Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat nach eigenen Angaben einen Plan mit Blockchain und Kryptowährungen in Auftrag gegeben, um die Wirtschaft auf mögliche Sanktionen vorzubereiten. Die Bank of Israel hält Krypto jedoch für ungeeignet, um Sanktionen zu umgehen, und widerspricht dem Regierungschef.
Sanktionen schneiden Staaten und Unternehmen vom Bankensystem und vom internationalen Zahlungsverkehr ab. Kryptowährungen laufen hingegen über Blockchains ohne Bank als Mittelsmann und gelten deshalb als möglicher Umweg. Netanyahu steht als Premierminister an der Spitze einer Koalition unter Führung seiner Likud-Partei. Seine Aussage fiel im Oktober 2026 in einem Interview mit dem Sender Channel 10, das Roy Katz führte. Zuvor hatten Grossbritannien, Frankreich und Kanada im September angekündigt, Importe aus israelischen Siedlungen im Westjordanland zu blockieren. Neben der Notenbank stellten sich mehr als 100 Ökonomen in einem offenen Brief gegen den Vorstoss. Gleichzeitig steht Israel vor der Parlamentswahl am Dienstag, 27. Oktober 2026. Umfragen deuten auf ein Patt.
Netanyahu bestätigt einen Auftrag, nennt aber keine Details
Zunächst sprach Netanyahu im Interview von möglichen Sanktionen gegen Israel, ausdrücklich auch von Banksanktionen. Das Land müsse daher eine Wirtschaft vorbereiten, die solche Massnahmen umgehen könne. Auf die Frage, ob Blockchain dafür eine Alternative sei, antwortete er bejahend.
"Eine davon, sicher. Ich habe bereits einen Plan dafür in Auftrag gegeben." - Benjamin Netanyahu, Premierminister Israels (Übersetzung des hebräischen Transkripts durch The Block)
Gemäss Reuters bejahte er auf Nachfrage ebenfalls, dass er damit Kryptowährungen meine, und nannte die Blockchain-Technologie als weitere Möglichkeit. Was der Auftrag konkret umfasst, liess der Premier offen. Er nannte weder die Verantwortlichen noch eine bestimmte Blockchain oder Währung. Und ein Zeitplan für die Umsetzung fehlt ebenso. Somit liegt bislang eine Absichtserklärung vor, aber kein überprüfbares Konzept.
Eingebettet ist die Aussage in eine breitere Argumentation zur Selbstversorgung. Im selben Interview warnte Netanyahu zudem, die US-Militärhilfe werde irgendwann enden, das sei nur eine Frage der Zeit. Israel müsse folglich Munition und Waffen selbst herstellen können. Für die kommenden Jahre habe er dem Verteidigungsbudget zusätzlich 400 Mrd. Schekel (rund 129 Mrd. USD) zugewiesen. Ausserdem lobte er Donald Trump als freundlichsten US-Präsidenten, den es je gegeben habe, und bezweifelte, dass je wieder ein solcher folge.
Notenbank und über 100 Ökonomen widersprechen
Die Bank of Israel reagierte am Wochenende nach dem Interview mit einer öffentlichen Stellungnahme. Kryptowährungen könnten jedoch nicht als Weg dienen, Sanktionen zu umgehen, hielt die Notenbank fest. Stattdessen solle sich die Politik auf Massnahmen konzentrieren, die Sanktionen unnötig machen. Der richtige Kurs für die Wirtschaft sei deshalb, die Beziehungen zu den wichtigsten Handelspartnern zu erhalten und Sanktionen samt ihren Folgen zu verhindern. Ein solcher öffentlicher Rüffel der Notenbank an die eigene Regierung ist selten.
Ferner unterzeichneten mehr als 100 Ökonomen einen offenen Brief gegen den Plan. Darunter sind ehemalige Beamte der Bank of Israel, der frühere Notenbankchef Jacob Frenkel und mehrere Nobelpreisträger. Die Unterzeichner warnen vor höherer Arbeitslosigkeit, sinkenden Auslandsinvestitionen und dem Verlust von Israels wirtschaftlichem Ansehen. Als Vergleich verweisen sie zudem auf Südafrika, Iran und Russland.
Auch die Opposition griff den Vorstoss auf. Gadi Eisenkot, Netanyahus wichtigster Herausforderer, nannte den Plan „Wahnsinn" und sprach von einer „BibiCoin-Politik", die Unternehmen ins Ausland treibe. Jair Lapid kritisierte den Premier ebenfalls scharf. Der Widerspruch kommt somit aus der Notenbank und dem ökonomischen Establishment, nicht allein aus dem Lager des Wahlgegners.
