Ethereum-Forscher um Justin Drake wollen die Staking-Rewards des Netzwerks verbrennen, und zwar stärker mit jedem zusätzlich gestakten ETH. Der EIP-Entwurf soll die Netto-Emission auf null senken, sobald rund die Hälfte des ETH-Angebots gestakt ist.
Ethereum sichert sein Netzwerk über Proof of Stake. Validatoren hinterlegen dafür ETH als Sicherheit, bestätigen Transaktionen und erhalten im Gegenzug neu ausgegebene Coins als laufende Vergütung. Der Entwurf „Tapered Issuance Burn" erschien ursprünglich Mitte Juli 2026 auf GitHub. Später folgte die formelle Diskussion im Ethereum-Magicians-Forum, die seit Anfang August läuft. Federführend ist der Forscher pintail; ferner zeichnen Jérôme de Tychey, dapplion, pa7x1 und Ladislaus von Daniels sowie Ethereum-Foundation-Forscher Justin Drake. Als Schwelle definieren die Autoren eine „Saturation Balance" von rund 60.25 Mio. ETH beziehungsweise knapp der Hälfte der zirkulierenden Menge. Derzeit liegt rund ein Drittel des Gesamtangebots im Staking, so viel wie nie zuvor.
Wie der Burn-Mechanismus die Emission bei 50 Prozent auf null senkt
Der Mechanismus koppelt die Höhe der Verbrennung unmittelbar an die Menge des gestakten ETH. Je mehr Kapital die Validatoren hinterlegen, desto grösser ist der Anteil der Ausschüttungen, den das Protokoll sofort wieder vernichtet. Einen Schwellenwert, ab dem die Verbrennung erst einsetzt, kennt der Entwurf allerdings nicht. Sie greift bereits bei der heutigen Quote und verschärft sich mit jedem zusätzlich hinterlegten ETH. Bei der Saturation Balance von rund 60.25 Mio. ETH erreicht die Burn-Fraktion schliesslich 100 Prozent. Somit fällt die Netto-Emission auf null.
Bei einer zirkulierenden Menge von rund 120.7 Mio. ETH entspricht diese Schwelle rechnerisch 49.9 Prozent des Angebots. Gegenüber den heute rund 40 Mio. ETH im Validator-Set fehlen bis dahin rund 20 Mio. ETH. Die Ausgangslage beziffert der Entwurfstext selbst. Auf dem Consensus Layer liegt die jährliche Rendite bei rund 2.62 Prozent. Das entspricht einer Jahresausschüttung von etwa 1.054 Mio. ETH. Hinzu kommen bis zu 0.20 Prozent aus Execution-Layer-Rewards, also aus Transaktionsgebühren und Prioritätszahlungen. Insgesamt kommt ein Validator damit auf bis zu 2.82 Prozent brutto.
Sinken würde die Rendite jedoch schon weit unterhalb der Schwelle. Nach vollständiger Einführung bliebe von den 2.62 Prozent bei der heutigen Staking-Quote nur noch rund 1.2 Prozent. Sprunghaft vollzieht sich die Umstellung trotzdem nicht. Die Autoren sehen eine Einführungsrampe über rund 18 Monate vor, die nahe am heutigen Reward-Niveau beginnt. Zunächst würden die Staker daher kaum eine Veränderung ihrer Erträge bemerken. Diese gestreckte Einführung soll ungeordnete Ausstiegswellen aus dem Validator-Set verhindern.
Sicherheitsargument der Forscher gegen eine zu hohe Staking-Quote
Die Forscher begründen den Eingriff mit einem Sicherheitsargument, das der verbreiteten Intuition widerspricht. Mehr hinterlegtes Kapital gilt gemeinhin als mehr Sicherheit. Der Entwurfstext hält dagegen. Der Grenznutzen von zusätzlichem Stake für die ökonomische Sicherheit sinke, während sich mehrere Risiken gleichzeitig verschärften. Jenseits eines bestimmten Niveaus mache zusätzlicher Stake Ethereum deshalb weniger sicher statt sicherer.
Neu ist die Debatte nicht. Jérôme de Tychey verweist darauf, dass ein vergleichbarer Vorschlag bereits 2024 zur Debatte stand. Zu einer Umsetzung kam es dennoch nicht. Der Mitautor und Präsident von Ethereum France argumentiert folglich vor allem über den Zeitpunkt. Überschreitet die Staking-Quote die Marke von 50 Prozent, fällt die Korrektur nach seiner Darstellung deutlich teurer aus.
