Standard Chartered prognostiziert einen massiven Kapitalabfluss aus dem traditionellen Bankensektor. Bis Ende 2028 könnten rund 500 Mrd. USD aus Banken in entwickelten Märkten in Stablecoins abwandern. Zusätzlich rechnet die Grossbank mit einer Billion Dollar Abfluss aus Schwellenländern im selben Zeitraum.
Die Prognose basiert auf der Annahme, dass die Stablecoin-Marktkapitalisierung bis 2028 auf zwei Billionen Dollar ansteigt. Ein Drittel dieses Wachstums speist sich laut Standard Chartered direkt aus Bankeinlagen. Folglich trifft diese Entwicklung US-Regionalbanken besonders hart. Ihre starke Abhängigkeit von Zinsmargen macht sie verwundbar gegenüber schrumpfenden Einlagenbeständen.
Zinsdifferenz als Treiber der Migration
Das Kernproblem liegt in der Zinsdifferenz zwischen traditionellen Sparkonten und Stablecoins. Während US-Banken typischerweise 0.1 Prozent auf Spareinlagen zahlen, könnten Stablecoins Renditen von vier Prozent bieten. Bank of America CEO Brian Moynihan warnte daher Mitte Januar während eines Earnings Calls vor bis zu sechs Billionen Dollar potenziellem Einlagenabfluss. Das entspricht 30 bis 35 Prozent aller kommerziellen Bankeinlagen in den USA.
Moynihan verwies dabei auf eine Studie des US-Finanzministeriums. Demnach würden Stablecoins mit Zinsausschüttung Einlagen aus dem Bankensystem abziehen. Banken müssten dann auf teurere Wholesale-Finanzierung statt günstiger Kundeneinlagen zurückgreifen. Entsprechend würden die Kreditkosten für Unternehmen und Konsumenten steigen.
Bank of America selbst beendete 2025 mit zwei Billionen Dollar an Einlagen. Der potenzielle Verlust eines erheblichen Teils dieser Basis erklärt somit die deutlichen Worte des CEOs. Denn ohne günstige Einlagenfinanzierung schrumpfen die Margen der Banken erheblich.
Regionalbanken im Fadenkreuz
Geoff Kendrick, Global Head of Digital Assets Research bei Standard Chartered, identifiziert US-Regionalbanken als am stärksten exponiert. Ihre Umsätze hängen überdurchschnittlich stark von der Net Interest Margin ab. Der Verlust von Retail-Einlagen trifft ihre Bilanzen folglich härter als bei diversifizierten Grossbanken oder Investmentbanken.
Konkret nennt Standard Chartered Huntington Bancshares, M&T Bank, Truist Financial und CFG Bank als besonders vulnerable Institute. Huntington Bancshares schliesst gerade die 7.4 Milliarden Dollar schwere Akquisition von Cadence Bank ab. Nach der Fusion im Februar verfügt die neue Huntington über 276 Milliarden Dollar Assets und 220 Milliarden Dollar Einlagen. Sie wird damit zu einer Top-10-Regionalbank. Gleichzeitig steigt jedoch ihre Exposition gegenüber Einlagenabflüssen.
Truist Financial verfehlte hingegen im vierten Quartal 2025 die Umsatzerwartungen mit 5.25 Milliarden Dollar statt erwarteter 5.31 Milliarden Dollar. Die Kreditwachstums-Guidance für 2026 liegt bei nur drei bis vier Prozent. Analysten bewerten dies entsprechend als schwach.
Historische Parallele: Geldmarktfonds der 1970er Jahre
Die aktuelle Entwicklung erinnert an den Aufstieg der Geldmarktfonds in den 1970er und 1980er Jahren. Damals lagen die Marktzinsen über den erlaubten Bankzinsen. Die Regulation Q begrenzte Sparzinsen auf maximal fünf Prozent bis 1986. Als die Inflation 1969 über fünf Prozent stieg, verloren Sparer dadurch real Geld.
Bruce Bent und Henry Brown gründeten daraufhin 1971 den ersten Geldmarktfonds. Die Branche wuchs rasant: von 36 Fonds 1975 auf 90 Fonds 1980 und 649 Fonds 1990. Bereits 1982 erreichten Geldmarktfonds zehn Prozent des Volumens von Bankeinlagen. Infolgedessen verloren Banken ihren Status als primäre Intermediäre zwischen Sparern und Märkten.
Merrill Lynch's Cash Management Account mit automatischem Sweep in Geldmarktfonds löste 1977 einen massiven Kapitalabfluss aus dem Bankensektor aus. Die Banken reagierten allerdings erst 1982 mit dem Garn-St Germain Act. Dieser ermöglichte versicherte Geldmarktkonten mit kompetitiven Zinsen. Die Substitution zwischen Bankeinlagen und Geldmarktfonds hält dennoch bis heute an: Ein Prozentpunkt Anstieg bei Bankeinlagen bedeutet laut Federal Reserve 0.2 Prozentpunkte Rückgang bei Geldmarktfonds.
