Das Projekt Tezos, ein Interview mit Stiftungsrat Hubertus Thonhauser

Ein Überblick über das Tezos Projekt, inklusive einem Exklusiv-Interview mit Stiftungsrat Hubertus Thonhauser über den aktuellen Status der Blockchain basierten Smart Contract Plattform.

Das Tezos Projekt wurde erstmals in einem im Jahr 2014 veröffentlichten Whitepaper vorgestellt. Das Netzwerk ist so konzipiert, dass Beteiligte (Stakeholders oder auch Validatoren) für vorgeschlagene Änderungen abstimmen können. Änderungsvorschläge werden nur bei einer Stimmenmehrheit eingeführt, womit das Risiko für eine Aufspaltung des Netzwerks (Hardforks) vermindert werden kann. Softwareteams werden im Falle der Implementierung ihrer Änderungsvorschläge entlohnt.

Kernstück der Codebasis ist ein Open-Source-System zur Formalisierung von Änderungsvorschlägen, sowie zur Abstimmung und zur Implementierung von Änderungen der Funktionalität des Netzwerks (Governance). Tezos hat den Entscheidungsmechanismus über das Netzwerk, den Validatoren überlassen. Die aktive Teilnahme am Netzwerk wird mithilfe eines Liquid-Proof-of-Stake (LPoS)-Systems ermittelt. Bei LPoS können Token-Inhaber ihre Tezos-Tokens («XTZ») an einen Validator delegieren. Der Validator erhält für seine eigenen sowie für die delegierten «XTZ», Baking [1]– und Stimmrechte zugesprochen. Derzeit gibt es rund 480 Tezos Validatoren rund um den Globus.

Erfolgreicher Publikumsverkauf

Tezos hatte 2017 einen sehr erfolgreichen Publikumsverkauf, wobei gut 232 Millionen USD eingenommen werden konnten, die in der Tezos Stiftung in Zug verwaltet werden. Der Stiftungszweck ist klar definiert: Aufbau und Weiterentwicklung des Tezos Netzwerks und Ökosytems. Der Tezos-Crowdsale gilt als einer der erfolgreichsten aller Zeiten.

Unmittelbar nach dem Crowdsale kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Tezos-Präsident Johann Gevers sowie Arthur und Kathleen Breitman, den Gründern von Tezos. Aufgrund er daraus resultierenden Verzögerung im Aufbau von Tezos, versuchte eine kleine Gruppe von Tezos Donatoren in den USA gegen die Tezos Stiftung eine Sammelklage einzureichen, welche jedoch nie zustande kam. Der betreffende Rechtsfall konnte in der Zwischenzeit mit Hilfe eines Vergleichs beigelegt werden.

Nach dem Rücktritt des früheren Stiftungsrats rund um Johann Gevers Anfang 2018 wurde der Tezos Stiftungsrat neu besetzt.

Seit der Lancierung des Tezos open source Blockchain Netzwerks im Herbst 2018 und der Beilegung der Streitigkeiten, geht es auch aufwärts mit der Adaptierung von Tezos. Zeitgleich steigt auch der Marktwert von XTZ, dem Tezos utility-token den Donatoren des Tezos Crowdsale als Gegenleistung für Ihren finanziellen Beitrag erhalten haben und welcher auf Crypto-Börsen weltweit gehandelt wird.

Aktuell rangiert Tezos nach Marktkapitalisierung unter den Top 10 der weltweiten Krypto-Währungen.

Wir konnten mit Stiftungsrat Hubertus Thonhauser über den aktuellen Stand des Projektes sprechen.

CVJ: Tezos stellt ein weiteres Projekt der Kategorie Blockchain-Plattform dar. Was unterscheidet Tezos von der aktuell bekanntesten Plattform Ethereum?

Hubertus Thonhauser: Tezos ist ebenso wie Ethereum eine open source Blockchain und wurde mit dem Ziel geschaffen, die systembedingten Probleme von Generation 1.0 Blockchains wie Bitcoin oder Ethereum zu lösen. Zu diesen zähle ich ineffiziente Validierung des Netzwerks, Technologie-Risiko für Anwender aufgrund von «Hard Forks», sowie Sicherheitsmängel welche beispielsweise in Ethereum Anwendungen zu zahlreichen «Hacks» geführt haben.

