Swift hat den Livebetrieb seines Blockchain-basierten "Shared Ledger" freigegeben. Auf diesem Swift Blockchain Ledger pilotieren 17 Banken auf sechs Kontinenten grenzüberschreitende Zahlungen mit tokenisierten Einlagen rund um die Uhr.
Swift ist das globale Nachrichtennetzwerk, über das Banken Zahlungsaufträge und Finanzinformationen austauschen. Ursprünglich ist das Netzwerk kein Zahlungssystem, sondern die Infrastruktur, auf der sich Institute weltweit verständigen. Mit dem Shared Ledger übernimmt der Betreiber jedoch erstmals eine aktive Rolle als Orchestrierungsschicht für tokenisierte Bankeinlagen, statt nur Nachrichten weiterzuleiten. Vorgestellt hatte Swift das Konzept im September 2025 am Sibos-Kongress gemeinsam mit dem Softwarehaus Consensys. Später folgte eine neunmonatige Entwicklung mit Rückmeldungen von über 30 grossen Finanzinstituten, darunter auch JPMorgan und die Deutsche Bank. Von den 17 Live-Pilotbanken sind bislang zehn namentlich bestätigt: Citi, HSBC, UBS, BNP Paribas, Standard Chartered, Wells Fargo, BNY, DBS, MUFG und ANZ. Sein Nachrichtennetz betreibt Swift insgesamt für über 11'500 Banken, Wertpapierhäuser und Firmenkunden in mehr als 200 Ländern.
Hyperledger Besu: wie Swifts Blockchain-Ledger tokenisierte Einlagen bewegt
Der Shared Ledger fungiert als Orchestrierungsschicht und ersetzt bestehende Abwicklungssysteme ausdrücklich nicht. Konkret validiert sie Zahlungsverpflichtungen zwischen den teilnehmenden Banken. Sie hält also fest, wer wem was schuldet. Das Geld selbst verrechnet sie hingegen nicht. Die finale Abwicklung läuft weiterhin über etablierte Systeme wie Echtzeit-Bruttosysteme (RTGS) oder Korrespondenzbanken. Solche RTGS-Systeme verbuchen jede Zahlung einzeln und sofort. Sie bündeln Transaktionen folglich nicht zu Sammelposten. Somit bewegen Teilnehmerbanken Kundengelder rund um die Uhr, auch nachts und am Wochenende.
Genau hier liegt der praktische Nutzen. Der klassische Zahlungsverkehr ruht ausserhalb der Geschäftszeiten. Gerade grenzüberschreitende Zahlungen leiden zudem unter Zeitzonen und Feiertagen. Gelder bleiben dann oft über Nacht gebunden. Tokenisierte Einlagen lassen sich hingegen jederzeit transferieren, bevor die eigentliche Verrechnung über die Altsysteme erfolgt. Swift verspricht sich davon folglich eine höhere Liquiditätseffizienz, ohne die Kontrolle über den finalen Settlement-Schritt abzugeben.
Technisch baut der Ledger auf Hyperledger Besu auf, einem quelloffenen und Ethereum-kompatiblen Framework. Swift entwickelte das System seit September 2025 gemeinsam mit dem Softwarehaus Consensys. Ausserdem flossen während der rund neunmonatigen Design-Phase Rückmeldungen internationaler Finanzinstitute ein.
"Dies ist ein Meilenstein für regulierte digitale Vermögenswerte. Er ermöglicht es, tokenisierten Wert mit der Geschwindigkeit und Flexibilität zu bewegen, die der moderne Handel erwartet. Gleichzeitig bleiben Resilienz, Sicherheit und Compliance erhalten." - Thierry Chilosi, Chief Business Officer, Swift
17 Banken auf sechs Kontinenten: wer bei Swifts Pilotprogramm mitmacht
Der Pilot erstreckt sich über sechs Kontinente und bündelt einige der grössten Institute der Branche. Namentlich bestätigt sind bislang zehn der 17 Teilnehmer: Citi, HSBC, UBS, BNP Paribas, Standard Chartered, Wells Fargo, BNY, DBS, MUFG und ANZ. Die übrigen sieben Häuser hat Swift jedoch nicht einzeln aufgeführt. Als Grössenordnung dient das bestehende Netzwerk: Swift verbindet weiterhin über 11'500 Banken, Wertpapierhäuser und Firmenkunden in mehr als 200 Ländern.
