Die Zahl der monatlichen Krypto-VC-Deals ist im Mai 2026 auf rund 50 gefallen, das tiefste Niveau seit der Zeit vor dem Boom-Zyklus 2021. Das investierte Dollar-Volumen bleibt jedoch erhöht, weil Mega-Runden wie Kalshis 1 Mrd. USD schwere Serie F die Statistik nach oben ziehen.
Venture Capitalists (VCs) geben Risikokapital-Finanzierungen aus, die in junge Unternehmen fliessen, die auf Blockchain-Infrastruktur, dezentrale Protokolle oder krypto-native Finanzdienstleistungen setzen. Deal-Anzahl und Kapitalvolumen gelten zudem als die beiden wichtigsten Messgrössen für die Gesundheit des Sektors, und sie entwickeln sich derzeit in entgegengesetzte Richtungen. Der letzte vergleichbare Tiefstand lag ursprünglich noch vor dem Boom-Zyklus 2021. Im ersten Quartal 2026 flossen laut Galaxy Digital 4 Mrd. USD über 355 Deals, ein Rückgang von 50 Prozent beim Kapital und 16 Prozent bei den Deals gegenüber dem Vorquartal. Gleichzeitig waren nur noch 600 Krypto-VCs aktiv, der tiefste Stand der letzten vier Jahre. Hinzu kommt, dass lediglich acht neue Fonds dazukamen, so wenige wie zuletzt im dritten Quartal 2020.
Weniger Deals, grössere Tickets: die Schere im Krypto-VC-Markt
Mit rund 50 Transaktionen markierte der Mai 2026 zunächst den tiefsten monatlichen Wert seit Jahren. Bereits im April waren nur 62 Deals mit einem Gesamtvolumen von 660 Mio. USD zustande gekommen, ein Rückgang von rund 75 Prozent gegenüber dem März mit 2'600 Mio. USD über 84 Deals. Der historische Vergleichspunkt liegt damit vor dem Zyklus 2021, als die monatlichen Deal-Zahlen deutlich über dem heutigen Niveau lagen. Den letzten Zyklushöchststand bei der Deal-Aktivität verzeichnete der Markt 2024.
Ein gegenteiliges Signal liefern allerdings die Deal-Grössen. Der mediane Krypto-VC-Deal kletterte im ersten Quartal 2026 auf über 4.5 Mio. USD und damit auf ein neues Allzeithoch. Die durchschnittliche Deal-Grösse stieg parallel auf 35.9 Mio. USD, ein Plus von 76 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das Kapital konzentriert sich somit auf immer weniger, aber deutlich grössere Transaktionen.
Auffällig ist die Verschiebung beim Vergleich von Früh- und Spätphasen-Finanzierungen. Spätstufige Deals der Serie C und höher banden im ersten Quartal 28.4 Prozent des gesamten Kapitals, ein Anstieg von 320 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Pre-Seed-Investitionen brachen hingegen um 38.1 Prozent ein, und der gesamte Frühphasen-Bereich machte nur noch 5.2 Prozent des Volumens aus. Das Kapital fliesst also weg von den frühen Wetten und hin zu Unternehmen mit nachgewiesenem Geschäftsmodell. Die Branche durchläuft damit einen Reifeprozess, in dem Kapitalgeber von vielen Seed-Experimenten zu konzentrierten Wetten auf bewährte Geschäftsmodelle übergehen.
Kalshi und die Verzerrung durch Milliarden-Runden
Ein einzelner Deal illustriert die neue Logik. Die Prognosebörse Kalshi, auf der Nutzer auf den Ausgang künftiger Ereignisse wetten können, schloss im Mai 2026 eine Serie-F-Runde über 1 Mrd. USD ab. Die Bewertung erreichte dabei 22 Mrd. USD. Als Lead-Investor trat zudem Coatue auf, beteiligt waren Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Paradigm, IVP, Morgan Stanley und ARK Invest.
Die Bewertung der Plattform hatte sich zuvor innerhalb von nur fünf Monaten verdoppelt, von 11 Mrd. USD bei der Serie E Ende 2025 auf nun 22 Mrd. USD. Der Aufstieg verlief steil: Mitte 2025 lag die Bewertung mit 185 Mio. USD frischem Kapital noch bei 2 Mrd. USD, im Oktober dann bei 5 Mrd. USD. Hinter dem Sprung steht ein rasant wachsendes Geschäft. Kalshi erzielt nach eigenen Angaben einen annualisierten Umsatz von über 1'500 Mio. USD bei einem Handelsvolumen von 178 Mrd. USD. Damit hält die Plattform rund 90 Prozent der US-Aktivität in Prognosemärkten. Das Investoren-Aufgebot aus klassischen Wall-Street-Häusern und Krypto-Fonds signalisiert ferner eine zunehmende Konvergenz von TradFi und Krypto.
