Die CME Group hat die Aufsichtsbehörde CFTC verklagt, nachdem diese Perpetual Futures von Kalshi und Coinbase als Futures statt als Swaps zugelassen hat. CEO Terrence Duffy stützt die Klage auf den Dodd-Frank Act, der solche Kontrakte wegen ihres Funding-Rate-Mechanismus seiner Ansicht nach als Swaps definiert.
Perpetual Futures sind Derivate ohne Verfallsdatum, mit denen Händler auf Preisbewegungen eines Assets wetten, ohne dieses zu besitzen. Statt eines Ablauftermins hält ein Funding-Rate-Mechanismus den Kontraktpreis nahe am Spot-Preis. Liegt der Kontraktpreis über dem Spot-Preis, zahlen Long-Positionen an Short-Positionen, und umgekehrt. Bisher dominierten diese Produkte das globale Krypto-Derivatevolumen vor allem auf Offshore-Plattformen wie Binance, Bybit und OKX, wo das tägliche Handelsvolumen regelmässig im zweistelligen Milliardenbereich liegt. In den USA galten Perps regulatorisch ursprünglich als Swaps. Die CFTC-Genehmigungen vom 29. Mai 2026 für Kalshi und Coinbase markieren somit die erste formelle Neuklassifizierung als Futures. Kalshi nutzte dabei einen freiwilligen Genehmigungsprozess, während Coinbase US-Kunden über seine Deribit-Tochter in Dubai Zugang verschaffen darf. Gleichzeitig fielen Aktien von CME, Cboe und Intercontinental Exchange nach den Entscheiden, weil Anleger Wettbewerbsdruck auf die klassischen Terminbörsen sahen.
CME stützt Klage auf Dodd-Frank-Definition von Swaps
Die weltgrösste Terminbörse reichte ihre Klage am 18. Juni 2026 ein, einen Tag nachdem CEO Duffy das Vorgehen in einem CNBC-Interview angekündigt hatte. Im Zentrum steht zunächst die rechtliche Einstufung der Kontrakte. Der Funding-Rate-Mechanismus konstituiert nach Interpretation der CME einen gegenseitigen Zahlungsaustausch zwischen zwei Parteien. Genau diese Konstellation definiert der Dodd-Frank Act jedoch als Swap und nicht als Future.
Der Unterschied ist für Marktteilnehmer erheblich. Futures laufen über regulierte Terminbörsen mit standardisierten Konditionen. Swaps sind hingegen bilaterale Kontrakte, bei denen beide Seiten regelmässig Zahlungen austauschen. Der 2010 nach der Finanzkrise erlassene Dodd-Frank Act unterwirft Swaps daher eigenen Registrierungspflichten für Händler sowie zusätzlichen Clearing-Anforderungen über zentrale Gegenparteien. Folgt ein Gericht der CME, müssten Anbieter wie Kalshi und Coinbase ihre Perpetual Futures künftig unter diesem strengeren Regime betreiben. Damit steht letztlich zur Debatte, unter welchem Regulierungsrahmen der gesamte US-Markt für diese Produkte operiert.
Die CFTC bezeichnete die Klage als haltlos. Duffy seinerseits beruft sich dagegen auf eine klare gesetzliche Trennlinie.
"Unter dem Dodd-Frank Act ist klar definiert, was ein Swap ist und was ein Future ist." - Terrence Duffy, CEO der CME Group
CFTC genehmigt Perpetual Futures als reguläre Futures-Kontrakte
Auslöser der Klage waren zwei Entscheide der CFTC vom 29. Mai 2026. Zunächst genehmigte die Behörde den BTCPERP-Kontrakt von KalshiEX als Futures-Kontrakt unter Section 5c(c)(4) des Commodity Exchange Act und Regulation 40.3. Es handelte sich dabei um das erste US-regulierte Perpetual Future überhaupt. Bemerkenswert ist die Wahl des Anbieters: Kalshi ist eine regulierte Prognose-Börse, kein klassischer Krypto-Handelsplatz. Den Antrag hatte das Unternehmen zuvor am 28. Mai eingereicht und dafür einen freiwilligen Genehmigungsprozess mit behördlicher Vorprüfung gewählt, nicht die schnellere Self-Certification unter Regulation 40.2.
