Die People's Bank of China treibt den digitalen Yuan (e-CNY) auf breiter Front voran. Zinsen auf Guthaben, eine Verdoppelung der autorisierten Banken und ein grenzüberschreitendes Settlement-Netzwerk mit über 55 Mrd. USD Volumen markieren den Übergang vom Pilotprojekt zur strategischen Infrastruktur.
Der e-CNY ist die Digitalwährung der chinesischen Zentralbank, eine sogenannte digitale Zentralbankwährung (CBDC). Anders als ein Stablecoin oder ein Krypto-Asset repräsentiert er eine direkte Forderung gegen die PBOC und ist somit staatlich emittiertes Zentralbankgeld in digitaler Form. Ursprünglich lanciert wurde er 2019, mit ersten Piloten in Shenzhen, Suzhou und Beijing; ab 2022 folgte die schrittweise Ausweitung. Bis November 2025 summierte sich das kumulierte Transaktionsvolumen auf 16.7 Bio. CNY (rund 2.47 Bio. USD). Das entspricht allerdings nur etwa 6% eines einzigen UnionPay-Jahrgangs von 279 Bio. CNY. Im inländischen Retail-Zahlungsverkehr dominieren Alipay und WeChat Pay weiterhin unangefochten. Der strategische Schwerpunkt des e-CNY liegt deshalb auf institutionellem und grenzüberschreitendem Settlement, nicht auf der Konkurrenz um den Privatkunden.
Zinspflicht auf den digitalen Yuan bricht mit globalem CBDC-Standard
Seit dem 1. Januar 2026 zahlt die PBOC Zinsen auf e-CNY-Guthaben. Die Sätze entsprechen jenen für Sichteinlagen, abgerechnet wird quartalsweise am 20. des letzten Quartalsmonats. Eingeschlossen sind verifizierte Wallets der Kategorien 1 bis 3, also Privatpersonen und Firmen; anonyme Wallets der Kategorie 4 bleiben hingegen aussen vor. Weltweit galten CBDCs bislang als nicht verzinslich, um die Stabilität des Bankensystems zu wahren. Damit bricht China bewusst mit einem etablierten Konsens.
Für die Banken verschiebt die Reform zudem die Anreizstruktur grundlegend. e-CNY-Guthaben gelten neu als bilanzwirksame Einlagenverbindlichkeiten, also als On-Balance-Sheet-Posten. Ebenso zählen digitale Yuan-Einlagensalden und Kontonummern künftig zu den offiziellen Bewertungskennzahlen für die Institute. Folglich haben die Banken erstmals einen direkten geschäftlichen Anreiz, den Einsatz aktiv zu fördern statt ihn bloss zu dulden. Aus einem geduldeten Pilotprodukt wird damit eine bilanzrelevante Einlagenklasse, die im Wettbewerb der Institute eine messbare Grösse darstellt.
"Die Initiative transformiert die Rolle des digitalen Yuan von digitalem Bargeld zu digitalem Einlagengeld." - Lu Lei, stellvertretender Gouverneur, People's Bank of China
PBOC verdoppelt Operator-Banken und testet Smart Contracts im Fiskalsystem
Im April 2026 verdoppelte die Zentralbank die Zahl der autorisierten operativen Banken auf 22. Das bisherige Governance-Modell sah lediglich neun bis elf Operator-Banken vor. Der Schritt wiegt deshalb strukturell schwer, denn er verbreitert die Vertriebsbasis des e-CNY auf einen Schlag. Gleichzeitig erwägt die PBOC die Gründung eines Clearinghouses nach dem Vorbild von China UnionPay, das e-CNY-Transaktionen zwischen allen operativen Banken abwickeln würde. Beschlossen ist dieser Plan allerdings noch nicht.
