JPMorgan, Citigroup, Bank of America und Wells Fargo planen ein Netzwerk für tokenisierte Einlagen, betrieben durch The Clearing House. Der früheste Start ist für die erste Hälfte 2027 vorgesehen, mit sofortigem Settlement, 24/7-Liquiditätsbewegung und grenzüberschreitenden Zahlungen für Unternehmenskunden.
The Clearing House ist ein privatwirtschaftliches Zahlungsunternehmen im Besitz von 24 der grössten US-Banken. Als einziger privater ACH- und Wire-Betreiber des Landes verarbeitet die 1853 gegründete Gesellschaft täglich knapp 2 Bio. USD. Das entspricht rund der Hälfte aller kommerziellen Zahlungstransaktionen in den USA. Im Jahr 2017 lancierte sie zudem das RTP-Netzwerk für Echtzeitzahlungen, die erste neue US-Zahlungsinfrastruktur seit 40 Jahren, mit 24/7-Settlement und ISO-20022-Standard. RTP erreicht heute einen Grossteil der US-Demand-Deposit-Accounts. Das geplante Netzwerk, intern als „the bridge" oder „the chain" bezeichnet, baut auf dieser Infrastruktur und dem Vertrauens-Ökosystem der Mitgliedsbanken auf. Einen Blockchain-Anbieter haben die Banken hingegen bislang nicht ausgewählt.
Sofortiges Settlement für multinationale Konzerne
Das Netzwerk zielt auf vier Kernfunktionen: sofortiges Settlement, eine durchgehende Liquiditätsbewegung rund um die Uhr, grenzüberschreitende Zahlungen und das Treasury-Management grosser Unternehmenskunden. Primäre Zielgruppe sind multinationale Konzerne, die ihre operative Liquidität über Ländergrenzen hinweg steuern müssen. Für diese Kunden verspricht ein System für tokenisierte Einlagen, Zahlungen ohne die Verzögerungen klassischer Korrespondenzbankbeziehungen abzuwickeln. Gleichzeitig liesse sich Kapital, das heute über Nacht oder über Wochenenden gebunden bleibt, jederzeit bewegen.
Die technische Grundlage dafür ist vorhanden. Das bestehende RTP-Netzwerk verarbeitet bereits täglich mehr als eine Million Echtzeitzahlungen, allerdings mit einem Transaktionslimit von 10 Mio. USD und ohne die Programmierbarkeit einer Blockchain. Genau hier setzt das neue Netzwerk an: Es verbindet die Vertrauensstrukturen und Reichweite der Mitgliedsbanken mit einem tokenisierten Abwicklungsmodell. Für Konzern-Treasuries, die heute Liquidität in mehreren Währungen und Zeitzonen vorhalten, könnte das somit den Kapitalbedarf deutlich senken.
Konkret ist vieles jedoch noch offen. Weder steht der zugrundeliegende Blockchain-Anbieter fest, noch existiert eine offizielle Bezeichnung für die Plattform. Innerhalb des Konsortiums kursieren zwei Arbeitsnamen, wobei einige Banken von „the bridge" und andere von „the chain" sprechen.
„Das ist ein grosser Schritt für die Banken." - David Watson, CEO, The Clearing House
Stablecoins als Auslöser
Hinter der Initiative steht der wachsende Druck durch Stablecoins. Anbieter wie Circle mit USDC, Tether mit USDT und PayPal mit PYUSD drängen seit Jahren in den Zahlungsverkehr, ein Kerngeschäft der etablierten Banken. Diese Token wickeln täglich Milliarden USD ab und gewinnen zunehmend auch im institutionellen Bereich an Bedeutung. Daraus entsteht zudem ein konkretes Risiko: Unternehmenskunden könnten ihre Betriebsmittel in Stablecoins parken und damit Einlagen aus dem regulierten Bankensystem abziehen.
Dieses Deposit-Flight-Risiko trifft die Banken an einer empfindlichen Stelle, denn Unternehmenseinlagen zählen zu den günstigeren und stabileren Refinanzierungsquellen. Verlagert sich operative Liquidität in grossem Stil zu Non-Bank-Emittenten, schwächt das die Bilanzbasis der Institute. Mit einem eigenen Netzwerk versuchen sie deshalb, die Geschwindigkeit und Programmierbarkeit der Stablecoins zu replizieren, ohne dabei das regulierte Territorium zu verlassen oder ihre Kunden an externe Anbieter zu verlieren.
