Der Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments hat den Rechtsrahmen für den digitalen Euro genehmigt und Trilog-Verhandlungen angeordnet. Das Plenum stimmt voraussichtlich Anfang Juli ab, danach beginnen die eigentlichen Verhandlungen zwischen Parlament, EU-Rat und Kommission.
Der digitale Euro ist eine von der Europäischen Zentralbank garantierte elektronische Währung, die über Banken und Fintechs an die Bevölkerung verteilt werden soll. Für Nutzer fallen weder Zinsen noch Kosten an. Geplant sind eine Online- und eine Offline-Version, die Handy-zu-Handy-Zahlungen ohne Internet mit bargeldähnlichem Datenschutz ermöglicht. Der EZB-Rat startete das Projekt bereits im Juli 2021; die Vorbereitungsphase mit Rulebook-Entwicklung, Ausschreibungen und über 70 Partner-Institutionen lief von November 2023 bis Oktober 2025. Im Dezember 2025 legte zudem der EU-Rat seine Verhandlungsposition fest. Die Entwicklungskosten bis zum Launch beziffert das EZB-Eurosystem auf rund 1.3 Mrd. EUR. Hinzu kommen ab 2029 Betriebskosten von etwa 320 Mio. EUR jährlich. Letztlich ist der vollständige Start für 2029 geplant, sofern die Regulierung noch 2026 verabschiedet wird.
Trilog als nächster Schritt auf der Zielgeraden
Mit dem Votum des ECON-Ausschusses beginnt die entscheidende Phase der Gesetzgebung. Der Ausschuss ordnete sogenannte Trilog-Verhandlungen an, in denen sich Europäisches Parlament, EU-Rat und Europäische Kommission auf einen gemeinsamen Gesetzestext einigen müssen. Der EU-Rat hatte seine Verhandlungsposition bereits im Dezember 2025 abgesteckt, sodass nun alle drei Institutionen am Tisch sitzen. Vorbehaltlich eines Einspruchs im Plenum stimmt das Parlament voraussichtlich vom 6. bis 9. Juli ab; schliesslich wird die finale gesetzliche Genehmigung bis Ende 2026 angestrebt.
Einer der härtesten Streitpunkte im Trilog betrifft jedoch das Geld. Teilnehmende Banken müssten über vier Jahre 4 bis 5.8 Mrd. EUR an Einrichtungskosten tragen, und die Frage ihrer Entschädigung ist noch offen. Gegenwind kam dabei aus dem Parlament selbst: Siegbert Frank Droese von der Gruppe Europa der Souveränen Nationen bestätigte, seine Fraktion habe gegen den Vorschlag gestimmt, und auch die Patrioten für Europa um Auke Zijlstra äusserten sich kritisch. Markus Ferber, führendes ECON-Mitglied, begründete das Vorhaben hingegen mit der geopolitischen Abhängigkeit Europas: In Zeiten geopolitischer Spannungen könne man nicht länger akzeptieren, dass digitale Zahlungen weitgehend vom guten Willen einiger weniger ausländischer Anbieter abhingen.
Visa und Mastercard dominieren Europas Zahlungsverkehr
Hinter dem politischen Willen steht eine konkrete Abhängigkeit. Rund zwei Drittel aller Kartentransaktionen in der Eurozone werden von Nicht-EU-Unternehmen abgewickelt, allen voran Visa und Mastercard. Beide Anbieter verarbeiten zusammen über 7 Bio. EUR an europäischen Zahlungen und halten 61% der Kartentransaktionen. Die EZB warnt daher, ohne eigene öffentliche Infrastruktur drohe eine „digitale Dollarisierung" und damit ein Verlust monetärer Souveränität.
