Die US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten ihren elften aufeinanderfolgenden Handelstag mit Nettoabflüssen. Allein am jüngsten Handelstag verliessen 483.8 Mio. USD die Produkte, womit sich die Bitcoin-ETF Abflüsse zu einem neuen Negativrekord verdichten.
Bitcoin-ETFs sind börsengehandelte Fonds, die physisches Bitcoin direkt halten. Damit können institutionelle und private Anleger ein Bitcoin-Engagement über regulierte Wertpapier-Konten abbilden, ohne die Coins selbst verwahren zu müssen. Die SEC genehmigte die Produkte zunächst im Januar 2024. Seither generierten sie bis Ende Mai 2026 kumulierte Nettozuflüsse von 55 Mrd. USD, wobei BlackRocks IBIT mit über 25 Mrd. USD allein im Jahr 2025 der grösste Einzelfonds blieb. Die laufende Abflussserie summiert sich über elf Tage auf 3.45 Mrd. USD und übertrifft damit den bisherigen Rekord von neun aufeinanderfolgenden Verlusttagen.
IBIT als Abfluss-Epizentrum der Rekord-Negativserie
Der elfte Verlusttag in Folge markiert einen neuen Negativrekord für den noch jungen ETF-Markt. Insgesamt 483.8 Mio. USD flossen an diesem Tag aus den Produkten ab. Davon entfielen 440.3 Mio. USD allein auf BlackRocks IBIT, was rund 91 Prozent des gesamten Tagesabflusses ausmacht. Diese Dominanz ist kein Zufall, sondern struktureller Befund: Der grösste Bitcoin-ETF ist zugleich der grösste Treiber der Abflüsse. Was bei einem solchen Konzentrationsgrad untergeht, ist die Rolle der übrigen Anbieter, deren Bewegungen im Schatten des Branchenprimus kaum ins Gewicht fallen.
Die Eskalation begann bereits in der Vorwoche. Am 28. Mai verlor IBIT 527.84 Mio. USD, der zweitgrösste Tagesabfluss seit dem Marktstart und damit nur knapp unter dem absoluten Rekord vom Januar 2024. Einen Tag zuvor hatte ein einzelner Akteur über eine Dark-Pool-Transaktion Anteile im Wert von 1.29 Mrd. USD abgestossen, gemäss dem Galaxy-Analysten Alex Thorn eine der grössten derartigen Transaktionen, die je beobachtet wurden. Als einziger Gegenpol am jüngsten Handelstag trat hingegen Morgan Stanleys MSBT auf, der mit 6.14 Mio. USD einen vergleichsweise marginalen Nettozufluss verbuchte.
Kumuliert summieren sich die Abflüsse über die elf Tage auf 3.45 Mrd. USD. Damit liegt die aktuelle Serie deutlich über dem bisherigen Rekord von neun aufeinanderfolgenden Verlusttagen, den der Markt erst Ende Mai mit damals 2.8 Mrd. USD vermeldet hatte. Folglich verschärft sich der Abwärtsdruck schneller, als die bisherigen Vergleichswerte nahelegten.

Mai 2026 als schlechtester Monat seit einem halben Jahr
Die jüngsten Tageswerte sind kein isoliertes Rauschen. Der gesamte Mai 2026 schloss mit einem Nettoabfluss von 2.43 Mrd. USD ab und markiert damit den grössten Monatsabfluss des laufenden Jahres. Drei Tages-Höchststände prägten zudem das Muster: 635 Mio. USD am 13. Mai, 649 Mio. USD am 18. Mai sowie 733 Mio. USD am 27. Mai. Der stufenweise Druck nahm somit über den Monat hinweg zu, statt sich auf einen einzelnen Ausreisser zu beschränken.
