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    Sie sind hier:Home»Fokus»Legal/Compliance»Zondacrypto-Skandal trifft Polens MiCA-Endspurt
    Polens Sejm berät vier MiCA-Entwürfe, während im Zondacrypto-Fall die Zuger Divisio Holding AG zunehmend ins Zentrum der Ermittlungen rückt.

    Zondacrypto-Skandal trifft Polens MiCA-Endspurt

    von Redaktion cvj.ch am 15. Mai 2026 Legal/Compliance

    In Polen laufen zwei Geschichten parallel: Der Sejm sucht in letzter Minute einen Konsens zur nationalen Umsetzung der EU-Krypto-Verordnung MiCA, während das Strafverfahren gegen die grösste polnische Krypto-Börse Zondacrypto immer weitere Kreise zieht.

    Polen war bis zuletzt das einzige EU-Mitglied ohne MiCA-Umsetzungsrecht; die Frist endet am 1. Juli 2026. Der polnische Sejm führte am 12. Mai 2026 die erste Lesung von vier konkurrierenden Gesetzentwürfen durch und überwies sie an den Finanzausschuss. Parallel ermittelt die Staatsanwaltschaft Katowice seit dem 17. April gegen Zondacrypto wegen Verdachts auf grossangelegten Betrug und Geldwäsche. Der dokumentierte Mindestschaden beträgt 350 Mio. Zloty (83 Mio. EUR). Premierminister Donald Tusk beziffert die Zahl der mutmasslichen Opfer auf rund 30'000.

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    Vier Entwürfe, eine Deadline

    Die vier Vorlagen stammen von der Regierungskoalition, von Präsident Karol Nawrocki sowie von den Fraktionen Polska 2050 und Konfederacja. Regierungs- und Präsidialvorschlag konvergieren weitgehend: Beide sehen die Finanzaufsichtsbehörde KNF als zuständige Behörde vor. Die Hauptdifferenzen betreffen die Reichweite der Befugnisse zum Sperren von Krypto-Konten sowie die Höhe der Sanktionen. Polska 2050 schlägt zusätzlich vor, Banken die Erbringung von Krypto-Dienstleistungen zu erlauben.

    Der zeitliche Druck ist beträchtlich. Denn die EU-Deadline für CASP-Lizenzen nach MiCA bleibt der 1. Juli 2026. Ohne nationale Umsetzungsvorschriften können polnische Anbieter keine MiCA-Lizenz beantragen, während EU-Konkurrenten unter der Dienstleistungsfreiheit weiterhin in Polen aktiv sein dürfen. Eine frühere Vorlage hatte der Sejm bereits am 19. Dezember 2025 mit 241 zu 183 Stimmen angenommen. Nawrocki legte allerdings zweimal sein Veto ein, zunächst im Dezember 2025 und erneut im Februar 2026.

    Das frühere Gesetzespaket sah Bussen bis zu 10 Mio. Zloty sowie Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren bei Verstössen gegen CFT-Regeln vor. KNF-Lizenzverfahren dauern bereits heute im EU-Vergleich am längsten, nämlich durchschnittlich 30 Monate. Die polnische Branche warnt entsprechend, das Vorhaben gehe über den EU-Standard hinaus und könnte Anbieter zur Abwanderung in andere Mitgliedstaaten bewegen.

    Der Zondacrypto-Fall als Beleg

    Wie sehr ein regulatorisches Vakuum Anleger trifft, zeigt der parallele Kollaps von Zondacrypto. Die Plattform startete 2014 in Katowice als BitBay und operierte unter einer estnischen Lizenz, faktisch ausserhalb der unmittelbaren Reichweite polnischer Regulatoren. Die KNF hatte das Unternehmen zwar bereits 2018 auf ihre öffentliche Warnliste gesetzt, blieb aber ohne durchgreifende Sanktionsmöglichkeiten.

    Die Zuger Blockchain-Forensik Recoveris dokumentierte den Abfluss. Die Bitcoin-Bestände in den Hot Wallets sanken von 55.7 BTC im August 2024 auf 0.07 BTC am 1. April 2026, ein Rückgang von 99.7% innerhalb von 20 Monaten. Zwischen Dezember 2025 und April 2026 registrierte Recoveris 511 Transaktionen zu Kraken-Wallets im Gesamtvolumen von rund 21 Mio. USD, davon 4.59 Mio. USD in Bitcoin. CEO Przemysław Kral soll sich nach Israel abgesetzt haben; seine israelische Staatsbürgerschaft erschwert eine Auslieferung.

