Die Demokraten übernehmen nach den US-Zwischenwahlen im November 2026 beide Kammern des Kongresses. Für die Krypto-Branche schwinden folglich die Chancen auf das lange geplante Marktstruktur-Gesetz.
Bei den Zwischenwahlen zur Mitte einer Amtszeit wählen die USA das ganze Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats neu. Die neuen Mehrheiten entscheiden, wer Gesetze schreibt und wer die Aufsicht über einzelne Branchen führt. Die Krypto-Branche nimmt darauf hauptsächlich über Super-PACs Einfluss, also über Wahlkampfkomitees. Dazu zählt Fairshake, hinter dem vor allem Coinbase, Ripple und Andreessen Horowitz als Geldgeber stehen. Zuvor fand die Branche zwei Jahre lang ein freundliches Klima in Washington vor. In dieser Zeit wurde der GENIUS Act für Stablecoins Gesetz. Der Clarity Act, ein umfassendes Marktstruktur-Gesetz, scheiterte hingegen im September 2026 im Senat. Im Wahlkampf gaben Krypto-PACs insgesamt 170 Mio. USD aus. Die Lobbygruppe Stand With Crypto zählt unter den Gewählten 19 kryptofreundliche Senatoren und 226 Abgeordnete. Ihnen stehen nach dieser Eigenzählung 8 kryptokritische Senatoren und 106 Abgeordnete gegenüber.
Sherrod Brown kehrt trotz Gegenwehr von 60 Mio. USD zurück
In Ohio setzte sich der Demokrat Sherrod Brown gegen den Republikaner Jon Husted durch. Bis zur offiziellen Zertifizierung bleibt der Sieg inoffiziell. Es ging um eine Sonderwahl für die verbleibende Amtszeit von JD Vance, der zuvor ins Amt des Vizepräsidenten gewechselt war. Stand With Crypto hatte Husted unterstützt und ihn als Kandidaten eingestuft, der Krypto „stark unterstützt". Husted hatte ausserdem den GENIUS Act befürwortet. Brown könnte bereits Mitte Dezember 2026 in den Senat zurückkehren.
Für die Branche ist das Resultat eine teure Niederlage. Kurz nach dem Scheitern des Clarity Act im Senat sagte Fairshake im September 30 Mio. USD gegen Brown zu. Insgesamt gaben kryptofreundliche PACs in Ohio über 60 Mio. USD gegen ihn aus. Schon 2024 hatte Fairshake 12 Mio. USD für den Republikaner Bernie Moreno ausgegeben, der Brown damals schlug. Zweimal investierte die Branche somit gegen denselben Politiker, 2026 allerdings ohne Erfolg.
Brown leitete früher das Senate Banking Committee, das im Senat für digitale Assets zuständig ist. Er gilt als kryptokritisch. Mit seiner Rückkehr könnte der Demokrat daher eine führende Rolle bei Aufsicht und Regulierung der Branche übernehmen. Ausgerechnet jener Senator, den die Branche zweimal aus dem Senat fernhalten wollte, würde damit über ihre künftigen Regeln mitbestimmen. Die Strategie, kryptokritische Kandidaten gezielt mit PAC-Geldern zu bekämpfen, stösst in Ohio letztlich an ihre Grenze.
Für den Clarity Act schwindet im Kongress die Mehrheit
Der Clarity Act sollte die Marktstruktur für digitale Assets in den USA umfassend regeln. Das Repräsentantenhaus verabschiedete den Entwurf bereits 2025, im Senat kam er jedoch nicht voran. Mitte September 2026 scheiterte das Gesetz dort schliesslich an einer Verfahrensabstimmung. Senatsdemokraten begründeten ihre Ablehnung mit Präsident Donald Trump. Sie könnten kein Gesetz mittragen, das ihm persönliche Gewinne aus der Krypto-Branche erlaube.
Die Washington Research Group von TD Cowen hält einen Fortschritt des Gesetzes in den nächsten zwei Jahren inzwischen für unwahrscheinlich. Managing Director Jaret Seiberg begründet das in einer Notiz nach der Wahl mit Browns Sieg in Ohio. Bereits vor der Wahl hatte das Analysehaus die Chancen für 2026 je nach Notiz nur auf 25 bis 33% veranschlagt. Galaxy Research hatte im Juni noch 50% angesetzt, später senkte das Haus seine Schätzung auf 10%. Das Wahlergebnis verschärft diese Skepsis.