Warum Sanktionen bei Krypto an den Börsen greifen
Russland liefert ein ausführlich dokumentiertes Fallbeispiel. Der rubelgedeckte Stablecoin A7A5 startete im Januar 2025, ausgegeben von der kirgisischen Firma Old Vector und gedeckt durch Einlagen bei der sanktionierten Promsvyazbank. Gemäss Elliptic wickelte der Token im ersten Jahr Transaktionen von über 100 Mrd. USD ab. Bereits im März 2025 hatten die USA, Deutschland und Finnland die Domains der Börse Garantex beschlagnahmt und über 26 Mio. USD eingefroren. Im August 2025 sanktionierte die US-Behörde OFAC schliesslich Old Vector, A7 LLC und die Garantex-Nachfolgebörse Grinex. Später verbot die EU mit ihrem 19. Sanktionspaket im Oktober 2025 Transaktionen mit A7A5. Elliptic beziffert den Rückgang des Volumens bis Juni 2026 auf 96% gegenüber dem Höchststand. Weiterhin untersagt das 20. Paket Geschäfte mit sämtlichen russischen und belarussischen Krypto-Dienstleistern.
Im Fall Iran setzt der Druck hingegen bei einem Stablecoin-Emittenten an. Tether fror 2026 nach eigenen Angaben knapp 550 Mio. USD an USDT ein, die US-Behörden der iranischen Zentralbank und Sanktionsnetzwerken zuordnen. Ausserdem sanktionierte OFAC im Juni 2026 die Börse Nobitex und drei weitere iranische Handelsplätze. Wie stark das Netzwerk von einem Emittenten abhing, zeigt ein Bericht des US-Senats. Demnach nutzten 84% von 846 iranbezogenen Wallets fast ausschliesslich USDT.
Was in der Debatte untergeht, ist der Ort, an dem Sanktionen bei Krypto greifen. Die Analysen von Elliptic legen nahe, dass Behörden an den Übergangsstellen ansetzen, also bei Börsen, Stablecoin-Emittenten und Fiat-Zugängen. Russland gewann über Krypto zwar zeitweise Spielraum, verlor ihn allerdings, sobald OFAC und die EU eingriffen. Im Fall Iran engten die Freezes von Tether und die Sanktionen gegen die Börsen den Spielraum deutlich ein. Überträgt man diese Logik auf Israel, wäre der Spielraum noch kleiner. Die Volkswirtschaft ist reguliert, und ihre Banken sind eng ins westliche Finanzsystem eingebunden. Wer Dollar-Stablecoins von Tether oder Circle nutzt, bliebe in Reichweite der Emittenten und damit der US-Behörden.
Israels Krypto-Infrastruktur bleibt im Bankensystem
Die bekannten Krypto-Vorhaben in Israel laufen innerhalb des regulierten Systems. Im März 2025 veröffentlichte die Bank of Israel ein vorläufiges Design für einen digitalen Schekel. Ein Emissionsentscheid steht allerdings noch aus, eine Empfehlung an den Gouverneur erwartet die Notenbank gegen Ende Jahr. Als digitale Zentralbankwährung wäre der Schekel per Konstruktion Teil des Bankensystems und taugt daher nicht als Umweg um Sanktionen. Für Krypto-Dienstleister gilt ebenso eine Lizenzpflicht bei der Capital Markets Authority. Die Wertpapieraufsicht ISA will ihre Definition von Wertpapieren auf digitale Vermögenswerte ausweiten, was rund 150 Firmen betrifft. Als erster an den Schekel gebundener Stablecoin läuft BILS des Anbieters Bits of Gold seit März 2024 auf Solana.
Politisch fällt der Vorstoss in eine offene Lage. Umfragen sehen weder Netanyahus Koalition noch das Oppositionsbündnis bei den für eine Mehrheit nötigen 61 Sitzen. In der letzten Maariv-Erhebung kommt die Opposition auf 54 Sitze, Netanyahus Block auf 48. Eisenkots Partei Yashar liegt dort mit 22 Sitzen vor dem Likud mit 19, wenngleich der Netanyahu-nahe Sender Channel 14 den Likud deutlich höher sieht. Auf demselben Sender sagte Netanyahu nach der Kritik, er höre den Widerstand und berücksichtige ihn. Solange er weder Verantwortliche noch Technik oder Zeitplan nennt, bleibt offen, ob aus dem Auftrag ein konkretes Vorhaben wird.








