Zwei Perspektiven auf die Blockchain

Es handelt sich um eines der revolutionärsten Thesenpapiere, das jemals geschrieben wurde: das Bitcoin-Whitepaper. Auf nur neun Seiten ist das Konzept einer dezentralisierten Datenbank beschrieben. Das revolutionäre Element: Information lässt sich dezentral verwalten. Die bis anhin unentbehrliche Kontrolleinheit, die in letzter Instanz über eine Datenbank Buch führen muss, damit das Vertrauen in diese sichergestellt werden kann, wird durch ein über eine Vielzahl von Computern verteiltes Anreizsystem ersetzt. Dieses wiederum wird durch netzwerkbasierte Konsensregeln aufrechterhalten.

Diese Neuheit wird heute gemeinhin als Blockchain beschrieben – der Begriff selbst allerdings kommt im Bitcoin-Thesenpapier nicht vor. Gewählt wurde er deshalb, weil die Analogie einer Blockkette dabei hilft, die Technologie zu verstehen, handelt es sich doch letztlich um blosse Bits und Bytes: Transaktionen werden zu Blöcken zusammengefasst und über kryptografische Verschlüsselungen, sogenannte Hashes, miteinander verbunden. Dadurch entsteht eine stetig wachsende Kette – eben die Blockchain. Weil die jeweiligen Blöcke über einen Hash aneinander geknüpft sind, muss die Veränderung eines einzigen Kettengliedes sofort auffallen, da sie die ganze Blockchain verändert. Weil das dezentralisierte Buchführungssystem jederzeit von jedermann im Netzwerk einsehbar ist, sind Fälschungen und Täuschungen kaum möglich.

Aus technologischer Sicht vereint die Blockchain vier wesentliche Elemente der noch jungen Informatikwissenschaften: den Open-Source-Ansatz freier Software, Peer-to-Peer-Netzwerke, digitale Signaturen und Hashing-Algorithmen. Es ist diese sinnvolle Kombination dieser vier IT-Komponenten, welche die Faszination bei jenen hervorruft, die sich mit der Blockchain eingehender befassen.

Verkannte Sprengkraft

Die Schlussfolgerung liegt daher nahe, in der Blockchain eine neue bahnbrechende Informations- und Kommunikationstechnologie zu sehen, die bestehenden Strukturen und Konzernen neuen technologischen Aufwind verleihen wird. Diese technologie-basierte Perspektive dominiert zurzeit im Finanz- und Bankensektor. Die Blockchain wird als Technologie betrachtet, die verschiedenste Finanzinstitute unterschiedlich adaptieren, was den technologischen Wettbewerb innerhalb der Bankenbranche ankurbeln sollte. Die allgemeine Erwartung ist daher, dass ein ähnlicher Marktprozess einsetzen wird, wie er sich bei anderen technologischen Neuentdeckungen abgespielt hat: Einige Banken werden sich anpassen und gedeihen, andere werden zurückbleiben und verschwinden. Ein potenzieller Erfolg wird von den strategischen Entscheidungen und der Nutzung dieser neuen Technologie zur Steigerung der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit abhängen.

Dieser Perspektive lässt sich allerdings eine zweite gegenüberstellen: Die Blockchain ist nicht vergleichbar mit einer neuen innovativen App, Plattform oder Informationstechnologie. Vielmehr verkörpert sie eine neue «General-Purpose-Technologie» (GPT), eine Basistechnologie, die das Potenzial hat, die Gesellschaft durch ihre Auswirkungen auf die bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Strukturen fundamental zu verändern. Die Blockchain spielt in derselben Liga wie die Dampfmaschine, die Elektrizität, die Eisenbahn, der Computer und das Internet. Doch weshalb?

Das Ungewöhnliche an dieser Neuentdeckung ist: Obwohl es sich um eine Informations- und Kommunikationstechnologie handelt – digitale Informationen lassen sich über eine öffentliche Datenbank verwalten – sollte die Blockchain besser als institutionelle oder soziale Technologie zur dezentralen Koordination von Menschen verstanden werden.