Nach Einschätzung von TD Cowen verlagert sich der Druck auf die Branche somit von der Gesetzgebung auf Untersuchungen. Seiberg erwartet, dass die Demokraten Trumps Verflechtungen mit der Krypto-Branche prüfen, einschliesslich seiner Verbindungen zu World Liberty Financial. Damit endet für die Branche eine Phase, in der Washington ihre Anliegen eher förderte als bremste. Als greifbares Ergebnis bleibt vorerst der GENIUS Act, der den Stablecoin-Markt regelt.
Die Branche streitet über den Ertrag ihrer 170 Mio. USD
Fairshake und seine beiden Schwester-PACs gaben in Vorwahlen und Hauptwahl zusammen 154.5 Mio. USD aus. Die 170 Mio. USD hingegen umfassen alle Krypto-PACs, die sich an den Zwischenwahlen beteiligten. Die Einnahmen von Fairshake beziffert die Organisation Americans for Financial Reform auf 106.2 Mio. USD, allerdings für einen anderen Zeitraum. Ebenso wie in Ohio engagierte sich das Netzwerk in weiteren umkämpften Rennen im ganzen Land. In Nebraska etwa setzte es über 13 Mio. USD gegen den unabhängigen Kandidaten Dan Osborn ein, der den Republikaner Pete Ricketts herausforderte.
Gleichzeitig zeigt sich in der Branche eine neue Spaltung über diese Strategie. Eine Branchenquelle, die anonym bleiben wollte, stellt vor allem die Ausgaben gegen Brown in Frage. Sie fragt, was die Branche davon letztlich gehabt habe. Statt PAC-Millionen plädiert die Quelle für klassisches Lobbying vor Ort, also für die direkte Arbeit mit Abgeordneten. Mit einem Bruchteil des Geldes hätte man nach ihrer Darstellung ganz Washington für den Clarity Act einspannen können. Der Einwand gewinnt an Gewicht, zumal Brown nun als Wahlsieger gegen die Branche in den Senat zurückkehrt. Fairshake hält trotzdem an seinem Kurs fest.
„Fairshake hat 2026 eine bedeutende Rolle beim Gewinn umkämpfter Rennen im ganzen Land gespielt, und wir werden das 2028 wieder tun." - Geoff Vetter, Sprecher von Fairshake
Vetter ergänzte, 2028 sei „eine neue Karte". Dann stehen neben dem Repräsentantenhaus erneut Senatssitze und das Präsidentenamt zur Wahl. Bis dahin muss die Branche jedoch mit einer Mehrheit arbeiten, gegen deren Kandidaten sie teils Wahlkampf geführt hat.
Steuern, Hacks und Untersuchungen bestimmen die neue Agenda
Die Wahl fiel in die Tage nach dem grössten Krypto-Hack aller Zeiten. Ende Oktober 2026 erbeuteten Angreifer bei der Krypto-Börse Binance rund 6.3 Mrd. USD. Wenige Tage später öffnete die Börse Auszahlungen für 15 Netzwerke wieder. Das FBI schreibt den Angriff der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu. Im Kongress liefert der Fall der künftigen Mehrheit folglich zusätzlichen Stoff für die Debatte über Aufsicht und Sicherheit.
Die Kryptobank Anchorage Digital zählt Steuern sowie Sicherheit und Hacks zu den Themen, die nun auf die Agenda rücken. Zudem erwartet TD Cowen Untersuchungen zu Trumps Krypto-Geschäften. Für Gesetze, die die Branche selbst anstrebt, bleibt deshalb wenig Raum.
Öffentlich gibt sich die Branche dennoch zuversichtlich. Kara Calvert, Vice President U.S. Policy bei Coinbase, erwartet im kommenden Jahr Gegenwind für jede überparteiliche Gesetzgebung. Niemand stecke aber den Kopf in den Sand, schrieb sie auf X, Krypto sei „zu 100% überparteilich". Coinbase, Anchorage und Fairshake setzen ausserdem auf jüngere Abgeordnete beider Parteien, die sie für technologieoffener halten.








