Project Agorá, das von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) koordinierte Blockchain-Zahlungssystem, tritt nun in die Echtgeld-Testphase ein. Damit werden Cross-Border-Zahlungen tokenisiert von acht Zentralbanken und diversen Finanzinstituten getestet, darunter JPMorgan Chase, UBS und Deutsche Bank.
Im Kern ist Project Agorá ein gemeinsamer „Multi-Currency Unified Ledger", auf dem tokenisierte Zentralbankreserven und tokenisierte Geschäftsbankeinlagen auf einer programmierbaren Plattform zusammenlaufen. Es handelt sich also nicht um ein öffentliches Blockchain-Netz, sondern um ein geschlossenes, reguliertes System aus Zentralbanken und lizenzierten Banken. Der BIZ Innovation Hub in Basel lancierte das Vorhaben im April 2024; die Beteiligung des Privatsektors läuft seit Mai 2024 und koordiniert das Institute of International Finance (IIF). Insgesamt stehen sieben Währungsräume im Test. Das System arbeitet rund um die Uhr, wickelt Transaktionen atomar nach dem All-or-Nothing-Prinzip ab und erlaubt bedingte Zahlungsauslöser über Smart Contracts. Gleichzeitig ändert es weder den Rechtsstatus der Reserven noch die bestehenden Compliance-Kontrollen.
Das Problem: Warum grenzüberschreitende Zahlungen tokenisiert werden müssen
Grenzüberschreitende Zahlungen gelten als eines der letzten grossen Ineffizienzprobleme im globalen Finanzsystem. Eine Überweisung läuft heute über das sogenannte Correspondent Banking, also ein Netz aus Banken, die füreinander Konten führen und Zahlungen entlang einer Kette weiterreichen. Eine einzelne Transaktion durchläuft dabei oft mehrere Institute in verschiedenen Ländern, und jede Station muss die Buchung separat abgleichen. Dabei entstehen hohe Kosten, zudem Verzögerungen durch unterschiedliche Geschäftszeiten und Zeitzonen sowie Compliance-Lücken zwischen den Jurisdiktionen. Zwischen Sender und Empfänger können so erhebliche Verzögerungen liegen.
Project Agorá setzt genau an dieser Schwachstelle an und ist Teil der G20-Roadmap, die Zugang, Kosten, Geschwindigkeit und Transparenz solcher Zahlungen verbessern soll. Das Korrespondenzbankennetz bleibt jedoch als Rahmen erhalten; das Projekt ersetzt es also nicht, sondern macht die Abwicklung effizienter. Der Ansatz hat ferner eine Vorgeschichte. Das BIZ hatte 2024 ein früheres Modernisierungsprojekt eingestellt, nachdem Bedenken wegen der Durchsetzung russischer Sanktionen aufgekommen waren. Project Agorá ist der Nachfolgeansatz und integriert die Compliance deshalb explizit in die Architektur.
Wie der tokenisierte grenzüberschreitende Zahlungsprototyp funktioniert
Das technische Kernstück ist der „Multi-Currency Unified Ledger". Auf dieser gemeinsamen, programmierbaren Plattform existieren tokenisierte Zentralbankreserven und tokenisierte Geschäftsbankeinlagen nebeneinander. Heute liegen diese Werte hingegen in getrennten Systemen verschiedener Banken und Länder, was jede Überweisung zu einer Abfolge separater Buchungen macht. Auf einem gemeinsamen Ledger lassen sich Geld und Information dagegen in einem einzigen Vorgang bewegen, sodass der mehrfache Abgleich entlang der Korrespondenzbankenkette entfällt.
Daraus folgt das zweite Prinzip: das atomare Settlement. Alle Informationen einer Transaktion tauschen die Banken zunächst aus, danach aktualisieren sich die Salden aller Beteiligten gleichzeitig. Entweder die gesamte Zahlung wird vollständig abgewickelt oder gar nicht, weshalb das Risiko gescheiterter Teilbuchungen entfällt. Das System läuft ausserdem rund um die Uhr und ist damit nicht mehr an die Öffnungszeiten einzelner Märkte gebunden. Bedingte Zahlungsauslöser über Smart Contracts ergänzen die Architektur, sodass eine Überweisung etwa automatisch erst bei Erfüllung einer vorab definierten Bedingung erfolgt.