Für UBS ist die Teilnahme zudem bereits die zweite grosse Tokenisierungs-Initiative binnen weniger Monate. Schon im September 2025 war die Grossbank mit ihrer Einheit UBS Tokenize Teil eines Chainlink-Swift-Pilots für tokenisierte Fondszeichnungen.
"Wir sehen Interoperabilität als den entscheidenden Hebel, um tokenisierte Einlagen über einzelne Institute hinaus skalierbar zu machen. Swifts Ledger ist eine wichtige Branchen-Initiative, die digitale Geldnetzwerke verbinden kann. Sie unterstützt Echtzeitabwicklung, höhere Liquiditätsmobilität sowie die breitere Einführung tokenisierter Zahlungen und digitaler Vermögenswerte im globalen Finanzsystem." - Andreas Kubli, Managing Director, Group Head of Digital Assets, UBS
Tokenisierte Einlagen statt Stablecoins: der regulatorische Unterschied
Der entscheidende Unterschied zu Stablecoins liegt in der Rechtsnatur des Geldes. Tokenisierte Einlagen sind zunächst digitale Repräsentationen realer Bankguthaben, die im regulierten Bankensystem verbleiben. Somit gelten Einlagensicherung, KYC- und AML-Prüfungen sowie die Bilanzierung bei der emittierenden Bank weiter. Stablecoins hingegen stammen meist von Drittanbietern und sind überwiegend an den US-Dollar gekoppelt.
Für Banken ist das ein zentrales Argument. Swift betont, dass der Ansatz die bestehenden Compliance-, Kredit-, Risiko- und Kontrollstandards des heutigen Zahlungsverkehrs erhält. Gleichzeitig soll die Liquiditätseffizienz steigen. Das Modell adressiert daher genau jene Bedenken, die Aufsichtsbehörden gegenüber privaten Stablecoins äussern.
Parallel treibt Swift eine zweite Tokenisierungs-Schiene voran. Ende September 2025 erweiterte Chainlink seine Kooperation mit dem Netzwerkbetreiber. ISO-20022-konforme Swift-Nachrichten aktivieren dabei Smart-Contract-Ereignisse im Chainlink Digital Transfer Agent Standard. Chainlink erprobt dies in einem Live-Pilot mit UBS Tokenize für tokenisierte Fondszeichnungen und -rücknahmen. Der Anbieter positioniert die Lösung schliesslich für eine Fondsindustrie mit einem Volumen von über 100 Bio. USD.
Swift gegen JPMorgan: zwei Wege zur tokenisierten Bankeinlage
Swift ist mit dem Vorstoss allerdings nicht allein. Parallel baut eine Gruppe grosser US-Banken um JPMorgan und The Clearing House ein eigenes Netzwerk für tokenisierte Einlagen auf. JPMorgan bündelt seine Blockchain-Aktivitäten dabei unter der Einheit Kinexys. Der Start ist Berichten zufolge für die erste Jahreshälfte 2027 geplant. Zu den genannten Teilnehmern zählen JPMorgan Chase, Bank of America, Citibank, BNY und Wells Fargo.
Damit zeichnen sich folglich zwei konkurrierende Infrastrukturansätze ab. Swift setzt auf ein global orchestriertes, bankübergreifendes Modell. Das Clearing-House-Netzwerk bleibt dagegen stärker auf den US-Markt fokussiert. Beide Ansätze wollen tokenisierte Einlagen über Institutsgrenzen hinweg nutzbar machen. Sie unterscheiden sich vor allem in Reichweite und Governance. Auffällig ist, dass JPMorgan und die Deutsche Bank zwar in Swifts 30-Banken-Design-Phase eingebunden waren, in der aktuellen Live-Pilotgruppe aber fehlen.
Für Swift ist der Pilot erst der Anfang. Das Netzwerk sieht die aktuelle Phase als Grundlage für breitere Interoperabilität und künftige Anwendungen wie programmierbares Geld. Perspektivisch nennt der Betreiber zudem automatisierte Zahlungen durch KI-Agenten, den sogenannten "agentic commerce". Ob sich letztlich ein Standard durchsetzt oder beide Netzwerke koexistieren, entscheidet sich in den kommenden Jahren.








