Was die Blockchain wirklich kann

Der Blockchain wird so viel disruptives Potenzial zugeschrieben wie keiner anderen Technologie der letzten 20 Jahre. Dass es dabei zu Übertreibungen kommt, sei normal, meint Oliver Bussmann. Doch im grossen Ganzen hält er die Lobeshymnen für gerechtfertigt. Die Auswirkungen auf die Praxis sähen wir  schon bald: Viele Blockchain-Start-ups würden die Projektphase in absehbarer Zeit verlassen.

Herr Bussmann, seit der Bitcoin in aller Munde ist, wird auch vermehrt über die Blockchain diskutiert. Was kann die Technologie wirklich?

Eine der vielen Anwendungen ist der globale Zahlungsverkehr. Wenn Unternehmen internationale Geschäfte betreiben, dauert es mehrere Tage, bis die Zahlungen ausgeführt sind. In diesen Vorgang sind mehrere Parteien involviert, die jeweils ihre eigenen Bücher führen und diese synchronisieren müssen. Bis der Betrag tatsächlich beim Empfänger eintrifft, dauert es zwei bis drei Tage, die Kosten betragen zwischen 30 und 50 Dollar. Durch die Blockchain kann das Abgleichen stark vereinfacht werden. Die Effizienz wird gesteigert, die Fehleranfälligkeit minimiert, der Empfänger hat den Betrag nach ein paar Minuten auf seinem Konto gutgeschrieben. Das Effizienzpotenzial beträgt etwa 50 bis 60 Milliarden Dollar pro Jahr.

Ist das der Grund, dass in diesem Bereich ausnehmend viele Start-ups tätig sind?

Der globale Zahlungsverkehr ist ein Riesengeschäft und für den Kunden oft eine frustrierende Erfahrung – genau das sind Marktvoraussetzungen, nach denen Start-ups suchen. Zahlungen sind zu teuer, zu langsam, zu mühsam – die Produkte der Fintechs sind besser, günstiger, schneller.

Mit der Blockchain werden viele Parteien, auch der Mittelsmann, ausgeschaltet, richtig?

Richtig und damit wird eine Komplexität herausgenommen, die zum Beispiel im Aussenhandel sehr gross ist.

Wie genau steigert die Blockchain die Effizienz? Was geschieht im Detail?

Ein Exporteur muss sich darauf verlassen können, dass er für seine Lieferung den vereinbarten Preis erhält, der Importeur will sicher sein, dass er für sein Geld die bestellte Ware in tadellosem Zustand bekommt. In diese Kette sind viele weitere Parteien wie Banken oder Zollbehörden involviert. Heute ist das Verschicken von Gütern ein riesiger Papieraufwand. Diese  «Letter of Credits», in denen alle Details geregelt werden, sind teilweise bis zu 500 Seiten dick. Bei der Blockchain wird der Vertrag digitalisiert und dezentral abgelegt. Da alle involvierten Parteien Zugriff haben, entfällt das aufwändige Abgleichen der verschiedenen Transaktionen.

Sie sprechen Smart Contracts an.

Richtig. Mit diesen können Verträge künftig reibungsloser, effizienter und vor allem sicherer abgewickelt werden. So wird beispielsweise automatisch die Zahlung ausgelöst, sobald die Ware eingetroffen ist und der Empfang auf der Blockchain bestätigt wurde. In den Smart Contracts wird nicht nur das Geschäft beschrieben, sondern auch, was geschieht, wenn gewisse Dinge eintreffen oder eben nicht eintreffen. Heute werden solche Schritte fast immer manuell ausgelöst, Smart Contracts erledigen solche Dinge automatisch, ohne physische Interaktionen.

Das dürfte Auswirkungen auf das Tätigkeitsfeld von Rechtsanwälten und Notaren nach sich ziehen.

Absolut. Sie werden Bestandteil von Software-Entwicklungsteams und ihr Arbeitsalltag wird sich künftig vermehrt um solche elektronischen Verträge drehen.

Können die Kosteneinsparungen durch die Blockchain beziffert werden?

Im Beispiel des Aussenhandels wird von Kosteneinsparungen von rund 15 Milliarden pro Jahr ausgegangen. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Allein im Finanzbereich wird das Effizienzpotenzial auf über 100 Milliarden pro Jahr geschätzt. Doch das alles gilt nur, wenn wir es schaffen, der Blockchain zum Durchbruch zu verhelfen.

Studien und Prognosen können irren. In der Praxis hat die Blockchain noch nicht viel Zählbares zustande gebracht. Ist das nicht einfach viel heisse Luft?

