Bitcoin ist am 8. August 2026 in zwei Ketten zerfallen. Auslöser des Splits war der Softfork-Vorschlag BIP-110, dessen Minderheitskette nach zwei Blöcken zum Stillstand kam, während die Hauptkette unverändert weiterlief.
BIP-110 will die Menge nicht-finanzieller Daten in Bitcoin-Transaktionen für ein Jahr begrenzen, etwa jene von Ordinals-Inscriptions. Der Softfork deckelt Datenfelder auf 256 Byte und limitiert OP_RETURN-Outputs ausserdem auf 83 Byte. Für ein Inkrafttreten ohne Spaltung verlangt er zudem ein Quorum von 55% der Blöcke in einem zweiwöchigen Signalisierungsfenster. Der Streit dahinter reicht ins Jahr 2025 zurück. Damals hob Bitcoin Core mit Version 30 das bisherige Relay-Limit für OP_RETURN auf, woraus zunächst BIP-444 und später BIP-110 hervorging. Strategy-Chairman Michael Saylor stellte sich im Juli 2026 in einem Essay gegen den Vorschlag. In der letzten Signalisierungsperiode vor der Abspaltung stimmten schliesslich nur 2.53% der Blöcke dafür.
AntPools Block ohne Signal spaltet Bitcoin in zwei Ketten
Das zweiwöchige Signalisierungsfenster begann bei Block 961'632. Ab dieser Höhe lehnten Nodes mit BIP-110-Regeln jeden Block ab, der das Signalisierungs-Bit nicht setzte. Dieses Bit ist ein Marker im Block-Header, mit dem Miner ihre Zustimmung zu einem Vorschlag anzeigen. Den ersten Block ohne diesen Marker produzierte der Mining-Pool AntPool. Die Hauptkette akzeptierte ihn, die BIP-110-Nodes hingegen verwarfen ihn und folgten einem Alternativblock der Mining-Gruppe Roughnecks. Seither laufen zwei Bitcoin-Ketten parallel. Ihre gemeinsame Historie endet folglich bei Block 961'631.
Roughnecks schürft über den Pool Ocean und trat bei der Abspaltung als „110th Mining Division" auf. Ein zweiter Block folgte, danach kam die Produktion zum Erliegen. Seit Block 961'633 ist dort nichts mehr hinzugekommen. Die Hauptkette produzierte in derselben Zeit weiterhin ohne Unterbruch Blöcke. Für deren Nutzer änderte sich daher nichts. Wer dagegen eine Node mit BIP-110-Regeln betreibt, sieht seit der Abspaltung eine andere Kette als der Rest des Netzwerks.
Ein reguläres Inkrafttreten hätte breite Zustimmung der Miner verlangt. BIP-110 setzt die Schwelle bei 1'109 von 2'016 Blöcken, also bei 55% innerhalb des Fensters von Block 961'632 bis 963'647. Tatsächlich signalisierten in der Periode vor der Abspaltung jedoch nur 51 Blöcke, was 2.53% entspricht. Denn ein Softfork wird in Bitcoin erst dann verbindlich, wenn genügend Miner ihn durchsetzen. Der Zuspruch lag damit schon vor dem Split weit unter der Anforderung. Die Befürworter zogen die Abspaltung trotzdem durch.
Miner-Boykott friert die BIP-110-Minderheitskette ein
Der Rückstand der Minderheitskette wuchs im Stundentakt. Am Abend des 8. August lag er bei sieben Blöcken. Bis zum Morgen des 9. August weitete er sich über 18 und 26 auf insgesamt 57 Blöcke aus. Später am selben Tag stand er bei 88, um 15:27 UTC schliesslich bei 111 Blöcken. Die Hauptkette hatte zu diesem Zeitpunkt Block 961'744 erreicht, die BIP-110-Kette stand weiterhin bei 961'633. Gemessen an einem Blockabstand von zehn Minuten entspricht das gut 18 Stunden Rückstand. Ein neuerer Datenpunkt lag bis Redaktionsschluss nicht vor.
Der Stillstand geht allerdings nicht auf einen Angriff von aussen zurück. Die Miner selbst zogen sich zurück. In der ersten Signalisierungsperiode nach dem Split signalisierte kein einziger von 113 Blöcken für BIP-110. Zuvor waren es immerhin 2.53% gewesen. Die auf der BIP-110-Kette angezeigte Hashrate von Ocean brach gleichzeitig von rund 36 EH/s auf rund 1.25 EH/s ein. Das entspricht einem Rückgang von 96.5% innerhalb eines Tages. Roughnecks stellte den Mining-Betrieb am 9. August um 03:40 UTC ein. Andere BIP-110-Miner rief die Gruppe ebenfalls zur Pause auf.
