FUD ist ein Akronym aus der IT-Branche, das die Verbreitung angsterzeugender, verunsichernder oder Zweifel weckender Informationen über ein Produkt, ein Unternehmen oder ein Krypto-Asset bezeichnet. In Kryptomärkten zielt FUD auf Verkaufsdruck. Erzeugt die Information nachweislich falsche Signale zu Angebot, Nachfrage oder Kurs, greift in der EU und der Schweiz das Verbot der Marktmanipulation.
Den heutigen Wortsinn prägte Gene Amdahl 1975, nachdem er IBM verlassen und die Amdahl Corporation gegründet hatte. Ursprünglich bezeichnete FUD damit die Angst, die IBM-Verkäufer bei Kunden weckten, die ein Konkurrenzprodukt erwogen. Richard Thomas DeLamarter hielt 1986 in „Big Blue: IBM's Use and Abuse of Power" fest, FUD sei für IBM eine höchst wirksame Waffe gewesen und geblieben. Später wanderte der Begriff aus dem IT-Vertrieb in die Finanzmärkte.
Wann wird FUD zu Marktmanipulation
Massgeblich ist nicht die negative Tonalität einer Aussage, sondern ihre Unwahrheit. In der Schweiz verbietet Art. 143 FinfraG seit dem 1. Januar 2016 die öffentliche Verbreitung von Informationen, die falsche oder irreführende Signale für Angebot, Nachfrage oder Kurs geben. Die Norm greift allerdings nur, wenn die verbreitende Person diese Wirkung kennt oder kennen muss. Erfasst sind zudem allein Effekten, die an einem Schweizer Handelsplatz oder einem DLT-Handelssystem zum Handel zugelassen sind. Für Token, die nicht als Effekten gelten, besteht deshalb eine Regelungslücke.
Die EU zog nach. Titel VI der MiCA-Verordnung errichtet seit dem 30. Dezember 2024 ein Marktmissbrauchsregime für Krypto-Assets nach dem Vorbild der EU-Marktmissbrauchsverordnung. Als Marktmanipulation gilt dort nach Art. 91 auch die Verbreitung von Informationen über beliebige Medien, die falsche oder irreführende Signale zu einem Krypto-Asset geben. Vorausgesetzt ist ebenfalls, dass die verbreitende Person die Unrichtigkeit kannte oder hätte kennen müssen. Dieselbe Norm erfasst zudem das Scalping, also die Meinungsäusserung zu einem Krypto-Asset bei eigener, davon profitierender Position ohne Offenlegung. In den USA untersagt ausserdem Rule 10b-5 der US-Börsenaufsicht SEC unwahre Angaben zu wesentlichen Tatsachen beim Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers.
| Jurisdiktion | Norm | Verbotene Handlung | In Kraft seit |
|---|---|---|---|
| Schweiz | Art. 143 FinfraG | Verbreitung von Informationen mit falschen oder irreführenden Signalen zu Angebot, Nachfrage oder Kurs zugelassener Effekten | 1.1.2016 |
| EU | Art. 91 Abs. 2 lit. e MiCA | Verbreitung falscher oder irreführender Signale zu einem Krypto-Asset über beliebige Medien, sofern die Person die Unrichtigkeit kannte oder kennen musste | 30.12.2024 |
| EU | Art. 91 Abs. 3 lit. f MiCA | Meinungsäusserung zu einem Krypto-Asset bei eigener, profitierender Position ohne Offenlegung des Interessenkonflikts | 30.12.2024 |
| USA | SEC Rule 10b-5 | Unwahre Angaben zu wesentlichen Tatsachen beim Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers | 1942 |
Falschmeldung über den gekaperten SEC-Account
Im Januar 2024 übernahm Eric Council Jr. per SIM-Swap eine Mobilnummer, die auf die US-Börsenaufsicht registriert war. Das verschaffte seinen Mitverschwörern folglich Zugriff auf den X-Account der Behörde. Über das gekaperte Konto erschien die falsche Meldung, die SEC habe Spot-Bitcoin-ETFs genehmigt. Der Bitcoin-Kurs stieg unmittelbar danach, fiel nach der Richtigstellung jedoch um mehr als 2'000 USD. Council erhielt dafür eine Haftstrafe von 14 Monaten.
Der Fall zeigt die Wirkungskette in beide Richtungen. Die gefälschte Meldung war positiv formuliert und trieb den Kurs zunächst nach oben. Erst die Richtigstellung löste den Einbruch aus. Das Gericht verurteilte Council nicht wegen Marktmanipulation, sondern wegen Verschwörung zu schwerem Identitätsdiebstahl und Betrug mit Zugangsdaten. Für die Marktmissbrauchsverbote in der Schweiz und der EU wäre die Stossrichtung ebenfalls unerheblich. Sie setzen an falschen Signalen zu Angebot, Nachfrage oder Kurs an, unabhängig davon, in welche Richtung sie wirken.
Wo FUD aufhört und berechtigte Kritik anfängt
FUD und FOMO beschreiben gegensätzliche Reflexe. FOMO erzeugt Kaufdruck durch die Angst, eine Gelegenheit zu verpassen, FUD hingegen Verkaufsdruck durch Angst und Zweifel. Spiegelbildlich verhält sich FUD auch zu Pump and Dump. Dort treibt positive Falschinformation den Kurs, bevor die Urheber ihre Position verkaufen. Beim Gegenstück, im Fachjargon „short and distort", baut die manipulierende Partei zunächst eine Position auf, die von fallenden Kursen profitiert. Danach verbreitet sie negative oder frei erfundene Meldungen und realisiert letztlich den Gewinn nach dem Kursrückgang.
Der Rechtsrahmen knüpft allerdings an die Unwahrheit an, nicht an die Tonalität. Zutreffende, belegte Kritik an einem Projekt ist deshalb kein FUD im Rechtssinn, auch wenn sie denselben Marktreflex auslöst. Ein Beispiel ist der CoinDesk-Bericht zu Alamedas Bilanz kurz vor dem Kollaps von FTX. Der Bericht traf zu und war damit kein Fall von Marktmanipulation.
Wenige Tage nach diesem Bericht kündigte der damalige Binance-Chef Changpeng Zhao am 6. November 2022 per Tweet an, die eigenen FTT-Bestände zu verkaufen. Daraufhin setzte bei FTX eine Abhebungswelle ein. Kurz darauf stellte die Börse die Auszahlungen ein und meldete Insolvenz an. Zwei Jahre später verklagte die FTX-Konkursmasse Binance und Zhao auf Rückerstattung von 1.76 Mrd. USD. In der Klageschrift bezeichnet sie diese Tweets, nicht die vorangegangene Berichterstattung, als falsch, irreführend und betrügerisch. In der Sache hat darüber bislang jedoch kein Gericht entschieden. Diese Einordnung ist der Vorwurf der Konkursmasse, keine gerichtliche Feststellung.









