JPMorgan-Analysten unter Nikolaos Panigirtzoglou stufen Strategys Bitcoin-Verkäufe nicht als das zentrale Bitcoin-Risiko ein. Das grössere Risiko liege darin, dass die traditionelle Finanzwelt bei der Blockchain-Adoption zunehmend öffentliche, permissionless Netzwerke umgeht.
JPMorgan zählt zu den grössten US-Investmentbanken. Die Research-Abteilung unter Managing Director Panigirtzoglou versorgt institutionelle Anleger seit Jahren mit Einschätzungen zu Bitcoin und Krypto-Assets. In der traditionellen Finanzwelt gilt sie als einflussreiche Referenz. Der aktuelle Report erscheint mitten in der Debatte um Strategys Verkäufe. Gleichzeitig gewinnen institutionelle Tokenisierungs-Initiativen an Fahrt, darunter das BIS Project Agorá und Piloten der DTCC auf kontrollierter Infrastruktur. Ferner beziffert die Bank den Tokenisierungsmarkt für reale Vermögenswerte auf rund 50 Mrd. USD. Strategy hält hingegen nach den jüngsten Verkäufen 843'775 BTC, deren Marktwert von rund 53.8 Mrd. USD unter der Kostenbasis von etwa 63.7 Mrd. USD liegt.
Strategys Bitcoin-Verkäufe bleiben für JPMorgan Nebensache
Zunächst hatte Strategy Anfang Juli ein Digital Credit Capital Framework vorgestellt. Das Rahmenwerk umfasst fünf Bausteine, im Zentrum steht ein formelles BTC Monetization Program mit einer Verkaufskapazität von bis zu 1.25 Mrd. USD. In der Woche zum 6. Juli 2026 trennte sich das Unternehmen von 3'588 BTC und nahm damit rund 216 Mio. USD ein. Der Erlös finanziert Dividenden auf die neuen Digital-Credit-Vorzugsaktien. Somit hält der Konzern nach dem Verkauf noch 843'775 BTC.
Die Position notiert allerdings im Minus. Bei einer Kostenbasis von rund 63.7 Mrd. USD liegt der Durchschnittspreis bei etwa 75'476 USD je BTC. Dem steht ein Marktwert von rund 53.8 Mrd. USD gegenüber. Zudem bewegte sich der Bitcoin-Kurs zuletzt bei rund 63'000 USD und damit deutlich unter Michael Saylors Einstand. Deshalb nährt dieser Buchverlust für einige Marktbeobachter die Sorge vor weiterem Verkaufsdruck durch den grössten börsennotierten Bitcoin-Halter.
Genau diese Sorge relativieren die JPMorgan-Analysten jedoch. Sie stufen Strategys Verkäufe ausdrücklich nicht als die zentrale strukturelle Bedrohung für Bitcoin ein. Die Transaktionen seien zyklisch und an die Finanzierung der Vorzugsaktien gebunden, nicht Ausdruck eines strukturellen Bruchs im Markt. Das eigentliche Risiko verorten die Analysten anderswo.
Institutionelle Blockchain-Adoption meidet öffentliche Netzwerke
Der Kern des Reports betrifft die Architektur institutioneller Tokenisierung. Nach Einschätzung der Analysten verlagert sich die institutionelle Blockchain-Adoption zunehmend auf permissioned Netzwerke, also auf zugangsbeschränkte Systeme mit kontrolliertem Teilnehmerkreis. Öffentliche Chains wie Ethereum dienten dabei bestenfalls der Verteilung. Das eigentliche Fundament bilden sie nicht. Für Bitcoin und offene Netzwerke schwächt das daher die institutionelle Adoptions-These.
„Wir sehen Strategy nicht als die zentrale strukturelle Bedrohung für Bitcoin. Unserer Ansicht nach liegt das wichtigere Risiko für Bitcoin im breiteren Krypto-Ökosystem und darin, dass sich Blockchain-Adoption in der traditionellen Finanzwelt weiterhin so entwickelt, dass sie öffentliche, permissionless Netzwerke umgeht." - Nikolaos Panigirtzoglou, Managing Director bei JPMorgan
Rückendeckung erhält diese Interpretation von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die BIS warnt vor öffentlichen permissionless Blockchains für systemisch wichtige Finanzinfrastruktur und wirbt stattdessen für permissioned unified ledgers. Ihr Project Agorá läuft seit April 2024 und bündelt acht Zentralbanken sowie über 40 Finanzinstitute. Schliesslich belegen die im Mai 2026 vorgelegten Ergebnisse die technische Machbarkeit für grenzüberschreitendes Settlement. Ausserdem entwickelt die US-Wertpapierverwahrstelle DTCC ihre Tokenisierungs-Prozesse auf kontrollierter Infrastruktur, etwa über ComposerX und das Canton Network. Eine Anbindung an Stellar prüft sie nur selektiv.
Tokenisierungsmarkt steckt noch in früher Experimentierphase
Zahlenmässig bleibt die Tokenisierung realer Vermögenswerte überschaubar. Zunächst beziffert JPMorgan den RWA-Markt auf rund 50 Mrd. USD, mit einem signifikanten Anteil auf Ethereum. Die Analysten ordnen diesen Stand jedoch als frühe Experimentierphase ein, nicht als gefestigte langfristige Marktstruktur. Öffentliche Chains halten folglich bislang keine dominante institutionelle Position.
Die externen Schätzungen fallen zudem uneinheitlich aus. RWA.xyz weist für Juni 2026 rund 26.71 Mrd. USD an distribuierbarem Wert aus, während andere Erhebungen 31 Mrd. USD bis 65 Mrd. USD nennen. Ebenso schwankt Ethereums Anteil je nach Methodik zwischen 33 und 65 Prozent. Die Bandbreite zeigt, wie unfertig die Datengrundlage dieses Marktes ist.
Wo öffentliche Chains zum Einsatz kommen, geschieht das meist unter Auflagen. Securitize etwa emittiert tokenisierte Assets auf Solana und Avalanche, allerdings über eine regulierte Plattform mit Zulassungskontrollen. Für ein Schweizer Publikum ist das Muster vertraut. Die SIX Digital Exchange betreibt bereits seit 2021 eine FINMA-regulierte, permissioned DLT-Infrastruktur für die Emission und Verwahrung tokenisierter Wertschriften. Sie liefert damit einen frühen institutionellen Beleg für genau jenes Modell, das die Analysten nun als strukturellen Gegenspieler öffentlicher Chains beschreiben.








