Meta entwickelt unter der direkten Regie von Mark Zuckerberg eine Smartphone-App namens „Arena", die als Angriff auf Polymarket und Kalshi gedacht ist. Metas Prediction-Market-Vorhaben verzichtet zunächst auf Echtgeld und setzt stattdessen auf ein videospielartiges Punktesystem.
Prediction Markets sind Plattformen, auf denen Nutzer auf den Ausgang von Ereignissen wetten, von Wahlen über Wirtschaftsdaten bis zu Sportergebnissen. Aus den gehandelten Marktpreisen bilden sich kollektive Wahrscheinlichkeiten für künftige Ereignisse. Der Sektor wächst rasant: 2025 zogen Kalshi und Polymarket rund 50 Mrd. USD an Handelsvolumen an, 2026 überschritt der Markt bereits 130 Mrd. USD. Kalshi wird nach seiner Series F von Mai 2026 mit 22 Mrd. USD bewertet. Das Analysehaus Bernstein prognostiziert zudem ein jährliches Handelsvolumen von 1 Bio. USD bis Ende des Jahrzehnts.
Kalshi, Polymarket und ein Markt auf Wachstumskurs
Kalshi steht im Zentrum der institutionellen Adoption. Im Mai 2026 sammelte das Unternehmen 1 Mrd. USD in einer von Coatue geführten Series F ein, womit sich der Firmenwert auf 22 Mrd. USD hob. Da die Bewertung noch im Dezember 2025 bei 11 Mrd. USD gelegen hatte, verdoppelte sich der Firmenwert damit innerhalb von nur fünf Monaten. Zu den Investoren zählen Sequoia, Andreessen Horowitz, Paradigm, Morgan Stanley sowie ARK Invest. Das annualisierte Handelsvolumen liegt bei 178 Mrd. USD, der annualisierte Umsatz übersteigt 1.5 Mrd. USD. Besonders auffällig ist die institutionelle Nachfrage: Innerhalb von sechs Monaten stieg das institutionelle Handelsvolumen um 800 Prozent, da Hedgefonds, Vermögensverwalter und Prop-Trading-Firmen Event-Kontrakte als eigene Anlageklasse entdecken.
Polymarket verfolgt hingegen einen strukturell anderen Ansatz. Die Plattform läuft on-chain auf der Polygon-Blockchain, das Settlement erfolgt in USDC über Smart Contracts. Nach einer Investition von 2 Mrd. USD durch ICE, die Muttergesellschaft der NYSE, wird der Anbieter mit 9 Mrd. USD bewertet. Mittlerweile sucht die Plattforme neue Investoren bei einer Bewertung von 15 Mrd. USD. Im Mai 2026 kehrte Polymarket mit einer eigenen iOS-App offiziell in den US-Markt zurück. Daneben drängen weitere Akteure in den Sektor, darunter die Glücksspielanbieter FanDuel und DraftKings, die Krypto-Börse Gemini sowie Trump Media & Technology Group.
Die Volumenentwicklung unterstreicht die Dynamik. Von rund 50 Mrd. USD kombiniertem Volumen 2025 kletterte der Markt 2026 bereits über 130 Mrd. USD. Den Durchbruch markierte die US-Präsidentschaftswahl 2024, als allein Polymarket 3.3 Mrd. USD an Wahl-Märkten umsetzte. Bernstein sieht darin erst den Anfang und beziffert das Potenzial auf 1 Bio. USD jährliches Handelsvolumen bis Ende des Jahrzehnts.

Arena als vorsichtiger Einstieg von Meta
Arena ist das Produkt eines kleinen internen Teams, das Zuckerberg direkt beauftragt hat. Die App soll unabhängig von Facebook, Instagram, WhatsApp und Messenger operieren. Anders als die etablierte Konkurrenz verzichtet sie zunächst auf echtes Geld und nutzt stattdessen ein videospielartiges Punktesystem, wobei ein späterer Wechsel zu Echtgeld nicht ausgeschlossen ist. Intern gilt das Vorhaben als „experimentell, aber Top-Priorität" und ist Teil eines breiteren Pushs, mit dem Zuckerberg neue App-Typen auf Basis veränderten Social-Verhaltens schaffen will. Parallel testet der Konzern weitere eigenständige Apps, darunter „Meta Photos" für KI-generierte Medientypen.