    Tusk verknüpfte den Fall direkt mit den blockierten Gesetzgebungsverfahren. Er warf Nawrocki vor, beide Vetos eingelegt zu haben, obwohl der Präsident zu diesem Zeitpunkt von den finanziellen Schwierigkeiten und den politischen Verbindungen Zondacryptos gewusst habe. Die Börse soll über 700'000 Zloty an Stiftungen gespendet haben, die mit Ex-Justizminister Zbigniew Ziobro sowie einem Konfederacja-Abgeordneten verbunden sind.

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    Die Zuger Holdingstruktur

    Die operative Gesellschaft hinter Zondacrypto ist die estnische BB Trade Estonia OÜ. Mehrheitseignerin ist die Divisio Holding AG mit Sitz an der Baarerstrasse 78 in Zug, registriert unter der Adresse von Dr. André Terlinden. Die Gesellschaft entstand am 24. Juni 2021 (UID CHE-161.370.248, Aktienkapital CHF 100'000). Terlinden schied am 27. April 2026 aus dem Verwaltungsrat aus, eine Woche nach dem Rücktritt des estnischen Aufsichtsrats.

    Am 20. April trat das gesamte Kontrollgremium von BB Trade Estonia geschlossen zurück: Veronika Togo, Guido Bühler und Georgi Džaniašvili. Bühler ist Mitgründer und ehemaliger CEO der SEBA Bank (Zug), die heute als Amina Bank firmiert; zuvor war er im Verwaltungsrat der UBS Investment Bank tätig. Er stiess im Oktober 2023 als Non-Executive Director zu Zondacrypto. Das Gremium begründete den Schritt mit "wesentlichen Inkonsistenzen zwischen öffentlichen Aussagen, operativer Realität und den dem Aufsichtsrat zuvor gelieferten Informationen" sowie mit einem "systematischen Auseinanderfallen von Governance-Grundlagen". Der Aufsichtsrat erfuhr von der Krise erst durch polnische Medienberichte, nicht durch das Management.

    Die Schweizer Spuren reichen weiter. Zondacrypto eröffnete im Januar 2025 ein Büro in Zug und ging eine Partnerschaft mit der Incore Bank ein. CEO Kral bezeichnete die Schweiz damals als Schlüsselmarkt der globalen Expansionsstrategie. Seit rund einem Jahr trägt die Heimspielstätte des HC Davos den Namen "zondacrypto-Arena". Auch das Sponsoring des Frauen-Radsport-WorldTeams Canyon-SRAM steht infolge der Ermittlungen unter Vorbehalt.

    Was bleibt

    Auffällig ist die Asymmetrie der beiden Rechtsräume. Die Schweiz schuf mit dem DLT-Gesetz und der FINMA-Aufsicht ab 2021 einen klaren Rahmen, bevor grössere Skandale auftraten. Polen verhandelt nun parallel zur strafrechtlichen Aufarbeitung eines Milliarden-Falls über die Grundzüge seiner Aufsicht. Die Zondacrypto-Akte dürfte die Debatte im Sejm prägen, insbesondere bei der Frage, wie weit die KNF-Befugnisse zum Eingriff in operative Plattformen reichen sollen.

    Offen bleibt der Verbleib einer Cold Wallet mit rund 4'500 BTC. Gründer Sylwester Suszek, seit März 2022 als vermisst gemeldet, soll als einziger die privaten Schlüssel halten. Kral verweist zwar öffentlich auf diese Reserven, kann den Zugang aber nicht belegen. Daneben steht der Vorwurf eines Transfers von 76 Mio. Zloty an eine andere Börse im Raum, den der CEO bestreitet. Polnische Olympia-Athleten warten ausserdem auf 1.1 Mio. Zloty in tokenbasierten Medaillenprämien.

    Bis zum 1. Juli 2026 bleiben dem Sejm knapp sieben Wochen für eine Vorlage, die Nawrocki zur Unterschrift bewegen kann. Gelingt das nicht, operiert der grösste Krypto-Markt Osteuropas weiterhin in einer regulatorischen Grauzone, während EU-Konkurrenten unter MiCA die Lizenzierungsverfahren in Frankfurt, Paris oder Vilnius längst abgeschlossen haben.

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    Redaktion cvj.ch

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