Am selben Tag veröffentlichte die Aufsicht zudem den Staff Letter No. 26-17, einen No-Action Letter für Coinbase Financial Markets als registrierten Futures Commission Merchant. Dieses Schreiben erlaubt dem Unternehmen, US-Kunden Zugang zu Perpetual Contracts auf der Deribit-Plattform in Dubai zu verschaffen. Deribit zählt zu den grössten Options-Handelsplätzen weltweit. Eingestuft werden diese Kontrakte ferner als „foreign futures" gemäss CFTC Regulation 30.1. Als Margin können Kunden ebenso Bitcoin, Ether und Stablecoins hinterlegen.
Beide Entscheide stellen folglich einen regulatorischen Kurswechsel dar. Bislang hatte die CFTC Perpetual Contracts in Durchsetzungsverfahren als Swaps behandelt. Bereits im April 2025 hatte die Behörde einen Self-Certification-Versuch von Bitnomial unter Regulation 40.2 blockiert. Der nun von Kalshi gewählte Weg über Regulation 40.3 gilt hingegen als konzeptionell rigoroser. Duffy hatte allerdings schon Anfang Juni kritisiert, die Prüfung sei trotz der Neuartigkeit und Komplexität der Instrumente schneller abgeschlossen worden als ein typisches Self-Certification-Fenster.
Leverage-Gefälle zwischen Perps und klassischen CME-Produkten
Neben dem Rechtsstreit führt Duffy ferner ein Risiko-Argument ins Feld. Auf Offshore-Plattformen ermöglichen Perpetual Futures eine Hebelwirkung von bis zu 250x. Für die nun US-regulierten Varianten nannte der CME-Chef dagegen 50x als konkrete Warngrösse. Die hauseigenen Krypto-Produkte der Terminbörse arbeiten vergleichsweise mit einem deutlich engeren Rahmen von circa 5x. Dieses Gefälle bildet den Kern seiner öffentlichen Kritik.
An der Piper Sandler Global Exchange & Fintech Conference Anfang Juni warnte der CEO zudem vor automatischen Liquidations-Mechanismen und intransparenten Funding-Rate-Kosten. Beides treffe vor allem Kleinanleger. Er wolle nicht sehen, dass Menschen, die ein Produkt nicht verstehen, aus einem Kontrakt herausgedrängt würden, in dem sie von vornherein nicht hätten sein sollen. Die Wortwahl rückt den Anlegerschutz in den Vordergrund.
Zugleich liegen handfeste Wettbewerbsinteressen auf dem Tisch. Die CME Group verzeichnete 2025 ein durchschnittliches Tagesvolumen von 28.1 Millionen Kontrakten und kommt auf eine Marktkapitalisierung von über 95 Mrd. USD. Genau dieses etablierte Geschäft sehen Investoren jedoch durch die neuen Konkurrenten unter Druck: Die Aktien von CME, Cboe und Intercontinental Exchange gaben nach den Mai-Genehmigungen nach. Das Risiko-Framing der Terminbörse fällt damit zeitlich mit einer direkten Bedrohung ihres Kerngeschäfts zusammen.
CEO-Wechsel bei CME Group im März 2027
Die Klage fällt gleichzeitig in eine Phase des Führungswechsels. Am selben Tag wie die Klageankündigung teilte die CME Group mit, dass Duffy per 1. März 2027 als CEO zurücktritt und in die Rolle des Executive Chairman of the Board wechselt. Eine Kausalität zwischen beiden Mitteilungen ist allerdings nicht belegt.
Nachfolgerin wird Lynne Fitzpatrick, derzeit President und CFO des Unternehmens. Damit übernimmt erstmals eine Frau die Führung der CME Group. Fitzpatrick ist seit 2006 für die Terminbörse tätig und wurde 2024 zur President und CFO ernannt. Zuvor arbeitete sie bei Credit Suisse und UBS. Der eingeleitete Rechtsstreit beginnt somit noch unter Duffys Verantwortung, dürfte in seinem Ausgang aber in die Amtszeit seiner Nachfolgerin fallen.