Auffällig ist, dass Agorá den rechtlichen Rahmen bewusst unangetastet lässt. Der Rechtsstatus von Zentralbankreserven und Geschäftseinlagen bleibt unverändert. Auch die bestehenden regulatorischen Kontrollen wirken trotz Tokenisierung weiter: die Geldwäschereibekämpfung (AML), die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung (CFT), das Sanktions-Screening sowie geltende Datenschutzregeln. Die Compliance ist somit kein nachgelagerter Aufsatz, sondern ein Designprinzip des Prototyps.
"Es ist möglich, Blockchain-basierte Technologien zu nutzen, um die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen neu zu denken - mit tokenisierten Einlagen zur Verbesserung und Vereinfachung der Ausführung unter Wahrung höchster regulatorischer und operativer Sicherheitsvorkehrungen." - Francisco Maroto, Leiter Blockchain und digitale Assets, BBVA
Acht Zentralbanken, 40 Geschäftsbanken: wer hinter Project Agorá steht
Hinter dem Projekt steht eine ungewöhnlich breite Koalition öffentlicher Institutionen. Acht Zentralbanken beteiligen sich und decken zusammen sieben Währungsräume ab. Die Federal Reserve Bank of New York steht für den US-Dollar, die Bank of England für das Britische Pfund, die Banque de France für den Euro und die Bank of Japan für den Japanischen Yen. Hinzu kommen die Banco de México für den Mexikanischen Peso, die Schweizerische Nationalbank für den Schweizer Franken sowie die Bank of Korea für den Koreanischen Won. Ende Mai 2026 trat die Bank of Canada als achte Notenbank bei. Koordiniert wird die Arbeit vom BIZ Innovation Hub in Basel, während das Institute of International Finance den Privatsektor zusammenführt.
Auf privater Seite nehmen ferner mehr als 40 regulierte Finanzinstitute teil, darunter JPMorgan Chase, die UBS Group AG, die Deutsche Bank AG, BBVA sowie die Zahlungsnetzwerke Mastercard und Visa. Die spanische BBVA leitete die rechtliche, regulatorische, operative und Governance-Analyse für den mexikanischen Währungsraum. Parallel verfolgen einzelne Häuser zudem eigene Tokenisierungsvorhaben, etwa JPMorgan mit seinem hauseigenen Blockchain-Netz. Agorá ist jedoch das einzige Multi-Zentralbank-Projekt dieser Breite und damit der bislang weitreichendste Versuch, mehrere Notenbanken und Geschäftsbanken auf einer gemeinsamen Infrastruktur zu vereinen.
Echtgeld-Testphase ohne feste Deadline
Mit dem Prototyp-Bericht von Ende Mai 2026 verschiebt sich das Projekt von der Konzeptarbeit zum praktischen Versuch. In der nun angekündigten Echtgeld-Testphase laufen reale Transaktionen über das System statt simulierter Szenarien. Eine fixe Frist gibt es allerdings nicht; laut Tim Adams vom IIF kommt es darauf an, das Projekt richtig zu machen, statt es zu übereilen. Erste Schätzungen aus dem Januar 2026 nannten eine Dauer von rund sechs Monaten, womit der Abschluss einer ersten Phase im ersten Halbjahr 2026 zu erwarten wäre. Nach Abschluss der Tests gehen die Ergebnisse anschliessend an die politischen Entscheidungsträger.
Den Beitritt Kanadas ordnet die Bank of Canada selbst in die übergeordnete Zielsetzung ein. Die Tokenisierung habe das Potenzial, solche Zahlungen schneller, günstiger, effizienter und sicherer zu machen, erklärte Carolyn Rogers, Senior Deputy Governor der Notenbank. Die Zeitleiste verdeutlicht zudem den schrittweisen Fortschritt. Lanciert im April 2024, öffnete sich Project Agorá zunächst im Mai 2024 für den Privatsektor; später, im September 2024, bestätigten JPMorgan, UBS und weitere Grossbanken ihren Beitritt. Mit dem Bericht und dem Eintritt in die Echtgeld-Phase erreicht das Vorhaben nun seine bislang konkreteste Stufe. Ob daraus ein dauerhaftes Abwicklungssystem wird, hängt letztlich vom Ausgang der Tests und der Entscheidung der beteiligten Notenbanken ab.








