Mehrere US-Gaming-Verbände und Gewerkschaften haben den Senat brieflich aufgefordert, Sport-Prognosemärkte im Clarity Act zu verbieten. Senatoren sollen die zentrale Marktstrukturvorlage um eine Bestimmung erweitern, die solche Wetten untersagt.
Prognosemarkt-Plattformen sind Handelsplätze, auf denen Nutzer auf den Ausgang von Ereignissen setzen. Sie kaufen und verkaufen Kontrakte, die bei Eintreten des Ergebnisses ausbezahlt werden, ob bei Wahlen, Sportbegegnungen oder Konjunkturdaten. Kalshi und Polymarket dominieren den US-Markt. Kalshi ist bei der Derivateaufsicht CFTC registriert und nutzt diese Zulassung als Schutzschild gegen einzelstaatliche Durchsetzung. Über diesen Bundesrahmen bietet die Plattform ihre Kontrakte somit landesweit an, ohne sich um die Glücksspiellizenzen einzelner Staaten zu kümmern. Breite Bekanntheit gewannen die Anbieter zunächst während der US-Wahlen 2024, seither wächst ihr Volumen rasant. Kalshi setzte im Mai 2026 rund 16.8 Mrd. USD um, gegenüber 14.8 Mrd. USD im April. Polymarket kam ebenso auf ein Volumen von 7.08 Mrd. USD, gegenüber 9.01 Mrd. USD im Vormonat.
Clarity Act als Vehikel: Was der Brief fordert
Hinter dem Schreiben stehen die American Gaming Association und die Indian Gaming Association sowie die Gewerkschaften AFL-CIO Hotel and Gaming Trades Council und UNITE HERE. Gemeinsam verlangen sie eine Klausel im Digital Asset Market Clarity Act, die Sport- und Casino-artige Prognosewetten verbietet. Die Verbände bezeichnen die Plattformen zudem als Treiber der grössten Glücksspielausweitung in der jüngeren US-Geschichte. Vollzogen sei diese binnen 18 Monaten, ohne Wählerzustimmung oder gesetzliche Genehmigung. Allein seit Anfang 2025 hätten die Bundesstaaten dadurch rund 1 Mrd. USD an Steuereinnahmen eingebüsst, rechnet die AGA vor. Mit dem Wahljahr 2026 und den anstehenden Midterms dürfte das Handelsvolumen aus Sicht der Branche weiterhin zulegen.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall, denn der Clarity Act steht an einer kritischen Schwelle. Das Senate Banking Committee brachte die Vorlage am 14. Mai 2026 mit 15 zu 9 Stimmen voran. Als nächste Hürde folgt die Abstimmung im gesamten Senat, für die 60 Ja-Stimmen nötig sind; folglich braucht es eine Zahl demokratischer Senatoren. Genau an diese Adresse richtet sich daher das Lobbying der Gewerkschaften, die traditionell der demokratischen Seite nahestehen. Mit dem Brief versuchen sie, die Prognosemarkt-Bestimmung noch vor der Schlussabstimmung im Gesetzestext zu verankern.
„Der Kongress sollte die Krypto-Gesetzgebung nutzen, um ein einfaches Prinzip zu bekräftigen: Sportwetten fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der CFTC und können nicht über Prognosemarkt-Plattformen angeboten werden." - Gemeinsamer Brief der US-Gaming-Verbände an den Senat
Das Kern-Argument der Gaming-Industrie
Im Zentrum der Kritik steht die Zuständigkeitsfrage. Die CFTC sei nie geschaffen worden, um Glücksspiel oder Sportwetten zu regulieren, argumentieren die Verbände; ihr fehle dafür sowohl das Fachwissen als auch die Infrastruktur. Die Plattformen umgingen zudem staatliches und Stammesrecht, schwächten den Verbraucherschutz und gefährdeten jüngere Nutzer. Glücksspielprodukte vermarkteten sie dabei als seriöse Finanzinvestitionen und verschleierten so deren Charakter. Untergraben werde dadurch ein System lokaler Kontrolle, das Arbeitsplätze schafft, Steuereinnahmen generiert und Gemeindeaufgaben finanziert.
