Angreifer haben rund 1'367 Bitcoin aus Hardware-Wallets der Marke Coldcard abgezogen, aktuell rund 85 Mio. USD. Ursache ist eine Sicherheitslücke in der Schlüsselerzeugung der Geräte. Für die Selbstverwahrung ist dieser Vorfall ein schwerer Schlag.
Eine Hardware-Wallet ist ein Gerät, das die privaten Schlüssel zu einem Krypto-Bestand erzeugt und offline aufbewahrt. Der Schlüssel verlässt das Gerät nie, auch nicht beim Signieren einer Überweisung. Diese Verwahrung ohne Bank oder Börse heisst Self-Custody und gilt als sicherste Form der Aufbewahrung. Coldcard ist eines der bekanntesten dieser Geräte, hergestellt vom kanadischen Unternehmen Coinkite und ausschliesslich auf Bitcoin ausgelegt. Genau diese Annahme hat der aktuelle Fall beschädigt. Ein Fehler in der Firmware machte über fünf Jahre hinweg vorhersagbar, welchen Schlüssel ein Gerät erzeugt.
Wie die Coldcard-Sicherheitslücke private Schlüssel berechenbar machte
Der Zugriff auf eine Bitcoin-Wallet hängt an einer einzigen Zufallszahl. Aus ihr leitet das Gerät den Seed ab, also jene 12 oder 24 Wörter, die im Notfall den gesamten Bestand wiederherstellen. Ist diese Zahl nicht wirklich zufällig, kann ein Aussenstehender sie nachrechnen. Bei der Coldcard sollte dafür der Hardware-Zufallsgenerator des verbauten STM32-Chips sorgen. Ein Build-Setting schaltete diesen Generator jedoch ab. Eine Prüfroutine in der Bibliothek libngu testete ausserdem nur, ob die Einstellung vorhanden ist, nicht ob sie aktiv ist. Deshalb griff die Firmware auf einen Notpfad zurück. Dessen Entropie stammte aus der Seriennummer des Mikrocontrollers, aus einem Systemzähler und aus den Registern der Echtzeituhr.
Diese Werte sind nicht geheim. Die Seriennummer lässt sich teilweise über USB auslesen, und der Systemzähler deckt beim Modell Mk3 nur rund 80'000 mögliche Werte ab. Der Suchraum liegt damit weit unter dem, was kryptografisch als sicher gilt. Wer die Formel kennt, rechnet die Schlüssel folglich durch.
Betroffen sind Wallets, deren Seed nach dem 1. März 2021 auf einer verwundbaren Firmware entstand. Das trifft in erster Linie auf Single-Signature-Wallets zu. Es jedoch auch Multisig-Konstruktionen angreifbar, sofern alle beteiligten Geräte betroffen sind. Dieselbe Quelle speiste überdies Paper-Wallet-Schlüssel, XOR-Seed-Masken, die Verschlüsselung von Geräte-Klonen, Web2FA-Secrets und gespeicherte Passwörter. Wer ein betroffenes Gerät nutzt, muss deshalb jedes dort erzeugte Geheimnis als kompromittiert behandeln.
1'367 Bitcoin bislang abgeflossen
Der erste Abfluss lief in der Nacht auf den 30. Juli. Innerhalb von rund 41 Minuten flossen je nach Erhebung 594 bis 1'083 BTC aus 500 bis 1'200 Adressen ab. In den Tagen darauf folgten weitere Wellen, für die dritte weist Galaxy Research 207.73 BTC aus. Insgesamt summiert sich der Schaden auf rund 1'367 BTC aus 4'585 betroffenen Adressen.
Abgeschlossen ist der Vorgang allerdings nicht. Am 3. August meldete Galaxy Research eine vermutete vierte Welle, zunächst mit 388.93 BTC aus 462 Adressen, nach revidierten Zahlen mit 448.73 BTC aus 709 Adressen. Die Bewegungen des ersten Zwischenstands konzentrierten sich auf die Blöcke 960'778 bis 960'792, also rund zweieinhalb Stunden. Damit lag die Rate bei rund 13.8 Sweep-Transaktionen pro Block und somit etwa beim 45-Fachen des Niveaus vor dem Vorfall. Bestätigt sich diese Welle, steigt der Schaden auf rund 1'816 BTC oder etwa 113 Mio. USD.