Nein, denn wir stehen ja immer noch ganz am Anfang der Entwicklung, die Technologie ist ja erst ein paar Jahre alt. Trotzdem gibt es bereits erfolgreiche Praxisbeispiele: Ripple etwa nimmt im internationalen Zahlungsverkehr eine führende Rolle ein und hat Dutzende von Banken in ihrem Netzwerk. Dabei werden virtuelle Währungen, aber auch Real-Währungen gehandelt. Hier sieht man also bereits erste erfolgreiche Anwendungen.

Ripple ist die grosse Ausnahme, weitere gibt es nicht.

Jetzt kommen wir in die spannende Phase, in der diverse Projekte die Konzeptphase verlassen und die ersten Piloten und Implementierungen stattfinden. Die ersten Anwendungsbeispiele gehen dieses und nächstes Jahr in Produktion. Davon werden früher oder später auch Geschäftsmodelle und Produkte beeinflusst werden.

Zum Beispiel?

Der deutsche Automobilbauer Daimler hat vor wenigen Monaten eine Finanzierung auf der Blockchain aufgesetzt, Interessenten konnten  ihre Anteile direkt über diese zeichnen. Bislang waren Banken stark in solche Vorgänge involviert, bei einer Finanzierung über die Blockchain spielen sie nur eine Nebenrolle.

Werden Banken obsolet?

Nein. Sie haben nach wie vor eine starke Rolle beim Vertrauen und das wird sich nicht von heute auf morgen ändern. Bis eine Technologie Vertrauen gewonnen hat, dauert es in der Regel sehr lange. Und noch ist der Handlungsdruck bei den Banken nicht so hoch, weil ihr Geschäft bisher nicht substanziell beeinträchtigt worden ist. Doch das Beispiel Daimler zeigt, dass sich die Dinge langsam wandeln.

Wer ausser den Banken wird davon betroffen sein?

So gut wie jede Branche. Wir haben ja bereits über Notariatsgeschäfte gesprochen. Denken Sie an das Thema Internet of Things. Milliarden von Sensoren und Geräten werden miteinander verknüpft sein und miteinander kommunizieren. Das kann unmöglich zentral abgewickelt werden, die Blockchain wird hier sehr nützlich sein.

Es tönt ein bisschen so wie vor 20 Jahren, als das Internet aufkam.

Richtig. Die Ähnlichkeiten sieht man auch beim investierten Risikokapital. Mitte der 1990er-Jahre wurden schätzungsweise 500 Millionen Dollar pro Jahr in Internet-Startups investiert. Bei der Blockchain sind in den letzten drei Jahren weit über 1,5 Milliarden Dollar in Jungunternehmen geflossen, die Produkte und Dienstleistungen im Bereich der Blockchain entwickeln. Diese riesigen Volumina zeigen das grosse Vertrauen, das diese Technologie bereits geniesst. Allein dadurch wird das Thema weiter an Fahrt gewinnen.

Trotzdem bleibt das Thema abstrakt. Abgesehen von ein paar Einzelbeispielen versteht fast niemand – auch in den Chefetagen –, was diese Technologie bewegen kann.

So wie vor 20 Jahren mit dem Internet. Auch damals war nicht absehbar, wie sich die Technologie entwickeln würde. Erst mit der Zeit wurde deutlich, dass das Internet zu komplett neuen Produkten und Dienstleistungen führen würde. Und mit der Zeit wuchs auch das Vertrauen. Dasselbe werden wir mit der Blockchain erleben. Die Geschäftsmodelle werden sich grundlegend verändern, darauf sollten sich Unternehmenslenker schon jetzt vorbereiten.

Im Vergleich zum Internet fehlt bei der Blockchain eine Standardisierung, es gibt diverse rivalisierende Lager.

Diese Standardisierung findet derzeit statt. Global haben wir über 25 Netzwerke und Konsortien, die das Thema weltweit zu standardisieren versuchen, um damit eine breite Akzeptanz zu fördern. Mittlerweile haben alle verstanden, dass man zusammenarbeiten muss, um eine Standardisierung zu erreichen und Wachstumsbereiche zu erschliessen.

Wo findet das Wachstum statt?

Momentan ist die Diskussion, wie man bestehende Produkte und Dienstleistungen auf die Blockchain bekommt. Doch Jungunternehmen wie etablierte Firmen tüfteln an neuen Produkten. Das ist heute viel einfacher, als es vor 20 Jahren war.

Warum?