Dahinter steht ein handfester wirtschaftlicher Konflikt. Seit dem PASPA-Urteil von 2018 ist legales Sportwettengeschäft auf Einzelstaatsebene zugelassen, allerdings unter erheblichen Abgaben und Lizenzbedingungen. Prognosemärkte umgehen dieses Regime hingegen vollständig, indem sie sich auf den bundesweiten CFTC-Rahmen berufen. Aus Sicht der Branche betreiben sie damit regulatorische Arbitrage. Politischen Rückhalt liefert zudem ein paralleler Vorstoss: Die Senatoren Adam Schiff und John Curtis brachten im März 2026 den „Prediction Markets Are Gambling Act" ein. Dieser soll ferner Sport- und Casino-Kontrakte vom Listing und Handel auf registrierten Plattformen ausschliessen.
CFTCs Regelvorschlag lässt Sport-Kontrakte zu
Die Forderung der Verbände trifft jedoch auf eine Behörde, die in die Gegenrichtung arbeitet. Am 10. Juni 2026 veröffentlichte die CFTC unter Chairman Michael Selig einen Regelvorschlag, der die meisten sportbezogenen Kontrakte erlaubt. Dazu zählen Moneylines, Point Spreads, Player Props, Endergebnisse sowie Team- und Einzelstatistiken und saisonale Leistungskontrakte. Verbieten will die Behörde hingegen Casino-artige Kontrakte, verletzungsbezogene Wetten, Schiedsrichter-Entscheidungen, Microbetting auf einzelne Spielzüge, Altercation-Wetten und Kontrakte auf Wettkämpfe unter College-Niveau. Eine 45-tägige Kommentierungsfrist läuft seit Juni; finale Regeln könnten somit rund 105 Tage nach Veröffentlichung in Kraft treten. Insgesamt zeichnet sich eine Trennlinie ab, die den Kern des Gaming-Geschäfts erfasst und dessen Randbereiche ausspart.
Parallel verteidigt die Behörde ihren Zuständigkeitsanspruch vor Gericht. Zunächst verklagte sie am 2. April 2026 gemeinsam mit dem Justizministerium die Staaten Arizona, Connecticut und Illinois. Deren Durchsetzungsmassnahmen gegen Prognosemarkt-Plattformen seien durch den Commodity Exchange Act präemptiert. Später folgte eine Klage gegen Minnesota, die sechste innerhalb von sieben Wochen, während weitere Staaten wie Wisconsin und New Mexico eigene Verfahren betreiben. Rückendeckung erhielt die Aufsicht von einem Bundesberufungsgericht: Es stellte im April 2026 fest, ihre Zuständigkeit über sportbezogene Event-Contracts sei wahrscheinlich exklusiv.
Sport-Prognosemärkte im Clarity Act: 38 Staaten gegen die CFTC
Der Widerstand auf einzelstaatlicher Seite ist hingegen breit aufgestellt. Eine Koalition von 38 Bundesstaaten reichte ferner Schriftsätze zugunsten der staatlichen Glücksspielaufsicht ein. New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James verklagte zudem im April 2026 Coinbase Financial Markets und Gemini Titan. Bundesweit laufen über 20 Klagen und Unterlassungsverfügungen gegen Prognosemarkt-Plattformen. Damit prallen zwei Rechtsordnungen aufeinander: der bundesweite CFTC-Rahmen auf der einen, das gewachsene einzelstaatliche Glücksspielrecht auf der anderen Seite.
Für den Clarity Act verschärft dieser Konflikt somit die ohnehin enge Rechnung. Weil die Vorlage 60 Stimmen benötigt, hängt sie an demokratischen Senatoren. Genau an diese richtet die Gaming-Lobby ihren Brief. Wie offen das Ergebnis ist, zeigt allerdings der Markt selbst: Polymarket-Händler bewerten die Verabschiedung des Clarity Act bis Jahresende mit 68 Prozent. Eine Wahrscheinlichkeit von 64 Prozent vergeben Prognosemarkt-Händler zugleich dafür, dass der Supreme Court bis Ende 2026 einen Fall zu sportbezogenen Event-Contracts annimmt. Ob die Gaming-Industrie oder die CFTC die Deutungshoheit über Sport-Prognosemärkte behält, entscheidet sich letztlich gleichermassen im Senat und vor Gericht.