"Wer jetzt handelt, lässt den Markt sich unterhalb von 50% einpendeln. Wer erst nach dem Überschiessen handelt, muss ein deutlich grösseres Ungleichgewicht korrigieren, mit mehr erzwungenen Ausstiegen und mehr Disruption für jeden Teilnehmer. Der sanfte Weg steht nur jetzt offen." - Jérôme de Tychey, Mitautor des Vorschlags und Präsident von Ethereum France
Die Logik zielt auf die Marktreaktion. Sinkende Renditen sollen Kapital aus dem Validator-Set abziehen, bevor die Quote die Schwelle erreicht. Der Vorschlag steuert die Nachfrage nach Staking somit über den Preis und nicht über eine feste Obergrenze. Für Validatoren verschiebt sich die Kalkulation mit jedem Prozentpunkt, den die Quote zulegt. Wer weiterhin staken will, kann das tun, allerdings zu einer schrumpfenden Rendite. Ob sich der Markt tatsächlich unterhalb von 50 Prozent einpendelt, kann der Entwurf jedoch nicht garantieren.
Kritik aus der gesamten DeFi-Branche
Stani Kulechov, CEO von Aave Labs, widerspricht dem Vorschlag am schärfsten. Hinter dem Unternehmen steht das gleichnamige DeFi-Kreditprotokoll, in dem Nutzer ETH als Sicherheit hinterlegen und dagegen Kredite aufnehmen. Öffentlich äusserte er sich Anfang August, also kurz nach Eröffnung der Forumsdiskussion. Der Vorschlag erreiche sein Ziel nicht und schade Ethereum sogar aktiv, kritisierte er. Für DeFi mache der Wechsel zu einer Rendite von null die gängigen ETH-Kreditvergabe-Strategien grösstenteils unrentabel. Ganze Anwendungsfälle für Kreditvergabe und Rendite auf ETH-Basis fielen folglich weg.
Die Kritik reicht über einzelne Protokolle hinaus. Solo-Staker gelten als besonders exponiert, zumal sie stärker auf laufende Rewards angewiesen sind als grosse institutionelle Anbieter. Kleine Betreiber tragen zudem fixe Kosten für Hardware und Betrieb, die sich bei sinkender Rendite schwerer decken lassen. Liquid-Staking-Token wie stETH verlören ebenso an Attraktivität, weil ihr Ertrag unmittelbar aus den Validator-Rewards stammt.
Die betroffenen Beträge sind erheblich. Liquid-Staking-Protokolle verwalten derzeit rund 34.9 Mrd. USD, davon allein rund 17.6 Mrd. USD bei Lido. Gemessen an einer ETH-Marktkapitalisierung von rund 225 Mrd. USD entspricht das gut 15 Prozent des Netzwerkwerts. Nach Darstellung der Kritiker dient die Staking-Rendite in DeFi-Kreditmärkten ausserdem als Referenz für zahlreiche Zinsstrategien. Fällt sie weg, verlieren letztlich auch die darauf aufbauenden Anwendungen ihre Grundlage.
Zeitdruck vor dem Hegotá-Upgrade
Wenige Tage vor der Frist für Non-Headliner-EIPs zum kommenden Hegotá-Upgrade reichten die Autoren den Entwurf ein. Das Upgrade folgt auf Glamsterdam von Anfang 2026 und ist für Ende 2026 terminiert. Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf Skalierung und Effizienz. Eine offizielle EIP-Nummer trägt der Entwurf bislang nicht. Kursierende Bezeichnungen wie EIP-8361 und EIP-8363 stammen hingegen aus Medienberichten. Über die Aufnahme ins Upgrade-Paket entscheiden zunächst die Core-Entwickler.
Dahinter steht eine ältere Grundsatzfrage. Anders als Bitcoin mit seinen fixen 21 Millionen Coins kennt Ethereum kein hartes Angebotslimit. Die Geldpolitik bleibt daher über Protokollparameter verhandelbar. Die bislang bedeutendste Änderung war EIP-1559 aus dem Jahr 2021, das mit dem Base-Fee-Burn einen Teil der Transaktionsgebühren vernichtet. Bei hoher Netzwerknachfrage wirkt Ethereum seither zeitweise deflationär. Der neue Entwurf würde dieses Instrument nun ebenfalls auf die Emissionsseite ausdehnen.
Nicht alle sehen darin ein Problem. Grayscale-Research-Chef Zach Pandl wertet ein sinkendes Angebotswachstum als positiven Faktor für ETH. Das Netzwerk schüttet seine Cashflows schliesslich über die Inflation aus. Ein Unternehmen zahlt Dividenden, Ethereum vergütet über neu emittierte Coins. Der Vorstoss kommt zudem rund einen Monat nach der überarbeiteten Strawmap der Ethereum Foundation, die ein extrem schlankes Ethereum skizziert. Den Streit tragen die Core-Entwickler nun im Forum aus.