„Wir sehen das nicht als Niederlage für die BIP-110-Bewegung, sondern als Eskalation zum nächsten Schritt." - Roughnecks, Betreiber der BIP-110-Mining-Division
Die etablierte Hashpower blieb unterdessen geschlossen auf der Hauptkette. Foundry, F2Pool, AntPool, ViaBTC und MARA schürften ebenso durchgehend dort weiter. Angekündigt hat diesen Boykott niemand. Er bestand allein darin, auf der alten Kette zu bleiben. Ein Angriff auf die neue Kette erübrigte sich daher, denn ihr fehlte schlicht die Rechenleistung.
Börsen und Custodians ignorieren die Minderheitskette
Über die wirtschaftliche Relevanz einer abgespaltenen Kette entscheidet letztlich die Infrastruktur. Nötig sind funktionierende Wallets, dauerhafte Miner-Unterstützung, Börsenlistings, eine Custody-Anbindung und Käufer. Der BIP-110-Kette fehlt bislang jeder dieser Bausteine. Eine Kette ohne solche Anbindung bleibt technisch existent, ökonomisch jedoch bedeutungslos.
Weder Coinbase noch Kraken, Binance, BitGo, Fireblocks oder Anchorage haben öffentlich Unterstützung angekündigt. Coinbase und Kraken meldeten in ihren Status-Feeds stattdessen normalen Betrieb auf der Hauptkette. Ein separates Token für die Minderheitskette hat ausserdem kein grosser Anbieter gelistet. Ein handelbares Gegenstück zum BTC der Hauptkette entstand nie. Wer Bitcoin über eine Börse oder einen Verwahrer hält, blieb folglich durchgehend auf der Hauptkette. Für institutionelle Halter ergab sich daraus somit kein Handlungsbedarf. Michael Saylor bezifferte den bei der Hauptkette verbliebenen Anteil der Hashpower auf rund 99.85%.
Der Markt reagierte ebenfalls nüchtern. Bitcoin notierte am Tag der Abspaltung um rund 65'000 USD, ohne erkennbare Bewegung durch den Split. Auch in den folgenden Tagen hielt sich der Kurs ungefähr auf diesem Niveau. Vergleichsweise reibungslos verlief der letzte grosse Softfork. Taproot aktivierte im November 2021 bei Block 709'632 mit breiter Miner-Unterstützung und ohne dauerhafte Minderheitskette. Damals stand die Hashpower hinter dem Vorschlag. Diesmal steht sie ihm entgegen.
Datenlimits treiben den Streit um BIP-110 an
Inhaltlich dreht sich der Konflikt um die Frage, welche Daten in einen Bitcoin-Block gehören. Die Befürworter von BIP-110 wollen nicht-finanzielle Inhalte wie Ordinals-Inscriptions für ein Jahr per Konsensregel zurückdrängen. Ausgangspunkt war ursprünglich eine Änderung der Relay-Regeln von Bitcoin Core, keine Konsensregel. Aus Sicht der Befürworter lud diese Lockerung zu mehr Spam auf der Blockchain ein. Die Gegenseite verwies hingegen darauf, dass sie lediglich das reale Verhalten der Miner abbildete. Saylor legte seine Position im Juli 2026 in einem Essay mit 110 Punkten dar. Konsensregeln sollten demnach nachgewiesene Sicherheitsrisiken adressieren statt den wahrgenommenen Zweck einer Transaktion.
Der reguläre Aktivierungspfad liegt für die Minderheitskette ausser Reichweite. Sie müsste zunächst Block 963'648 erreichen. Bis dahin fehlen ihr rund 2'000 Blöcke, produziert hat sie bislang zwei. Die neuen Regeln würden danach ab Block 965'664 für 52'416 Blöcke gelten, also rund ein Jahr. Bei diesem Tempo ist der Zeitpunkt jedoch nicht erreichbar.
Deshalb arbeiten die Befürworter an einer radikaleren Option. Luke Dashjr, Maintainer der Bitcoin-Implementierung Knots, und der pseudonyme Entwickler Dathon Ohm schlugen vor, den Proof-of-Work-Algorithmus der Minderheitskette zu wechseln. Ferner nannten sie als Kandidaten RandomX, KT256, BLAKE3 und Scrypt. Ein solcher Wechsel würde die Kette von den bestehenden SHA-256d-ASICs unabhängig machen. Der stille Boykott der grossen Pools liefe damit ins Leere, allerdings müsste die Kette dafür eine eigene Hardware-Basis aufbauen. Insgesamt bleibt BIP-110 ein Vorschlag ohne Kette, die ihn durchsetzen könnte.








