichzeitig halbierten sich die Kapitalflüsse: JPMorgan beziffert die Zuflüsse seit Jahresbeginn auf rund 22 Mrd. USD, annualisiert rund 52 Mrd. USD und damit etwa die Hälfte des Vorjahresniveaus. In diese Schätzung fliessen Krypto-Fondsflüsse, CME-Futures-Positionierungen, VC-Fundraising und Corporate-Treasury-Käufe ein, zu denen auch Strategys Akquisitionen zählen. Zudem taxiert die Bank die Chance auf eine Verabschiedung des Digital Asset Market Clarity Act 2026 inzwischen auf unter 50 Prozent.
Der Clarity Act hatte am 14. Mai die Markup-Phase im Senate Banking Committee passiert und galt im Februar-Report noch als Stütze für institutionelle Zuflüsse. Mittlerweile verweist JPMorgan jedoch auf die nahenden US-Midterm-Wahlen, die anhaltende Debatte über Stablecoin-Renditen und verbleibende legislative Hürden. Diese Faktoren verschieben die regulatorische Klarheit somit weiter nach hinten.
Auch der Makro-Rahmen bleibt fragil. JPMorgan beziffert die Bitcoin-Produktionskosten, die zu Jahresbeginn bei 90'000 USD lagen, zwischenzeitlich auf 77'000 USD und zuletzt wieder auf rund 87'000 USD, wobei Bitcoin den Grossteil des Jahres darunter handelte. Die Bank betrachtet diese Kosten historisch als „soft floor“ für den Kurs. Ferner schwächt sich der „debasement trade“ ab: Das Narrativ von Bitcoin als Inflationsschutz kühlt laut den Analysten ab, was die institutionelle Attraktivität weiter mindert. Für Altcoins und Ethereum sieht JPMorgan ohne stärkere Netzwerkaktivität ebenso wenig Spielraum, Bitcoin zu übertreffen.