Tezos basiert zudem auf einem Proof-of-Stake-System, anstelle den Energie-ineffizienten Proof-of-Work Systemen. Ein weiteres Hauptmerkmal im Tezos Netzwerk liegt auf der Onchain-Governance. Bei Tezos bestimmen in erster Linie die Validatoren, das heisst die Stakeholder welche mit ihrem «Stake» aktiv im Netzwerk teilnehmen. Jeder kann Vorschläge für Netzwerk Upgrades zur Abstimmung einreichen, über welche dann die Stakeholder abstimmen. Der dritte wesentliche technologische Unterschied ist Formalverifikation, mit welcher die Korrektheit von beabsichtigten Algorithmen in Protokollen durch mathematische Methoden verifiziert wird. Die Fehlerquote im Bereich der Software Entwicklung wird dadurch drastisch reduziert. Tezos hat diese aus der Nuklear- Automotive- und Aeoronautics-Industrie bekannte Technologie erstmals in einer Blockchain zur Anwendung gebracht.

Die Transparenz der Governance sowohl «on-chain» als auch «off-chain» ist entscheidend für die Kernmission von Tezos und unterscheidet sich von den meisten anderen Open Source Blockchain Projekten. So wurden die im Rahmen des Tezos Fundraising eingesammelten Mittel einer KYC/AML Prüfung unterzogen, bevor der Tezos Token XTZ herausgegeben wurde.

Wir haben ganz bewusst klare Strukturen geschaffen um für Anwender Planbarkeit und Transparenz sicherzustellen. Vor allem für institutionelle Anwender wären Themen wie Hardforks, fehlende Klarheit zur Mittelherkunft und der Mittelverwendung der Stiftung problematisch.

Zusätzlich wird die Tezos-Stiftung, welche für die Mittelbeschaffung zur Weiterentwicklung des Protokolls verantwortlich ist, nach klar definierten Industriestandards geführt, welche auch regelmässig von PwC, einem der «Big Four» Wirtschaftsprüfer, geprüft werden.

Welche konkreten Projekte sollen auf der Tezos-Plattform umgesetzt werden, respektive sind bereits aktiv?

Tezos ist ein b2b Produkt und bietet die Basis-Infrastruktur für Blockchain Anwendungen und Applikationen verschiedenster Art. Die Eigenschaften des Tezos Protokolls eignen sich vor allem für Blockchain Anwendungen mit zugrunde liegenden Finanz- oder Werte-Transaktionen, was ein sehr weitreichendes Spektrum darstellt. Beispiele sind die Abwicklungen von digitalen Wertschriftentransaktionen sowie Zahlungstransaktionen. Aktuell läuft die Implementierung von zahlreichen Digital Securities Offerings im Bereich Immobilien, beispielweise mit BTG Pactual, der grössten Investmentbank Lateinamerikas sowie mit Alliance Partners, dem grössten Immobilien Entwickler in Manchester, UK, als auch die Lancierung einer regulierten Handelsplattform für Digital Securities Offering in Asien, um nur einige Beispiele zu nennen. Dazu wird Tezos als Basistechnologie für Digitale Bankenplattformen integriert, was die Anwendungsfälle in dieser Branche mittelfristig steigern wird.

Gibt es neben Abwicklungen im Finanzsektor noch weitere Anwendungsfälle, welche Tezos abdecken kann?

Die Tezos Blockchain eignet sich ausserhalb des Finanzdienstleistungsbereichs beispielsweise auch in den Sektoren digitale Währungen von Zentralbanken (CBDC), sowie für den Gaming-Bereich mit nicht fungiblen Token («NFT»). Aber auch im Bereich Lieferketten-Management kann Tezos Lösungen bieten.

Warum sollte man sich für eine Lösung auf der Tezos-Blockchain entscheiden?

Tezos als Open-Source Projekt ist so konzipiert, dass technologische Weiterentwicklungen im Blockchain Bereich, sofern sie sich in der Praxis bewährt haben, ohne «hard-fork» in Tezos integriert werden können. Das Technologierisiko im Blockchain Projekt wird dadurch aus Anwendersicht stark reduziert. Zusätzlich umfasst das Tezos Ökosystem Entwickler-Teams auf der ganzen Welt, sowie Partner für Support bei Tezos-Integrationen. Dazu ist Tezos eines der finanziell am stärksten ausgestatteten Open Source Blockchain Projekte überhaupt, womit die ständige Weiterentwicklung der Software sowie des Ökosystems über eine sehr lange Zeit sichergestellt werden kann. Aktuell belaufen sich die Mittel die dem Projekt mittels der Tezos Stiftung zur Verfügung stehen auf rund 600 Mio. USD. Diese Ressourcen setzen sich aus Bitcoin, XTZ, sowie einem beträchtlichen Anteil an jederzeit verfügbaren liquiden Mitteln zusammen.