Tokenisierte Einlagen sollen genau diesen Abfluss verhindern. Sie sind digitale Repräsentationen echter Bankeinlagen auf einer Blockchain. Anders als Stablecoins bleiben sie in der Bankbilanz, sind FDIC-versichert und unterliegen der vollen Bankenregulierung. Damit positionieren sich die Institute als regulierte Alternative zu den Non-Bank-Emittenten. Shahmir Khaliq, Head of Services bei Citi, bezeichnete das Netzwerk als einen Schritt, der „die Rolle der Banken in der Finanzierung, im Geldmanagement und in den Kapitalmärkten zementiert". Aktiv nachgefragt wird das Produkt von Kunden allerdings noch nicht. Mark Monaco, Head of Global Payments Solutions bei Bank of America, dämpfte die Erwartungen entsprechend: Mit jeder Art von Neuadoption brauche es Zeit.
Der regulatorische Vorteil durch den GENIUS Act
Den entscheidenden Hebel liefert die US-Gesetzgebung. Präsident Trump unterzeichnete im Juli 2025 den GENIUS Act, das erste US-Bundesgesetz mit einem umfassenden Regulierungsrahmen für Payment Stablecoins. Das Gesetz passierte den Senat mit 68 zu 30 und das Repräsentantenhaus mit 308 zu 122 Stimmen, also mit breitem parteiübergreifendem Rückhalt. Tokenisierte Bankeinlagen schliesst der GENIUS Act jedoch explizit aus seinem Geltungsbereich aus. Für Deposit-Token-Produkte benötigen Banken folglich keine separate Stablecoin-Lizenz.
Daraus ergibt sich eine strukturelle Asymmetrie zugunsten der Banken. Der GENIUS Act verbietet Stablecoin-Emittenten das Zahlen von Zinsen an die Halter, während tokenisierte Einlagen weiterhin verzinst werden dürfen. Für Unternehmenskunden, die grosse Liquiditätsbestände halten, ist dieser Zinsvorteil ferner ein gewichtiges Argument gegen das Ausweichen auf USDC oder USDT. Das Konsortium nutzt den regulatorischen Rahmen somit nicht zufällig, sondern gezielt als Wettbewerbshebel.
Den nächsten regulatorischen Einschnitt bildet die OCC. Die Aufsichtsbehörde hat 2026 zunächst einen Regelentwurf unter dem GENIUS Act veröffentlicht. Das Effektivdatum des Gesetzes greift zum früheren der beiden Termine: 18 Monate nach Inkrafttreten, also Anfang Januar 2027, oder 120 Tage nach Veröffentlichung der finalen Regeln. Der regulatorische Rahmen dürfte damit zeitlich nah am geplanten Netzwerkstart in der ersten Hälfte 2027 liegen.
JPMorgans Vorarbeit und der Markt für Deposit Token
Das Konsortium kommt nicht aus dem Nichts. JPMorgan lancierte zunächst im November 2025 seinen USD-Deposit-Token JPMD auf dem Base-Netzwerk von Coinbase, einer Ethereum-Layer-2, für institutionelle Kunden. Zu den Pilotpartnern zählten Mastercard, Coinbase und B2C2. Wenige Wochen später, im Januar 2026, brachte BNY einen eigenen Tokenized-Deposit-Service an den Start. Er läuft auf einer privaten, permissioned Blockchain, mit ICE, Citadel Securities, Ripple Prime und Circle als frühen Nutzern. Die Depotbank verwaltet nach Marktschätzungen knapp 58 Bio. USD an Assets und zählt damit zu den grössten der Welt.
Der Markt bewegt sich also bereits, allerdings in voneinander getrennten Silos. Jede Bank betreibt bislang ihre eigene Infrastruktur. Das erschwert Transfers zwischen den Systemen und begrenzt den praktischen Nutzen für grosse Kunden. Einen Vorgriff auf den Standardisierungsgedanken lieferte schliesslich im November 2025 ein Interoperabilitäts-Framework von DBS Bank und Kinexys by J.P. Morgan. Es soll Transfers tokenisierter Einlagen zwischen verschiedenen Blockchains ermöglichen und damit auf einen Branchenstandard zielen.
Das Konsortiums-Netzwerk lässt sich vor diesem Hintergrund als Versuch lesen, die Fragmentierung durch eine gemeinsame Infrastruktur aufzulösen und einen solchen Standard zu setzen. Daneben soll dem Vernehmen nach ebenfalls ein separates Cari Network aus fünf Regionalbanken im vierten Quartal 2026 für den Privatkundenbereich starten, wobei diese Angabe bislang nicht breit bestätigt ist.








