US-Senatorin Elizabeth Warren hat einen formellen Brief an Comptroller Jonathan Gould geschickt. Darin wirft sie der Bankenaufsicht OCC vor, neun Krypto-Firmen illegale National Trust Bank Charters erteilt zu haben. Betroffen sind unter anderem Coinbase und Ripple.
Bis zum 1. Juni 2026 verlangt Warren die vollständige Dokumentation aller Genehmigungen, inklusive sämtlicher Kommunikation zwischen OCC-Beamten und Präsident Trump oder dessen Familie. Die Ranking Member des Senate Banking Committee bezeichnet die Charter-Vergabe als Verstoss gegen den National Bank Act. Die genehmigten Geschäftsmodelle sähen primär Verwahrung, Staking, Kreditvergabe, Stablecoin-Emission und Zahlungsdienste vor, nicht jedoch treuhänderische Kerntätigkeiten. Das OCC betreibe damit regulatorische Arbitrage zugunsten der Krypto-Industrie.
Neun Genehmigungen in vier Monaten
Zwischen Dezember 2025 und April 2026 erteilte die OCC neun konditionelle Charter-Genehmigungen an Krypto-Unternehmen. Am 12. Dezember 2025 folgten gleich fünf Zusagen auf einmal: Ripple National Trust Bank und die Circle-Tochter First National Digital Currency Bank, dazu die Konvertierung der Trust-Strukturen von Paxos, BitGo und Fidelity Digital Assets. Im Februar 2026 kamen die Stripe-Tochter Bridge, Protego sowie die Crypto.com-Tochter Foris DAX hinzu. Am 2. April 2026 genehmigte die Behörde Coinbase National Trust Company.
In den USA existieren damit nun rund 60 nationale Trust-Banken unter OCC-Aufsicht. Den Präzedenzfall hatte Anchorage Digital im Januar 2021 gesetzt - als erste Krypto-Firma überhaupt mit einer National Trust Bank Charter. Die jüngste Welle umfasst innerhalb von vier Monaten so viele Genehmigungen wie zuvor in mehreren Jahren zusammen.
Ein National Trust Bank Charter erlaubt es Unternehmen, in allen 50 Bundesstaaten unter einheitlicher Bundesaufsicht zu operieren. Die Lizenz berechtigt jedoch weder zur Annahme FDIC-versicherter Einlagen noch zur klassischen Kreditvergabe. Trust-Banken unterliegen auch nicht dem Bank Holding Company Act. Genau dieser regulatorische Mittelweg macht die Charter für Krypto-Firmen attraktiv: Bundeslegitimität ohne den vollen Pflichtenkatalog einer Geschäftsbank.
Warrens rechtliches Kernargument
Warren stützt ihre Kritik auf den Wortlaut des National Bank Act. Nationale Trust-Gesellschaften seien per Bundesgesetz auf treuhänderische Tätigkeiten beschränkt, konkret als Trustee, Executor, Administrator oder Guardian. Die Geschäftspläne der neun genehmigten Firmen sähen jedoch keine primären Treuhand-Aktivitäten vor. Stattdessen bildeten Verwahrung, Staking und Stablecoin-Dienste das Kerngeschäft.
Das OCC habe diese Lücke durch eine Regeländerung zu überbrücken versucht. Am 2. März 2026 finalisierte die Behörde eine Anpassung von 12 CFR 5.20, die am 1. April 2026 in Kraft trat. Dabei ersetzte das OCC den Begriff "fiduciary activities" durch die weiter gefasste Formulierung "operations of a trust company and activities related thereto". Warren argumentiert, das OCC habe damit den Tätigkeitsbereich von Trust-Banken über das vom Kongress Erlaubte hinaus erweitert. Der 2025 verabschiedete GENIUS Act, der Stablecoin-Emissionen durch nationale Trust-Banken erlaubt, ändere die zugrundeliegenden Bestimmungen des National Bank Act nicht.
"Diese Unternehmen sehen aus wie Krypto-Banken, nicht wie Trust-Gesellschaften." - Elizabeth Warren, Ranking Member, Senate Banking Committee
Die Genehmigungen stellten ein "ernstes Risiko für die Sicherheit und Stabilität des US-Bankensystems" dar, schreibt Warren in ihrem Brief. Konkret fordert sie vom OCC die vollständigen Charter-Anträge sowie alle rechtlichen Analysen. Dazu verlangt sie sämtliche E-Mails, SMS und Gesprächsprotokolle mit Trump, dessen Familie oder deren Vertretern. Der Fokus auf die Trump-Kommunikation ist dabei kein Nebenschauplatz: Warren verbindet die Charter-Vergabe explizit mit einer mutmasslichen Einflussnahme aus dem Weissen Haus.
Trump-Krypto-Firma als politischer Brennpunkt
Hintergrund der Trump-Komponente ist das Unternehmen World Liberty Financial. Die Krypto-Firma hat einen eigenen Trust-Charter-Antrag beim OCC eingereicht. Co-Gründer Zach Witkoff erklärte Anfang Mai 2026, der Antrag befinde sich "in den letzten Phasen" der konditionellen Genehmigung. Eine offizielle OCC-Bestätigung steht aus. Bereits im Februar 2026 waren Warren und Comptroller Gould bei einer Senate-Anhörung öffentlich aneinandergeraten. Gould weigerte sich, eine Verzögerung oder Ablehnung des World-Liberty-Antrags zuzusagen. Warren bezeichnete ihn daraufhin als "Komplizen" einer mutmasslichen Trump-Korruption. Mit dem Schreiben vom 18. Mai bringt sie diese Vorwürfe nun in ein formelles Aufsichtsverfahren ein.
Die Branchenopposition gegen die Charter-Welle reicht weit über Warren hinaus. Die Independent Community Bankers of America (ICBA) nannten die Coinbase-Genehmigung einen "schweren Fehler". Dem OCC fehle die gesetzliche Befugnis. "Diese signifikante politische Änderung erfolgte ohne jegliche Anweisung des Kongresses und ohne Änderung des National Bank Act", so die ICBA. Bank Policy Institute CEO Greg Baer kritisierte, die Entscheidung lasse "erhebliche Fragen offen". Auch die American Bankers Association forderte das OCC auf, den Charter-Prozess zu verlangsamen. Eine Bundesgenehmigung dürfe nicht als Mechanismus dienen, eine SEC- oder CFTC-Registrierung zu umgehen.
Comptroller Gould hatte die Dezember-Genehmigungen mit dem Hinweis auf neue Marktteilnehmer verteidigt. Zugang zu neuen Produkten und Krediten sei "gut für Konsumenten, die Bankenbranche und die Wirtschaft". Eine direkte Stellungnahme des OCC zu Warrens Brief lag bis Redaktionsschluss nicht vor. Am 1. Juni 2026 läuft die Frist zur Vorlage aller angeforderten Unterlagen ab. Parallel hat der Senate Banking Committee den revidierten CLARITY Act mit 15:9 Stimmen verabschiedet; das Gesetz soll die Krypto-Marktstruktur regeln und wartet nun auf die Abstimmung im Plenum. Beim OCC sind zudem weitere Anträge auf Trust-Charters von Morgan Stanley Digital Trust, Payoneer und Zerohash anhängig.