Wie ist es personell um das Projekt gestellt. Wie viele Personen sind von der Tezos Stiftung angestellt, um die erwähnten Aufgaben zu meistern?

Tezos ist auch organisatorisch stark dezentral strukturiert und operiert weltweit. Aktuell sind rund 100 Vollzeitstellen weltweit direkt oder indirekt von der Tezos Stiftung geschaffen worden, sowohl als Angestellte der Tezos Stiftung am Hauptsitz in Zug aber auch als eigenständige Teams in den USA, Frankreich, der Schweiz, Brasilien und Asien. Dazu kommt eine Vielzahl von Software Entwickler, welche weltweit projektbezogen auf Tezos arbeiten. Ebenso sind an verschiedenen Universitäten wie INRIA (Paris) oder der IMDEA (Madrid) Tezos-Projekte im Gange, um die Entwicklung voranzutreiben.

Was kann ein XTZ-Token Inhaber wirtschaftlich erwarten?

Die FINMA hat XTZ als «Utility Token» klassifiziert, es ist somit kein Finanzprodukt im rechtlichen Sinne. Es existieren allerdings Derivate von XTZ welche im Rahmen von ETP’s an den Börsen als Finanzprodukt gehandelt werden.

Besitzer von XTZ sind direkt oder indirekt Validatoren des Tezos Netzwerks und erhalten dafür eine  Inflationsabgeltung von rund 5% p. a. proportional zu ihrem XTZ Anteil («Stake») ausgeschüttet. Somit besteht ein Anreiz XTZ längerfristig zu halten, respektive aktiv am Netzwerk als Validator teilzunehmen. Der Utility-Token XTZ wird an sämtlichen grossen regulierten Krypto-Börsen der Welt gehandelt und erfreut sich dort  auch gesteigertem Interesse von institutionellen Anlegern.

Der Preis von XTZ ist wie bei allen Krypto-Währungen von Angebot und Nachfrage abhängig. Die Tezos-Stiftung als Herausgeber der XTZ hält 10% der verfügbaren XTZ und agiert als einer der Validatoren, greift aber nicht in die Preisbildung von XTZ ein.

Wo wird das Tezos Projekt in den nächsten Jahren innerhalb des Kryptoökosystems stehen?

Wir gehen davon aus, dass wir eine bedeutende Rolle im Finanzdienstleistungssektor übernehmen können. Finanzdienstleister beginnen dabei den Vorteil von Blockchain Technologien an sich zu erkennen.  Auch den Mehrwert das ein Open Source System mit hohem Compliance-Standard gegenüber geschlossenen, privaten Blockchain Systemen bietet, ist vorteilhaft. Man denke dabei an die erhöhte Netzwerk-Sicherheit eines dezentralen Systems gegenüber einer zentralen Lösung, oder an die Vorteile des Netzwerkeffekts bei der Technologie-Weiterentwicklung.

Unserer Ansicht nach ist es eine Frage der Zeit bis Blockchain Technologie auch beim Retail-Endnutzer ankommen wird. Viele traditionelle Finanzinstrumente werden künftig über Blockchain basierte digitale Wertpapiere in fraktionalen Anteilen erwerbbar sein. Der Endnutzer wird in Zukunft via Smartphone-App auf seinem digitalen Wallet neben Krypto-Währungen wie Bitcoin oder XTZ auch gestückelte Anteile an S&P 500 Blue-Chips, KMUs, Immobilien oder Private Equity Fonds erwerben und gegeneinander handeln können. Die sogenannte «Tokenisierung» von traditionellen Anlagemöglichkeiten bedeutet eine Demokratisierung zum Erwerb von Vermögenswerten, was insbesondere in Emerging Markets das Problem der fehlenden Einbindung von grossen Teilen der Bevölkerung ins Finanzsystem ermöglichen wird. Tezos möchte dabei als Basis-Technologie eine führende Rolle übernehmen.

[1] «Baking» ist der Begriff für das Erstellen und Anhängen eines neuen Blocks an die Tezos-Blockchain.

 

Hubertus Tonhauser ist Vorstandsmitglied der Tezos Stiftung in Zug

Er ist ausserdem geschäftsführender Partner bei Enabling Future, einer von einem Family Office unterstützten Risikokapitalgesellschaft mit Sitz in Dubai

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Über den Autor

Redaktion cvj.ch

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