In der letzten Maiwoche verzeichneten Krypto-Produkte Abflüsse von 1.67 Mrd. USD, die dritte negative Woche in Folge und zugleich der zweitgrösste Wochenabfluss des Jahres. Der Verkaufsdruck beschränkt sich somit nicht auf die US-Spot-Produkte, sondern erfasst das breitere Anlagesegment. Gleichzeitig bleibt das Grundgerüst des Marktes intakt: Die kumulierten Nettozuflüsse seit dem Start belaufen sich weiterhin auf 55.23 Mrd. USD, das verwaltete Vermögen liegt bei 105 Mrd. USD. Die aktuelle Serie zehrt damit zwar am Polster, kehrt die langfristige Bilanz jedoch nicht um.
Makrorisiken treiben institutionelle Vorsicht
Der unmittelbare Auslöser des jüngsten Drucks liegt im geopolitischen Umfeld. Anfang Juni beendete der Iran seine Waffenstillstandsverhandlungen mit den USA und drohte mit einer vollständigen Blockade der Strasse von Hormuz. US-Präsident Trump erklärte daraufhin, die US-Marine werde die Blockade unterbinden. Bitcoin fiel in diesem Umfeld auf ein Tagestief von rund 70'200 USD und verlor binnen 24 Stunden 3.6 Prozent, nachdem der Kurs am Vortag bereits die Marke von 71'000 USD unterschritten hatte. Gold legte hingegen zu, womit Bitcoin in dieser Phase als Risk-Asset reagierte und nicht als sicherer Hafen.

Hinter der Tagesvolatilität stehen zudem strukturelle Makrotreiber. Steigende Inflation, höhere Treasury-Renditen und schwindende Hoffnungen auf Zinssenkungen lasten auf der Risikobereitschaft institutioneller Investoren. Der Crypto Fear & Greed Index fiel folglich auf einen Wert von 31 und signalisiert damit ausgeprägte Angst im Markt. Auffällig ist, dass sich die anhaltende Vorsicht über mehr als zehn Handelstage hinweg gehalten hat und damit weniger auf ein einzelnes Ereignis als auf eine breitere Neubewertung hindeutet. Diese Stimmung spiegelt sich somit direkt in den Mittelbewegungen der ETFs wider.
Der Strategy-Verkauf und das Ende einer Narrativ-Grundlage
Zusätzlichen Druck auf das Sentiment erzeugte ein Schritt von Strategy, dem ehemals als MicroStrategy firmierenden Unternehmen. Zwischen dem 26. und 31. Mai verkaufte der Konzern zunächst 32 BTC zu einem Durchschnittspreis von 77'135 USD und erzielte damit einen Erlös von 2.5 Mio. USD. Der Zweck war eine Dividendenzahlung auf die Vorzugsaktie STRC. Es handelte sich ferner um den ersten Bitcoin-Verkauf seit Dezember 2022, als das Unternehmen 704 BTC zur steuerlichen Verlustverrechnung abgestossen hatte. Gemessen am Gesamtbestand von über 843'700 BTC zu einem Einstandspreis von 75'699 USD entspricht der Verkauf lediglich 0.0038 Prozent der Position.
Die symbolische Wirkung übertraf jedoch die wirtschaftliche Bedeutung deutlich. Michael Saylor hatte Bitcoin jahrelang als Asset positioniert, das man niemals verkauft. Der erste Verkauf seit über drei Jahren erschütterte diese Narrativ-Grundlage, zumal Saylor den Schritt bereits am Earnings-Call zum ersten Quartal angekündigt hatte. Die Ankündigung kam zur Unzeit und beschleunigte den ohnehin laufenden Kursrückgang, statt ihn abzufedern. Die MSTR-Aktie reagierte am Tag der Bekanntgabe mit einem Minus von 4.72 Prozent auf 151.57 USD.
Über die einzelnen Faktoren hinaus deutet sich eine breitere Umschichtung an. Analysten verweisen zudem auf eine institutionelle Rotation aus Krypto-ETFs in KI-bezogene Aktien, die in der ersten Jahreshälfte 2026 starke Zuflüsse verzeichneten. Während Kapital aus den Bitcoin-Produkten abfliesst, sucht es somit anderswo nach Rendite. Die aktuellen Abflüsse spiegeln daher einen vielschichtigen Risk-Off-Reflex wider und nicht ein strukturelles Vertrauensproblem gegenüber Bitcoin selbst.