Bemerkenswert ist überdies das Verhalten nach dem Abfluss. Auf keiner identifizierten Empfängeradresse hat sich bislang etwas bewegt. Für einen Diebstahl dieser Grössenordnung ist das ungewöhnlich. Analysten haben ausserdem rund 600 verdächtige Adressen an Strafverfolgungsbehörden, Compliance-Firmen und Cybersecurity-Ermittler gemeldet.
Coinkite liefert korrigierte Firmware und stoppt den Versand
Der Hersteller Coinkite räumte den Fehler Ende Juli ein und aktualisierte die Sicherheitswarnung Anfang August erneut. Den Zusammenhang zu den Abflüssen bestätigt das Unternehmen darin nicht. Die Warnung erfasst die Modelle Mk2 und Mk3 mit den Versionen 4.0.1 bis 4.1.9. Hinzu kommen Mk4 und Mk5 vor Standard 5.6.0 beziehungsweise Edge 6.6.0X sowie das Modell Q vor Standard 1.5.0Q beziehungsweise Edge 6.6.0QX. Korrigierte Firmware liegt inzwischen für jedes betroffene Modell vor, für Mk2 und Mk3 als Version 4.2.0, für Mk4 und Mk5 als Standard 5.6.0 und für das Q als 1.5.0Q.
Ein Update allein genügt jedoch nicht, weil der alte Seed weiterhin berechenbar bleibt. Betroffenen empfiehlt Coinkite im Kern, die Firmware zu aktualisieren, einen neuen Seed zu erzeugen und das Guthaben nach einer kleinen Testtransaktion auf die neuen Adressen zu übertragen. Das neue Backup gehört vor dem Transfer verifiziert. Nur wer den Seed beim Setup mit mindestens 50 unabhängigen Würfelwürfen selbst erzeugte und diese Würfe nicht notierte, muss nicht migrieren. Eine starke BIP-39-Passphrase ersetzt die Migration dagegen nicht, sie wirkt laut Advisory nur als zusätzliche Barriere.
Das Unternehmen hat zudem den Versand neuer Geräte gestoppt und verbliebene Lagerbestände mit betroffener Firmware vernichtet.
"Betroffene, die ihre Geräte bereits erhalten hatten, wurden direkt mit einer Empfehlung und Migrationsschritten kontaktiert. Unser gesamter Fokus liegt jetzt darauf, betroffenen Nutzern bei einer sicheren Migration zu helfen." - Coinkite, Unternehmensstatement
Schlüssel-Kompromittierungen verursachen die meisten Hack-Verluste
Im Branchenvergleich ist der Fall kein Ausreisser. Im ersten Halbjahr 2026 erbeuteten Angreifer laut TRM Labs weltweit rund 972 Mio. USD. Gegenüber den 2.3 Mrd. USD des Vorjahreszeitraums entspricht das einem Rückgang von über 50 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Vorfälle auf einen Rekordwert von 207, nach 83 im ersten Halbjahr 2025. Die Beute sinkt, die Zahl der Angriffe steigt.
Die Verluste konzentrieren sich dabei auf eine Kategorie. Infrastruktur- und Schlüssel-Kompromittierungen machen laut TRM rund 15 Prozent der Vorfälle aus, verursachen aber rund 76 Prozent der Schadenssumme. Genau dort liegt der Coldcard-Vorfall, zumal der Fehler die Erzeugung der Schlüssel selbst traf. Ein einzelner Fehler an dieser Stelle wirkt über Jahre und über tausende Geräte hinweg.
Den grössten Einzelblock stellen staatsnahe Akteure. Nordkorea-verknüpfte Gruppen wie Lazarus und TraderTraitor verantworten laut TRM rund 643 Mio. USD und somit etwa 66 Prozent der Halbjahresverluste, getrieben vor allem durch die Angriffe auf Drift und KelpDAO im April. Der Coldcard-Vorfall schafft folglich kein neues Risiko. Er zeigt, wo das bestehende sitzt. Über die Sicherheit eines Bestands entscheidet, wo und wie das Schlüsselmaterial entsteht. Ob es bei einem Verwahrer oder auf einem Gerät im eigenen Haus liegt, zählt erst danach.