Automatisiertes Vertrauen

Die erstmalige Möglichkeit der dezentralisierten Buchführung ohne Intermediär ebnet den Weg für eine neue Art von Verträgen, Institutionen und Organisationen. Indem die Blockchain Vertrauen «automatisiert», ermöglicht sie eine Form der Corporate Governance ohne Corporate. Das Stichwort hier: «Decentralized Autonomous Organization» oder kurz auch DAO. Eine DAO lässt sich am besten als eine Gruppe von Personen beschreiben, die auf der Basis kryptografischer Token und völlig transparenter Software-Regeln funktioniert und nicht durch eine juristische Person und formale Verträge geregelt ist.

Die Führung geschieht nicht wie bei traditionellen Unternehmen auf hierarchischer und daher zentralistischer Basis, sondern gemeinschaftlich auf der Basis von sich selbst ausführenden Verträgen auf der Blockchain, sogenannten Smart Contracts. Eine Institution also, die allen und niemandem gehört – gleichwohl aber über einen integrierten Netzwerk-Token verfügt und so Anreize schafft, das dezentralisierte Gefüge funktional zu halten.

Dass bestehende Unternehmen und Staaten angesichts des Hypes um die Blockchain auf diesen Zug aufspringen, verwundert wenig. Immer weckt eine neue Technologie das Interesse traditioneller Akteure, die über gewinnbringende Anwendungsfälle nachdenken. Dazu gehören Konsortium- oder private Blockchains mit beschränktem Zugriff. Doch stellt sich die Frage: Wo liegt das eigentliche Revolutionspotential dieser neuen Technologie? Darin wie sich private und staatliche Institutionen die Blockchain zunutze machen können oder vielmehr wie und in welchem Ausmass sie mit Unternehmen und Staaten konkurrieren wird?

Box «Blockchain – Die wichtigsten Begrifflichkeiten»

Mining  Mittels Rechenleistung verarbeiten die Miner Transaktionen zu Blöcken und schaffen so die Blockchain, bei der jeweils der neuste Block auf seinen Vorgänger referenziert. Dadurch entsteht eine für alle Netzwerkteilnehmer einsehbare Transaktionshistorie. Miner stellen letztlich in dezentralisierter Manier die Buchhaltung sicher und schürfen so neue Bitcoin.

Node  Das sind alle Blockchain-Netzwerkteilnehmer. Ein «full node» unterstützt das Netzwerk durch Validierung und Weiterleitung von Transaktionen und erhält dafür eine Kopie der gesamten Blockkette. Ein «light node» dagegen ist lediglich Endnutzer der Dienstleistung, welche durch die Blockchain bereitgestellt wird.

Konsensus  Da die Blockchain über keine zentrale Kontrollinstanz verfügt, braucht es einen Algorithmus, der einen Netzwerkkonsens über den aktuellen Stand der Blockchain sicherstellt. Unterschiedliche Blockchains verwenden hierfür unterschiedliche Konsensus-Regeln.

Kryptographie  Dabei handelt es sich um die Wissenschaft der Verschlüsselung von Informationen. Blockchains basieren auf der asymmetrischen Kryptographie.

Asymmetrische Kryptografie  Hier kommt ein sich ergänzendes Schlüsselpaar zum Einsatz: Public- und Private-Key. Das sind Adressen, die aus einer Zufallskombination von Zahlen und Buchstaben bestehen. Der Public-Key lässt sich mit einer Kontonummer vergleichen. Er dient dem Empfangen, Versenden und Aufbewahren der digitalen Werteinheit. Der Private-Key verschafft einem Zugriff auf die durch die Blockchain verwaltete Information. Er fungiert wie ein Passwort. Der Private Key sollte darum an einem sicheren Ort aufbewahrt werden, damit er nicht gestohlen werden kann.

Fork  Bei einem Fork spaltet sich eine neue Version von der bestehenden Blockchain ab, um fortan als eigenes Netzwerk zu funktionieren. Häufig wird eine Blockchain «geforkt», wenn über eine Änderung im Quellcode neue Konsens­regeln implementiert werden sollen. Entweder wegen eines Fehlers im Programmiercode oder weil ein Update für nötig erachtet wird.

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Über den Autor

Pascal Hügli

Pascal Hügli ist Journalist bei der financialmedia AG. Er publiziert regelmässig für den Online-Newsletter 10x10 oder die von der financialmedia AG produzierte Verlagsbeilage "Anlegen mit Weitsicht" in der FuW. Er ist regelmässiger Autor von CVJ.CH.