Regulatorischer Rahmen im Umbruch
Der GENIUS Act trat am 17. Juli 2025 in Kraft. Er schafft das erste umfassende föderale Rahmenwerk für Stablecoins in den USA. Stablecoin-Emittenten müssen demnach 1:1 Reserven in risikoarmen Assets halten. Der Stablecoin Certification Review Committee unter Leitung des Treasury Secretary überwacht die Umsetzung. Die Implementierungsfrist endet am 18. Juli 2026.
Der CLARITY Act befindet sich dagegen noch in Verhandlung. Kernstreitpunkt ist ein mögliches Verbot von Zinszahlungen auf Stablecoins. Das Senate Banking Committee veröffentlichte am 12. Januar 2026 einen 278-Seiten-Entwurf. Dieser verbietet Digital Asset Service Providers Zinszahlungen an Nutzer für blosse Stablecoin-Haltung.
Coinbase CEO Brian Armstrong zog daraufhin seine Unterstützung für den CLARITY Act zurück. Das Senate Banking Committee verschob infolgedessen das Markup. Lobbyist Ron Hammond schätzt die Erfolgswahrscheinlichkeit auf 40 Prozent. Standard Chartered erwartet dennoch eine Verabschiedung bis Ende des ersten Quartals 2026.
Tether lanciert regulierten US-Stablecoin
Marktführer Tether reagierte auf den regulatorischen Wandel mit der Ankündigung von USAT am 27. Januar 2026. Anchorage Digital Bank emittiert den neuen Stablecoin. Das Office of the Comptroller of the Currency reguliert das Produkt. Bo Hines wiederum, ehemaliger Executive Director des White House Crypto Council, leitet das Projekt, während Cantor Fitzgerald die Reserven verwaltet.
USAT zielt auf den US-Markt ab, während USDT global führend bleibt. Nutzer können beide Stablecoins laut CEO Paolo Ardoino eins zu eins tauschen. Das Ziel: eine Billion Dollar Marktkapitalisierung innerhalb von fünf Jahren. Damit fordert Tether erstmals Circles USDC direkt im regulierten US-Markt heraus.
Der aktuelle Stablecoin-Markt umfasst rund 318 Milliarden Dollar. Tether dominiert dabei mit 187 Milliarden Dollar und 61 Prozent Marktanteil. Circles USDC hält 76 Milliarden Dollar. Das Transaktionsvolumen erreichte 2025 einen Rekord von 33 Billionen Dollar. USDC führte mit 18.3 Billionen Dollar vor USDT mit 13.3 Billionen Dollar.

Schwellenländer als zusätzlicher Druckpunkt
Die Dynamik in Schwellenländern verstärkt den Druck auf das traditionelle Bankensystem zusätzlich. Lateinamerika verzeichnete 2025 ein Stablecoin-Wachstum von 89 Prozent auf 324 Milliarden Dollar. Treiber sind chronische Inflation, Währungsinstabilität und ein 142 Milliarden Dollar schwerer Überweisungsmarkt.
Standard Chartered erwartet daher eine Billion Dollar Abfluss aus Schwellenländerbanken wie jenen in Pakistan und Ägypten bis 2028. Eine S&P Global Simulation für 45 Schwellenländer zeigt zudem: Stablecoin-Werte könnten dort von heute etwa 70 Milliarden Dollar auf 250 bis 730 Milliarden Dollar steigen.
Relativ zum BIP sind Stablecoins in Lateinamerika und der Karibik mit 7.7 Prozent sowie in Afrika und dem Mittleren Osten mit 6.7 Prozent am bedeutendsten. Indien, Nigeria und Indonesien führen hingegen bei den absoluten Nutzerzahlen. Argentinien umgeht mit Stablecoins beispielsweise das legale Limit von 200 Dollar Monatskauf für Fremdwährungen.
Tokenisierte Einlagen als Gegenoffensive
Die Bankenbranche arbeitet unterdessen an einer Antwort. Tokenisierte Einlagen könnten Stablecoins Konkurrenz machen. Sie bieten einen entscheidenden Vorteil: FDIC-Versicherung. Uphold CEO Simon McLoughlin prognostiziert entsprechend: 2026 wird das Jahr der tokenisierten Einlage, nachdem 2025 das Jahr des Stablecoins war.
Treasury Secretary Scott Bessent erwartet, dass der Stablecoin-Markt bis Ende des Jahrzehnts 3.7 Billionen Dollar erreicht. Monatliche Transaktionsvolumina von einer Billion Dollar könnten bereits Ende 2026 Realität werden. Die Frage für Regionalbanken lautet daher nicht mehr, ob die Disruption kommt. Sie lautet vielmehr, wie schnell sie ihre Geschäftsmodelle anpassen können.







