Der Kampf um den wahren Bitcoin

Jeder Schweizer weiss: Den «Foifer» und das «Weggli» kann man nicht haben. In der Ökonomik spricht man in diesem Zusammenhang von Trade-offs: Gewinne ohne entsprechende Einbussen gibt es nicht. Nochmal anders hat es Milton Friedman ausgedrückt: «There is no such thing as a free lunch.» Dieser Grundsatz gilt auch für den Bitcoin. Dessen Popularität drängt die digitale Währung immer mehr dazu, sich zu entscheiden: «Foifer» oder «Weggli»?

Doch worum geht es überhaupt? Im Grundsatz um die Skalierungsfrage: Die durchschnittlichen Blockgrössen nähern sich dem Limit. Je grösser ein Block, desto grösser die Datenkapazität und damit auch das Transaktionsvolumen, das die zugrundeliegende Blockchain-Technologie abwickeln kann. Zurzeit beträgt diese Blockgrösse ein Megabyte, die Zahl möglicher Transaktionen pro Sekunde ist somit auf sieben limitiert.

Teurer Kaffee

Diese Blockgrösse gerät nun immer stärker unter Druck. Während man vor ein paar Jahren mit Bitcoin ohne Weiteres einen Kaffee bezahlen konnte, ist dies heute kaum mehr sinnvoll. Die Transaktionsgebühren sind mittlerweile so hoch (die Höhe hängt auch vom jeweils verwendeten Wallet ab), dass sich kleine Transaktionen oft nicht mehr lohnen. Wer kauft sich schon einen Kaffee und bezahlt dafür Gebühren in fast derselben Höhe?

Dass die Transaktionsgebühr derart gestiegen ist, hat mit dem Anreizkonzept von Bitcoin zu tun. Die sogenannten Miners prüfen jede einzelne Transaktion auf deren Gültigkeit und verlangen hierfür eine Gebühr. Steigt die Anzahl Transaktionen, wird jene Transaktion am ehesten geprüft, welche die höchste Gebühr entrichtet. Für alle anderen heisst es: hinten anstehen. Mit der Folge, dass man gut auch mal mehrere Stunden bis Tage warten muss, bis eine Transaktion durch die Miners für gültig erklärt worden ist.

Unternehmer mit Bitcoin-basierten Geschäftsmodellen aber auch Nutzer, die Bitcoin als Zahlungsmittel verwenden, erachten eine Erhöhung der Blockgrösse daher als unausweichlich. Nur wenn Bitcoin in der Lage sei, grössere Transaktionsmengen abzuwickeln, werde sich die Digitalwährung als ernsthafte Zahlungsmittelvariante etablieren können.

Etwas überraschend ist, dass auch ein Grossteil der Miners für die Block-Vergrösserung eintritt. Das bedeutet für sie: mehr Aufwand bei kleineren Transaktionsgebühren – ein wenig begrüssenswertes Szenario, müsste man meinen. Doch ihre Beweggründe sind durchaus nachvollziehbar: Da das Mining-Geschäft mit grösseren Blöcken teurer und aufwändiger wird, würden gerade kleine Miners aus dem Markt gedrängt werden. Letztlich würde sich das Geschäft fast nur noch für die grossen Miners lohnen.

Hochverrat oder Notwendigkeit?

Genau das befürchten die Gegner der Block-Vergrösserung. Sie würde die digitale Währung – entgegen der eigentlichen Philosophie einer breiten Dezentralisierung – von einigen wenigen Grossmineuren abhängig machen. Diese Debatte zieht sich bereits einige Jahre dahin, doch seit zwei Monaten scheinen die Dinge nun plötzlich konkreter zu werden: Im Mai hat eine Gruppe von Unternehmern und Miners den bis anhin wohl populärsten Plan vorgelegt. Unter dem Namen «SegWit2x» haben sie ein Konzept vorgestellt, welches die ermattende Skalierungsdiskussion entschärfen soll, damit die Ressourcen endlich wieder produktiv eingesetzt werden können.

«SegWit2x» bezieht sich auf einen Vorschlag aus dem Jahr 2015 – auch bekannt unter dem Namen «Segregated Witness» oder kurz «SegWit». Mit diesem Update soll die Transaktionskapazität von Bitcoin erhöht werden, ohne die Blockgrösse innerhalb der Blockchain zu erhöhen. Die jeweiligen Signaturdaten der betreffenden Transaktionen sollen nicht mehr länger innerhalb eines Blockes gespeichert werden, sondern in einer externen Datenbank. Das schafft innerhalb des Blocks Speicherplatz für neue Transaktionen. Damit dieses Protokoll-Update «SegWit» aktiviert werden kann, wurde ursprünglich eine Lösung (BIP 141) vorschlagen, die einer Zustimmung von 95 Prozent der gesamten Mining-Power auf der Bitcoin-Blockchain bedarf.