Eine solche Mega-Runde verzerrt das aggregierte Bild erheblich. Der Sektor Trading, Exchange, Investing und Lending führte das erste Quartal mit 2'600 Mio. USD an und vereinte damit 58 Prozent des gesamten Krypto-VC-Kapitals auf sich. Ebenso kam der Payments-Sektor auf 2'670 Mio. USD, getrieben vor allem von der BVNK-Übernahme über 1'800 Mio. USD. Einzelne Grossfinanzierungen halten das Dollar-Volumen also hoch, während die Breite des Marktes weiter schrumpft.
Wer noch investiert und wer den Markt verlässt
Das Investoren-Universum schrumpft messbar. Im ersten Quartal 2026 waren nur noch 600 Krypto-VCs aktiv, der tiefste Stand seit zwölf Quartalen. Zudem legten lediglich acht neue Fonds mit zusammen rund 1'100 Mio. USD auf, so wenige Neulancierungen wie zuletzt im dritten Quartal 2020. Beide Werte deuten folglich auf eine anhaltende Bereinigung unter den Kapitalgebern hin.
Die verbleibende Aktivität konzentriert sich auf wenige Adressen. Coinbase Ventures war mit zwölf Deals der aktivste Investor des Quartals, während a16z, Castle Island, Big Brain Holdings und Galaxy Digital auf jeweils fünf Deals kamen. Ebenfalls beteiligten sich Sequoia, Founders Fund, Bain Capital und die Alibaba Group an einzelnen Runden. Geografisch dominieren die USA klar: Über 70 Prozent des investierten Kapitals und 43.5 Prozent aller Deals entfielen auf den US-Markt, gefolgt von Bahrain und Singapur nach Kapital sowie Grossbritannien nach Deal-Anzahl.
Hinter der Konzentration steht eine inhaltliche Verschiebung. Das verbleibende Kapital wandert zunehmend in regulierte Infrastruktur, also in Stablecoin-Payments, Custody, Compliance und Tokenisierung. Diese Bereiche passen zum strukturellen Politikrahmen, der sich in den USA und der EU herausbildet, und ziehen daher überproportional Mittel an. Breitere Infrastruktur- und Finanzdienstleistungs-Deals bewegten sich hingegen nahe ihren Mehrjahrestiefs.
KI absorbiert das Venture-Kapital, das die Krypto-Branche verliert
Der Rückgang im Krypto-Segment findet vor dem Hintergrund eines globalen Venture-Booms statt. Im ersten Quartal 2026 erreichte das weltweite VC-Gesamtvolumen mit 297 Mrd. USD ein absolutes Allzeithoch. Allerdings floss der grösste Teil davon in künstliche Intelligenz: Der KI-Anteil lag bei 239 Mrd. USD oder 81 Prozent des globalen VC, nach 55 Prozent im Vorjahresquartal. Allein vier Mega-Runden banden 64 Prozent des gesamten globalen Quartalskapitals: OpenAI mit 120 Mrd. USD, Anthropic mit 30 Mrd. USD, xAI mit 20 Mrd. USD und Waymo mit 16 Mrd. USD.
Krypto-VC verliert dadurch sowohl absolut als auch relativ an Boden. Auf Basis des ersten Quartals ergibt die Hochrechnung für 2026 rund 16 Mrd. USD, somit deutlich unter den etwa 20 Mrd. USD des Jahres 2025. Bemerkenswert ist dabei, dass sich der historische Zusammenhang zwischen Bitcoin-Preis und Venture-Aktivität laut Galaxy Digital abgeschwächt hat. Bitcoin erreichte Ende 2025 neue Höchststände, doch das Kapital folgte diesmal nicht in den Frühphasen-Markt. Während frühere Zyklen 2017 und 2021 einem steigenden Bitcoin-Preis fast automatisch eine Welle früher Finanzierungen folgen liessen, blieb diese Reaktion zuletzt aus.
Innerhalb des Krypto-VC-Universums verschiebt sich das Kapital ebenfalls in Richtung KI. Im Jahr 2025 floss bereits ein wachsender Anteil in diese Richtung, nämlich 40 Cent pro investiertem Dollar in KI-Krypto-Hybridprojekte, gegenüber 18 Cent im Jahr zuvor. Schliesslich zählen dazu dezentrale Compute-Marktplätze sowie On-Chain-Agent-Infrastruktur rund um Projekte wie Bittensor, Akash und IO.net.







