Mit Token pokern

«Bitcoin hat keinen Nutzen», meinte kürzlich der CEO der Credit Suisse. Viele CEOs von Jungunternehmen würden Tijade Thiam widersprechen, steht doch der Bitcoin am Ursprung manch erfolgreicher Finanzierungskampagne der jüngsten Vergangenheit. So haben in den vergangenen zwei Jahren unzählige Start-ups neben Bitcoin auch Unmengen an Ether, der zweitbekanntesten Kryptowährung, gesammelt. Um die beiden Riesen hat sich ein selbstfinanzierendes Ökosystem gebildet, die sogenannte «Token Economy».

Der prägende Begriff dieser neuen Ökonomie ist das ICO, das Initial Coin Offering. 2,3 Milliarden Dollar vermochten Start-ups weltweit auf diese Weise einzunehmen – und das in kürzester Zeit. Herkömmliche Wege der Risikokapitalbeschaffung hinken da hinterher. Möglich macht es die Blockchain-Technologie. Unternehmen, die ein ICO machen wollen, geben ihre eigenen Token aus. Dass 2017 viele ihre Kursgewinne bei Bitcoin und Ether den Start-ups auch ohne gebührende Sorgfaltsprüfung nachwarfen, ist rückblickend kaum verwunderlich: Die durchschnittliche Rendite aller ICOs – erfolglose miteingerechnet – betrug 2017 über 1300 Prozent, stellte der Risikokapitalgeber Mangrove Capital in einer Studie fest. Natürlich werden die wenigsten nur auf die richtigen Projekte gesetzt haben.

Der Begriff des Initial Coin Offerings ist eine Anlehnung an das Initial Public Offering (IPO). Letzteres machen Unternehmen, wenn sie an die Börse gehen. Die Verlockung liegt nahe, ein ICO als das digitale Pendant zum klassischen Börsengang anzusehen. Ganz korrekt ist das nicht. Wer einen Token kauft, erwirbt damit keine Unternehmensanteile. Zudem gewährt eine Aktie Dividende und Stimmrecht. Beides ist auch mit Tokens möglich – doch ist das bei den wenigsten der Fall. Eine Ausnahme ist das Schweizer Beispiel Modum – ein 2016 gegründetes Unternehmen, das mit der Blockchain kombinierte Sensoren zur Temperaturmessung für die Lieferung von Medikamenten herstellt.

Dass diese neue Form der Unternehmensfinanzierung einen derart kometenhaften Aufstieg erlebt hat, mag folgenden Grund haben: Man kann unmittelbar Interessierte auf der ganzen Welt ansprechen. Auf keine andere Art und Weise lässt sich so schnell so viel Kapital auftreiben. Über die traditionellen Kapitalmärkte ist das unmöglich. Rechtliche Auflagen machen das Fundraising über ausserbörsliche Beteiligungen sehr aufwändig. Zudem investieren Risikokapitalgeber nur, wo ein minutiös ausgearbeiteter und Erfolg verheissender Meilensteinplan existiert. Die bisher unregulierten ICOs sind eine willkommene Alternative, um den aufgeblähten Transaktionskosten aus dem Weg zu gehen und ohne grosse Verpflichtungen Finanzmittel zu sammeln. Doch nicht alle sehen das ICO als Freipass. Modum beispielsweise hat sehr viel Zeit in die Einhaltung geltender Gesetze gesteckt. Diese seien nämlich vorhanden, da Gesetze technologieneutral seien, so Marc Degen, Mitgründer von Modum.

Letztlich wird das ICO von vielen dennoch als revolutionärer Akt der Selbstbefreiung gefeiert. Denn nie zuvor konnte auch ein 16-Jähriger ein paar Franken in ein mögliches Zukunftsunternehmen stecken. Wie immer bei Revolutionen kommt es jedoch auch zu Übertreibungen, und manch Involvierter treibt eine begrüssenswerte Sache bis zum Exzess. Deshalb sind es oft gerade die Krypto-Urgesteine, die das Gros der ICO für Ramsch oder gar Betrug halten. Der Ruf guter ICO-Projekte soll deshalb mittels Selbstregulierung gewahrt werden. Das Crypto Valley in Zug will hierfür einen «Code of Conduct» ausarbeiten. Denn eines ist klar: ICO werden von selbst kaum mehr verschwinden.

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Rino Borini