Natürlich besitzt niemand alleine eine derart grosse Mining-Power. Bei Bitcoin gibt es keine zentrale Entscheidungsgewalt. Änderungen müssen stets durch die Bitcoin-Community akzeptiert werden.

Obwohl «SegWit» mehr Transaktionen ermöglichen würde, geht der Vorschlag einigen zu wenig weit – sie beharren auf der Block-Vergrösserung. Genau diesen Kompromiss verspricht «SegWit2x»: Mit dessen Implementierung würde in einem ersten Schritt nicht nur «SegWit» realisiert, sondern auch eine Block-Vergrösserung von einem auf zwei Megabyte.

Licht am Ende des Tunnels?

Dieser Kompromiss scheint eine reale Chance zu haben. Anders als beim ursprünglichen Vorschlag (BIP 141) zur Einsetzung von «SegWit», ist bei dieser Kompromissvariante (BIP 91) «bloss» eine Zustimmung von 80 Prozent aller Miners nötig. In den letzten Tagen hat sich gezeigt, dass bis zu 90 Prozent der Mining-Power ihre Unterstützung angekündigt haben. Noch ist aber nichts im Trockenen: Auch in der Bitcoin-Welt können Äusserungen und tatsächlich realisierte Handlungen voneinander abweichen. So könnte es durchaus sein, dass sich Miners trotz der Aktivierung der Kompromissvariante (BIP 91), aus welchen Gründen auch immer dafür entscheiden, sich nicht danach zu richten.

Sollte sich die Community nicht einigen können, droht etwas, das vielen Bitcoin-Anhänger Angst bereitet: eine Spaltung des Bitcoin. Denn scheitert die Kompromissvariante (BIP 91) wird automatisch eine weitere Variante (BIP 148) aktiviert, welche die Miners dazu zwingt, SegWit umzusetzen. Dies birgt Potenzial für eine Abspaltung derjenigen Miners, die nicht zustimmen.

Doch auch wenn sich «SegWit2x» durchsetzt, ist die Gefahr einer Auftrennung nicht gebannt. In diesem Fall müssten am ersten 1. November 2017 100 Prozent aller Miners der Block-Vergrösserung auf zwei Megabyte zustimmen, damit sich die Bitcoin-Blockchain nicht in zwei unterschiedliche Varianten aufteilte. In diesem Fall gäbe es zwei unterschiedliche Bitcoins – wie es bei Ethereum mit Ether und Ether Classic geschehen ist.

Alles halb so wild?

Viele fürchten sich vor einer Aufspaltung, da diese Unklarheit eine starke Preiskorrektur zur Folge haben könnte. Zudem bestünde die Gefahr, dass man im Zuge dieser allgemeinen Ungewissheit und Unsicherheit auf den «falschen» Bitcoin setzt. Im schlimmsten Fall würden alle Miners und Nutzer auf den anderen Bitcoin wechseln, worauf die eine Bitcoin-Variante verschwinden würde.

Wie sich bei Ethereum gezeigt hat, muss dies jedoch nicht zwingend der Fall sein. Gerade im Fall von Bitcoin, der hauptsächlich die Funktion von Geld erfüllen will, wäre eine Koexistenz zweier unterschiedlicher Varianten durchaus plausibel. So wie Gold früher eher bei grösseren Geldbeträgen zum Zug kam, während Silber das Geld des kleinen Mannes war, könnte der Bitcoin mit geringer Blockgrösse für grosse Transaktionen Verwendung finden. Die Bitcoin-Variante mit der erweiterten Blockgrösse ihrerseits würde als alltägliches Zahlungsmittel eingesetzt.

Welchen Weg die Bitcoin-Community wählt, wird sich in den nächsten Wochen bis Monaten zeigen. Bis dahin gilt es, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Gerade in den Tagen vor und nach dem 1. August macht es Sinn, über den Private-Key zu den eigenen Bitcoins persönlich zu verfügen und diesen nicht etwa bei einer Börse zu lagern. Sollte es tatsächlich zu einer Aufspaltung kommen, ist jeder Nutzer gut beraten, keine Transaktionen mit Bitcoin durchzuführen, bis sich der Schleier über der Zukunft Bitcoins wieder gelüftet hat.

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Über den Autor

Pascal Hügli

Pascal Hügli ist Journalist bei der financialmedia AG. Er publiziert regelmässig für den Online-Newsletter 10x10 oder die von der financialmedia AG produzierte Verlagsbeilage "Anlegen mit Weitsicht" in der FuW. Er ist regelmässiger Autor von CVJ.CH.