Über Smart Contracts testet die Behörde zudem eine breite Palette an Anwendungen im Staatsapparat. Im fiskalischen Bereich betrifft das staatliche Ausgaben und Gehaltszahlungen durch Lokalbehörden, im sozialen Bereich Gesundheitsdisbursements und die Bekämpfung von Krankenkassenbetrug. Hinzu kommen wirtschaftsnahe Felder wie Supply-Chain-Finanzierung, die Verfolgung von Grünstromverbrauch sowie klassische Lotterie-Auszahlungen und Prepaid-Karten. Bemerkenswert ist dabei der Steuerungsgrad: Lokalbehörden haben numerische Adoptionsziele festgelegt. Die Diffusion erfolgt somit nicht auf freiwilliger Basis, sondern als staatlich gelenkter Prozess. Genau diese Verzahnung mit dem Verwaltungsapparat verleiht dem e-CNY eine Tiefe, die über frühere Demonstrationsprojekte hinausgeht.
mBridge akkumuliert 55 Mrd. USD und operiert ohne die BIZ
mBridge ist ein grenzüberschreitendes CBDC-Settlement-Netzwerk, das China, Hongkong, Thailand, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien verbindet. Aus einem ersten Pilotbetrieb im Oktober 2022 mit 160 Transaktionen und 22 Mio. USD ist später ein System mit kumuliert 55.5 Mrd. USD über mehr als 4'000 Transaktionen geworden. Der e-CNY stellt dabei rund 95% des abgewickelten Volumens. Das Wachstum verlief somit exponentiell. Saudi-Arabien trat dem Verbund im September 2024 bei und erweiterte die Reichweite um einen der grössten Energieexporteure der Region.
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) verliess das Projekt im Oktober 2024. Offiziell verwies sie auf die erreichte Projektreife, inoffiziell standen jedoch Bedenken wegen möglicher Sanktionsumgehung im Raum. Auffällig ist, dass der Austritt das Wachstum nicht verlangsamte. Stattdessen lancierte die BIZ mit Projekt Agorá ein eigenes Vorhaben gemeinsam mit westlichen Zentralbanken, das als direktes Gegenstück zu mBridge gilt. Letztlich fiel der multilaterale Schirm der BIZ damit weg, ohne den operativen Betrieb des Netzwerks zu beeinträchtigen.
Auf operativer Ebene treibt das Financial Commission Office in Shanghai die Adoption durch Institutionen aktiv voran. Banken entwickeln zudem kompatible Produkte für die Belt-and-Road-Routen, darunter Kredite, Akkreditive und Handelswechsel. Als prioritäre Zielregion gelten dabei die ASEAN-Staaten, über die ein wachsender Anteil des chinesischen Aussenhandels läuft.
Chinas CBDC-Strategie trifft auf Washingtons Stablecoin-Kurs
Washington verfolgt den entgegengesetzten Weg. Präsident Trump fördert private Stablecoins und untersagt gleichzeitig die inländische Zirkulation einer staatlichen CBDC. Finanzminister Scott Bessent bekräftigte diese Haltung später, im Mai 2026, erneut. Dahinter steht eine klare geopolitische Logik: Dollar-Stablecoins sollen als privater Liquiditätsverstärker die globale Reichweite des Dollars ausbauen, ohne dass dafür eine staatliche Kontrollinfrastruktur nötig wäre.
Damit stehen sich zwei Modelle gegenüber. China setzt auf eine programmierbare CBDC, die sich als Kontrollinstrument eignet, etwa für gezieltes Routing von Transaktionen. Die USA setzen hingegen auf den Netzwerkeffekt privater Stablecoins. Xin Yan, CEO des Infrastrukturanbieters Sign, fasste den Kontrast zusammen: China und die USA seien die zwei Motoren der Weltwirtschaft und setzten beide ihre eigenen Standards durch. Chinas digitaler Yuan sei dabei zwar kompatibler mit dem Bankensystem, jedoch nicht ausländerfreundlich.
Der geopolitische Druck verstärkt diese Dynamik zusätzlich. China Securities Co. argumentiert, der Iran-Konflikt beschleunige die Internationalisierung des Yuan, dessen Einfluss sich vom Handel in die Geopolitik ausdehnen könnte. Dennoch bleibt der Massstab entscheidend: Mit kumuliert 16.7 Bio. CNY erreicht der e-CNY erst rund 6% eines einzigen UnionPay-Jahrgangs. Die Ambitionen sind real, die tatsächliche Durchdringung aber noch begrenzt.