Die Dringlichkeit nahm seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus spürbar zu, da Zölle und Abhängigkeitsdebatten die strategische Verwundbarkeit Europas offenlegten. Trump untersagte der Federal Reserve gleichzeitig die Ausgabe einer eigenen digitalen Währung, während andere Länder voranschreiten. China testet den digitalen Yuan bereits im Grossmassstab, Indien und Brasilien führen Pilotversuche durch, und Grossbritannien konzentriert sich vorerst auf Forschung.
Innenpolitisch bleibt das Projekt allerdings ein schwieriger Verkauf. Laut einem EZB-Bericht aus dem Jahr 2025 stehen 58% der europäischen Konsumenten digitalen Euro-Transaktionen zögerlich gegenüber. Der politische Wille trifft somit auf eine Bevölkerung, deren Mehrwert gegenüber bestehenden Zahlungsmethoden offenbar noch nicht überzeugt.
Haltelimits und das Stabilitätsrisiko für Banken
Der zentrale Zielkonflikt des Projekts liegt im Bankensystem. Würden Bürger ihre Ersparnisse massenhaft in zentralbankgarantierte Wallets verschieben, könnten Geschäftsbanken einen erheblichen Teil ihrer Einlagenbasis verlieren. Deshalb ist ein Haltelimit pro Person vorgesehen. EZB-Simulationen zeigen, dass bei einer Obergrenze von 3'000 EUR bis zu 699 Mrd. EUR aus Eurozonbanken abfliessen könnten, was rund 8.2% aller Retail-Sichteinlagen entspricht. Besonders kleine Marktteilnehmer und Retail-Banken wären betroffen, wobei die 3'000 EUR bislang ein Simulations-Szenario und kein beschlossener Wert sind.
Über die endgültige Höhe entscheidet später die Europäische Kommission auf Basis einer EZB-Empfehlung, mit einer Überprüfung mindestens alle zwei Jahre. Unternehmen dürfen digitale Euro zudem nicht länger als 24 Stunden halten, und für Kleinunternehmer sowie Selbstständige gilt eine Ausnahme von der Annahmepflicht. Diese Design-Entscheide zeigen, wie stark der Schutz des bestehenden Bankensystems das Modell prägt.
Datenschutz und die Risiken einer programmierbaren Währung
Der Schutz der Privatsphäre zählt zu den zentralen Anliegen der Entwicklung. Die EZB betont, dass Datenschutz von Beginn an integraler Bestandteil des Projekts sei. Geplant sind sowohl Online- als auch Offline-Zahlungen, bei denen nur Zahler und Empfänger die persönlichen Transaktionsdaten kennen. Gleichzeitig bleibt eine wirksame Betrugsprävention entscheidend für das Vertrauen in das neue Zahlungsmittel.
Trotz dieser Zusagen birgt eine digitale Zentralbankwährung (CBDC) diverse Risiken. Sie liesse sich programmieren, sodass Ausgaben eingeschränkt oder an Bedingungen geknüpft werden könnten. Technisch umsetzbar wären zudem negative Zinsen auf Guthaben, Kapitalverkehrskontrollen oder automatische Steuerabzüge. Eine lückenlose Transaktionsüberwachung könnte überdies die finanzielle Privatsphäre erheblich einschränken.
Stablecoins statt CBDC: Die USA wählen einen anderen Weg
Die globale Entwicklung digitaler Währungen prägt die Dynamik hinter dem digitalen Euro. Die EZB hofft, dass der von US-Präsident Donald Trump unterstützte Kurs auf dollargebundene Kryptowährungen den europäischen Gesetzgebungsprozess beschleunigt. Während Washington privat emittierte Stablecoins über regulatorische Leitlinien ins Finanzsystem integriert, hat es eine staatliche Zentralbankwährung zugleich untersagt. Damit tritt ein grundlegender Gegensatz zutage: Die EU setzt mit dem digitalen Euro auf staatlich kontrolliertes Zentralbankgeld, die USA hingegen auf ein dezentraleres Modell mit privatwirtschaftlich organisierten Stablecoins.







