Russland finalisiert ein Gesetz, das nicht-qualifizierten Anlegern erstmals den regulierten Handel mit Kryptowährungen ermöglicht. Anatoly Aksakov, Vorsitzender des Finanzmarktausschusses der Staatsduma, bestätigte gegenüber der c: Der Gesetzesentwurf ist abgeschlossen.
In der Frühjahrssitzung des Parlaments soll die Regelung diskutiert werden. Nach Jahren restriktiver Politik markiert dies einen deutlichen Kurswechsel. Denn die Zentralbank will bis zum 1. Juli 2026 einen rechtlichen Rahmen schaffen, der digitale Assets als Anlageklasse anerkennt. Zwischen qualifizierten und nicht-qualifizierten Investoren unterscheidet die geplante Regulierung klar. Privatanleger dürfen künftig bis zu 300'000 Rubel (3'800 USD) pro Jahr investieren, Voraussetzung ist ein Wissenstest zum Risikobewusstsein. Professionelle Marktteilnehmer handeln ohne Volumenbeschränkung. Und beide Gruppen müssen eine Risikoprüfung absolvieren, anonyme Kryptowährungen bleiben für alle verboten.
Zweistufiges Investorenmodell mit klaren Grenzen
Am 23. Dezember 2025 veröffentlichte die Bank of Russia ein Konzeptpapier mit den regulatorischen Grundlagen. Nur die liquidesten Kryptowährungen stehen Privatanlegern offen, welche Assets konkret darunter fallen definiert die künftige Gesetzgebung. Das Jahreslimit von 300'000 Rubel (3'800 USD) gilt pro Intermediär, professionelle Investoren unterliegen keinen Mengenbeschränkungen.
Wer als qualifizierter Investor gilt, muss mindestens eines von mehreren Kriterien erfüllen: 6 Millionen Rubel (76'000 USD) in Wertpapieren und Derivaten, zwei bis drei Jahre Berufserfahrung im Wertpapierhandel oder anerkannte Zertifikate wie CFA oder FRM. Alternativ genügen zehn Transaktionen pro Quartal über vier Quartale mit einem Gesamtvolumen von 6 Millionen Rubel (76'000 USD). Für juristische Personen gelten andere Schwellen: 200 Millionen Rubel (2.5 Mio. USD) Nettovermögen oder 2 Milliarden Rubel (25 Mio. USD) Jahresumsatz.
Als Zahlungsmittel innerhalb Russlands bleiben Kryptowährungen verboten. Grenzüberschreitende Transaktionen erlaubt das Gesetz jedoch ausdrücklich, russische Staatsbürger dürfen über ausländische Konten kaufen und über russische Intermediäre ins Ausland transferieren. Dabei gilt Meldepflicht gegenüber den Steuerbehörden. Privacy Coins wie Monero oder Zcash (die Transaktionsdaten verschleiern) sind für sämtliche Investorengruppen tabu.
Von der Pyramide zum Anlageinstrument
Ein bemerkenswerter Richtungswechsel. Noch 2022 bezeichnete die Zentralbank Kryptowährungen als Pyramidensystem und forderte ein vollständiges Verbot, jetzt setzt Moskau auf kontrollierte Integration statt Prohibition. Die Bank of Russia warnt allerdings weiterhin vor Risiken: Digitale Assets seien volatil, nicht staatlich garantiert und unterlägen erhöhten Sanktions- und Betriebsrisiken. Anleger müssten den vollständigen Verlust einkalkulieren.
Hinter dem Kurswechsel steckt zunehmende Krypto-Adoption, insbesondere für grenzüberschreitende Zahlungen. Nach internationalen Sanktionen nutzen russische Unternehmen vermehrt digitale Assets im Aussenhandel. Chainalysis-Daten belegen: Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 verzeichnete Russland Krypto-Transaktionen im Wert von 376.3 Milliarden US-Dollar. Grossbritannien kam auf 273.2 Milliarden, womit Russland zum grössten europäischen Krypto-Markt nach Transaktionsvolumen wurde.
Die Moskauer Börse (MOEX) und St. Petersburger Börse wollen ab Mitte 2026 regulierten Krypto-Handel anbieten. MOEX entwickelt ein dediziertes Handels- und Abwicklungssystem, die St. Petersburger Börse verfügt bereits über die nötige Infrastruktur. Das Handelsvolumen für Krypto-Futures an der MOEX erreichte zuletzt 636 Millionen Dollar, ein neuer Rekord für Terminkontrakte.
Grenzüberschreitender Handel als strategisches Ziel
Für den Handel mit anderen BRICS-Staaten sieht die St. Petersburger Börse Kryptowährungen als Schlüssel, westlich dominierte Finanzsysteme liessen sich so umgehen. Aksakov erklärte, die Gesetzgebung werde nicht nur den inländischen Handel regeln, sondern auch internationale Nutzung erleichtern: grenzüberschreitende Abwicklungen und die Platzierung russischer Token auf ausländischen Märkten.
Bis zum 1. Juli 2026 soll der rechtliche Rahmen stehen. Ein Jahr später, ab dem 1. Juli 2027, tritt eine Haftungsregelung für illegale Aktivitäten von Krypto-Intermediären in Kraft, die Strafen orientieren sich an jenen für illegales Bankgeschäft. Aksakov dazu: "Ein Gesetzesentwurf wurde bereits vorbereitet, der Kryptowährungen aus der speziellen Finanzregulierung herausnimmt. Sie werden damit zu einem gewöhnlichen Bestandteil unseres Lebens."
Kontrollierte Öffnung mit politischem Kalkül
Pragmatismus prägt Russlands Umgang mit technologischen und geopolitischen Realitäten. Hochriskant stuft die Zentralbank Kryptowährungen weiterhin ein, anerkennt aber deren wachsende Bedeutung für Kapitalströme und internationalen Handel. Volumenlimits für Privatanleger und die Beschränkung auf liquide Assets sollen Spekulationsblasen und Kapitalabfluss begrenzen.
Bis Mitte 2026 haben Börsen Vorlaufzeit für technische Anpassungen. Und der Gesetzgeber verschafft sich Spielraum, auf internationale Entwicklungen zu reagieren. Ob Kryptowährungen in die bestehende Finanzinfrastruktur zu integrieren Russlands Position in einem fragmentierten globalen Finanzsystem stärkt, zeigt sich nach der Implementierung.








