Die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James reichte zivilrechtliche Klagen gegen Coinbase und Gemini Titan ein. Beide betreiben laut Anklage unlizenzierte Glücksspielplattformen unter dem Deckmantel CFTC-regulierter Derivate. Gefordert werden mindestens 2.2 Mrd. USD von Coinbase und 1.2 Mrd. USD von Gemini.
Damit reiht sich New York in eine wachsende Koalition von Bundesstaaten ein, die gegen Prediction-Market-Anbieter vorgehen. Die Coinbase-Aktie (COIN) gab nach Bekanntgabe der Klage rund 6 Prozent nach. Laut Klageschrift hat die New York State Gaming Commission weder Coinbase noch Gemini eine Lizenz erteilt - weder für Sportwetten noch für andere Glücksspielaktivitäten.

Der Kern des Vorwurfs: Glücksspiel ohne Lizenz
Beide Plattformen ermöglichen Nutzern laut Klageschrift Wetten auf Sportveranstaltungen, Unterhaltungsereignisse und politische Entwicklungen. Nach Auffassung der New Yorker Justiz handelt es sich um klassisches Glücksspiel, denn die Ergebnisse liegen ausserhalb der Kontrolle der Teilnehmer. Ohne Genehmigung der Gaming Commission sind die Prediction Markets somit illegal.
Heikel wirkt ein zusätzlicher Vorwurf zum Jugendschutz. Beide Plattformen liessen Nutzer ab 18 Jahren zu, während New York für mobile Sportwetten ein Mindestalter von 21 Jahren vorschreibt. Erschwerend kommt hinzu, dass Coinbase und Gemini Wetten auf Spiele mit New Yorker College-Teams akzeptiert haben sollen. Diese sind nach bundesstaatlichem Recht gesondert verboten. James fordert deshalb nicht nur Strafzahlungen, sondern auch ein Zugangsverbot für Personen unter 21 Jahren und einen Stopp jeglichen Marketings auf College-Campussen.
Die zivilrechtlichen Forderungen reichen weit. Verlangt wird die Abschöpfung aller illegalen Gewinne (disgorgement), hinzu kommen zivilrechtliche Strafen in dreifacher Höhe der erzielten Erträge (treble damages) sowie eine Entschädigung betroffener Kunden. Die in der Klageschrift genannten 3.4 Milliarden USD gelten ausdrücklich als Mindestbetrag.
Die Gegenwehr: CFTC-Lizenz als Schutzschild
Coinbase wies die Vorwürfe umgehend zurück. Paul Grewal, Chief Legal Officer des Unternehmens, bezog auf X öffentlich Stellung und verwies auf die bundesrechtliche Regulierung der Plattformen.
"Prediction Markets sind federal regulierte nationale Börsen, die bei der CFTC registriert sind. Diese Frage wird gerade vor einem New Yorker Bundesgericht verhandelt. Coinbase wird weiterhin für die bundesstaatliche Aufsicht über diese Märkte kämpfen, die der Kongress vorgesehen hat." - Paul Grewal, Chief Legal Officer, Coinbase
Gemini lehnte eine Stellungnahme ab. Die Einheit Gemini Titan hatte erst im Dezember 2025 ihre CFTC-Lizenz als Designated Contract Market erhalten, die US-Plattform startete eine Woche später. Coinbase seinerseits ging bereits im Dezember 2025 in die Offensive und reichte Klagen gegen Connecticut, Michigan und Illinois ein, um staatliche Eingriffe präventiv abzuwehren.
Die Kernfrage lautet nicht, ob Wetten auf Sportereignisse stattfinden, sondern wer sie regulieren darf. Coinbase und Gemini argumentieren, dass Prediction Markets als CFTC-registrierte Derivate-Plattformen der exklusiven Bundesaufsicht unterstehen und Staatsrecht präemptiert sei. New York hält dagegen: Die Produkte seien faktisch Glücksspiel und unterlägen damit staatlichem Recht.
Sieben Staaten, ein Zirkel-Split und der Weg zum Supreme Court
New York ist mindestens der siebte Bundesstaat, der gegen Prediction-Market-Anbieter juristisch vorgeht. Die CFTC reichte am 2. April 2026 gemeinsam mit der US-Regierung Klagen gegen Illinois, Connecticut und Arizona ein, um die bundesrechtliche Jurisdiktion zu verteidigen. Der Konflikt entwickelt sich zu einem klassischen Föderalismus-Streit zwischen Washington und den Einzelstaaten.
Die Rechtslage verschärft sich durch einen drohenden Circuit Split. Am 20. April 2026, einen Tag vor der New Yorker Klage, entschied der Third Circuit zugunsten von Kalshi gegen New Jersey: Sportwetten-Kontrakte auf CFTC-registrierten Designated Contract Markets präemptieren staatliches Glücksspielrecht. Parallel läuft vor dem Ninth Circuit eine Anhörung zur Nevada-Klage. Fällt dort ein staatsfreundliches Urteil, führt der Weg direkt zum Supreme Court. Prediction-Market-Trader taxieren die Wahrscheinlichkeit eines SCOTUS-Verfahrens bis Ende 2026 auf 64 Prozent.
Kampf um einen Miliardenmarkt
Die ökonomischen Dimensionen erklären die Härte des Streits. Kalshi, der grösste US-Prediction-Market-Anbieter, erzielte während vier Tagen des March-Madness-Turniers 25 Millionen USD an Gebühreneinnahmen. Sportwetten machen über 85 Prozent des Kalshi-Volumens aus. Die aktuellen Bewertungen unterstreichen das Gewicht des Segments: Kalshi steht bei 22 Milliarden USD, Polymarket bei 20 Milliarden USD. Für Coinbase und Gemini ist der Markt ein strategisch wichtiger Wachstumskanal, den sie nicht kampflos aufgeben dürften.
Auf legislativer Ebene brachten die US-Senatoren John Curtis und Adam Schiff am 23. März 2026 den "Prediction Markets Are Gambling Act" ein, der Sport- und Casino-Event-Kontrakte explizit aus der CFTC-Jurisdiktion herausnehmen würde. Auffällig ist, wie stark die Einzelstaaten dabei gegen eine bundesweite Derivate-Aufsicht mobilisieren, die der Kongress selbst etabliert hat. Erst eine Entscheidung des Supreme Court oder ein Eingreifen des Kongresses dürfte die regulatorische Unsicherheit beenden.