Es ist heute viel einfacher als damals, ein Technologie-Start-up zu gründen. Früher musste man für dessen Aufbau viel Kapital für eine IT- Infrastruktur aufwerfen. Heute ist vieles frei verfügbar, die Kosten sind um ein Vielfaches tiefer als vor 20 Jahren. Dies erlaubt, nicht nur bestehende Produkte und Dienstleistungen auf die Blockchain zu bringen, sondern komplett neue zu entwerfen. Ein Beispiel, bei dem im letzten Jahr grosse Fortschritte erzielt wurden, ist Crowdfunding, das ja schon sehr stark digitalisiert ist.

Sie sprechen die ICOs an, die Initial Coin Offerings. Was ist damit genau gemeint?

Schauen Sie sich die rasante Entwicklung der ICOs an. Da wurden in kurzer Zeit Milliarden investiert. Wenn ein Start-up früher Kapital brauchte, stiegen vor allem klassische Risikokapitalgeber ein. Jetzt kommen plötzlich digitale Crowdfunding-Plattformen, die mit einem eigenen Token (digitale Währung; die Red.) frisches Kapital suchen. Das ist für mich der nächste Reifegrad der Entwicklung:  Jungunternehmen geben Token aus, der Käufer erhält entweder einen Anteil am Unternehmen oder nutzt die digitale Währung für anderweitige Geschäfte.

Ist das der meistgewählte Weg oder eine Randerscheinung?

Es gibt eine riesengrosse Nachfrage, über 1,5 Milliarden Dollar wurden über solche Kanäle bereits investiert. Rund 70 Prozent der Start-ups im Bereich der Blockchain wurden so finanziert. Innerhalb weniger Monate hat sich zur altbekannten, etablierten Finanzierungsform eine Alternative entwickelt. Natürlich findet das primär in Nischen statt, doch das Potenzial der ICO ist riesig.

Warum?

Weil auch hier gilt, was eigentlich immer gilt: Sobald eine kritische Masse erreicht wird, steigt das Wachstum exponentiell.

Dennoch scheinen einzelne ICOs mehr Luft zu verkaufen als Substanz.

Als das Internet aufkam, haben viele Menschen Internetaktien gekauft, auch unerfahrene Anleger. Alle hatten die Erwartung, viel Geld zu verdienen. Dann kam dann eine Bereinigung, alle nicht nachhaltig aufgestellten Firmen verschwanden. Übertreibungen gibt es auch heute: Natürlich ist es irrational, dass Firmen innert weniger Stunden über Tokens 200 Millionen Dollar Kapital aufnehmen.

Kommt auch hier eine Korrektur?

Wir werden durch die gleiche Lern- und Ernüchterungskurve gehen wie in den 1990er-Jahren. Firmen, die kein klares Geschäftsmodell haben und nicht nachhaltig aufgestellt sind, werden vom Markt verschwinden. Letztlich liegt die Verantwortung bei den Investoren, es handelt sich schliesslich um Risikoinvestitionen.

Hier kommt die von Ihnen präsidierte «Crypto Valley Association» ins Spiel. Was ist deren Ziel?

Das Ziel der Vereinigung ist die Förderung von Blockchain-Technologie und Kryptowährungen und damit die Stärkung des Schweizer Standorts und dessen Blockchain-Ökosystems.

Das wäre ein weiterer Schritt, um die globale Führungsrolle beim Thema Blockchain und Kryptowährungen zu festigen.

Die Schweiz hat sich in diesem Bereich tatsächlich einen Namen gemacht. Mit unserer Vereinigung mit über 200 Mitgliedern wollen wir letztlich das Geflecht von Interessen, Ressourcen und Wissen bündeln und weiter ausbauen. So kriegen wir Talente und Geschäftsvolumen in die Schweiz, und das führt zu neuen und nachhaltigen Arbeitsplätzen.

Dazu braucht es entsprechende Rahmenbedingungen. Sind diese vorhanden?

Der Schweizer Regulator verfolgt einen liberalen Weg und das ist gut so. Auch die Politik hat die Wichtigkeit dieses Themas erkannt. In den letzten Wochen besuchten unter anderem der Wirtschaftsminister Schneider-Ammann und kurze Zeit später der Finanzminister Ueli Maurer das Crypto Valley.

Der Schweiz wird nachgesagt, sie habe die Digitalisierung verschlafen. Ist das unsere Chance, dieses Versäumnis aufzuholen?

Absolut. Jede Technologie bringt ganz neue Möglichkeiten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Und beim Thema Blockchain ist die Schweiz tatsächlich einer der weltweiten Vorreiter. Diesen Schwung müssen wir nutzen und Zug wie die ganze Schweiz zum globalen Blockchain-Hub entwickeln.

Dieser Artikel ist im Original auf punktmagazin.ch erschienen und ist Teil einer Kooperation.

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Redaktion cvj.ch

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