Strategisch passt Arena in ein vertrautes Muster. Zuckerberg verfolgt seit Jahren die Taktik, aufsteigende Konkurrenten zu kopieren, etwa mit Stories als Antwort auf Snap oder Reels gegen TikTok. Die Erfolgsquote ist jedoch gemischt. Schon 2020 veröffentlichte der Konzern mit „Forecast" eine Prediction-App mit Punktesystem, stellte sie aber 2022 wieder ein. Auch das 2019 gegründete Team „New Product Experimentation" lieferte mit eigenständigen Apps für Podcasts, Reisen und Musik kaum Treffer. Der erneute Vorstoss fällt zudem in eine heikle Phase: Im ersten Quartal 2026 verzeichnete Meta zum ersten Mal in seiner Geschichte einen quartalsweisen Rückgang der täglich aktiven Nutzer, von durchschnittlich 3.56 Milliarden im März.
Ein eigenständiges App-Ökosystem könnte daher Engagement ausserhalb der gesättigten Kern-Apps aufbauen, zumal der Konzern seine grossen Social-Audiences gezielt auf Arena lenken will. Ob die App überhaupt erscheint, bleibt jedoch offen, denn sie befindet sich noch in der Entwicklung und wird möglicherweise nie veröffentlicht. Die Informationen stammen von zwei anonymen Mitarbeitern mit direkter Kenntnis der Pläne, die sich gegenüber der NYT äusserten; Meta lehnte eine Stellungnahme ab.
Was Meta nicht replizieren kann
Der entscheidende Unterschied liegt in der Architektur. Polymarkets Trades laufen nicht über zentrale Server, sondern über Smart Contracts auf Polygon, einer Layer-2-Blockchain auf Ethereum. Das Settlement erfolgt non-custodial in USDC, sodass die Nutzer jederzeit die Kontrolle über ihre Mittel behalten. Somit ist die Plattform technisch zensurresistenter als eine zentral betriebene App. Genau hier stösst Meta an eine Grenze, denn Arena wäre eine zentral kontrollierte, regulierte Anwendung ohne Krypto-Settlement. Was bei Polymarket ein Produktmerkmal ist, lässt sich in einer klassischen App nicht nachbilden.
Auch regulatorisch verläuft der Weg unterschiedlich. Polymarket durfte erst nach einer Busse von 1.4 Mio. USD im Jahr 2022 und dem Kauf der CFTC-lizenzierten Börse QCX LLC in den US-Markt zurückkehren, nachdem die Behörde im Dezember 2025 grünes Licht gegeben hatte. Solange Arena ohne Echtgeld startet, umgeht Meta diese Hürde zunächst. Ein Wechsel zu echten Wetten würde jedoch dieselbe Lizenzpflicht bei der Commodity Futures Trading Commission auslösen.
Regulierung, Insiderhandel und ein Fake-Wetten-Skandal
Der Sektor steht trotz seines Wachstums unter Druck. Im April 2026 klagten US-Bundesanwälte Gannon Ken Van Dyke an, einen Master Sergeant der US Army Special Forces. Der Vorwurf lautet, er habe klassifizierte Informationen über die Operation Absolute Resolve, die Festnahme von Nicolás Maduro Anfang 2026, für Wetten auf Polymarket genutzt. Mit einer Einzelwette von 32'537 USD erzielte er einen Gewinn von 404'222 USD, was einer Rendite von 1'242 Prozent entspricht. Insgesamt summierten sich seine Gewinne auf rund 409'881 USD. Es ist der erste Insiderhandels-Fall des US-Justizministeriums auf einem Prediction Market; Van Dyke plädierte auf nicht schuldig.
Kurz darauf erschütterte ein weiterer Skandal die Branche. Das Wall Street Journal berichtete, Polymarket habe Dutzende Social-Media-Creators dafür bezahlt, sich beim Platzieren von Fake-Wetten zu filmen. Von 1'105 analysierten TikTok-Videos zeigten 778 Klon-Websites statt der echten Polymarket-Seite. In 118 Videos wurden fast 900'000 USD an fabrizierten Gewinnen inszeniert, während dieselben Wetten real zu Verlusten von über 166'000 USD geführt hätten. Die Creators sollen monatlich 2'000 bis 3'000 USD erhalten haben, verbunden mit der Weisung, ihre Bezahlung nicht offenzulegen. Der Anbieter kündigte daraufhin eine interne Prüfung an.








